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09. Februar 2010
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Ausstieg

Atomkraft spart nur Cents

VON MICHAEL BERGIUS UND VERA GASEROW

Zumindest eines ist sicher an der Atomkraft in Deutschland - sie wird zum Wahlkampfthema für die nächste Bundestagswahl. Spätestens an diesem Wochenende hat die große Koalition ihren Burgfrieden aufgekündigt, bis zum Ende der gemeinsamen Regierungszeit nicht am Atomausstieg zu rütteln. Bisher war Angela Merkel - obwohl erklärte Anhängerin von längeren AKW-Laufzeiten - die Garantin dafür, dass der Grundsatzstreit ihre Koalition nicht spaltete.

Doch unter dem Druck von steigenden Energiepreisen, Klimawandel und internationaler Atomkraft-Euphorie ließ die Kanzlerin am Montag erklären, die Debatte habe zweifellos "eine neue Dynamik erfahren". Damit lockert die CDU-Chefin - mit zielsicherem Blick auf aktuelle Meinungsumfragen und nahende Wahlen - die Zügel für einen offenen Schlagabtausch über die Atomkraft mit dem Noch-Koalitionspartner SPD.

Die Sozialdemokraten hielten am Montag standhaft dagegen. Auch sozialdemokratische Wirtschaftspolitiker wiesen die Forderung nach einem Ausstieg aus dem Ausstieg strikt zurück. Doch SPD-Vordenker Erhard Eppler hat mit seinem Vorstoß, Atomreaktoren länger laufen zu lassen, wenn im Gegenzug ein Bauverbot für neue Meiler ins Grundgesetz käme, dem Herzensthema Atomausstieg zumindest einen Streifschuss verpasst. Vor allem SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel gerät nun in die Defensive. Es gebe zwar Bewegung in Debatte, aber keinen Meinungsumschwung pro Atomkraft, sagte sein Sprecher am Montag. Selbstbewusst klingt anders.

Längere Laufzeiten machen Strom billiger. Stimmt's?

Das Thema kommt immer wieder hoch: Man verlängere die Laufzeiten der deutschen AKW, und schon purzeln die Strompreise, glaubt man den Energiekonzernen und vielen Unionspolitikern. Die neueste Windung lautet: Einen Teil der vermeintlichen Erlöse könne man zur Entlastung finanziell besonders gebeutelter Haushalte nutzen.

Die Atomkraft trägt derzeit zu rund einem Viertel zur Stromerzeugung in Deutschland bei. Eine Kilowattstunde Atomstrom kostet rund 2,65 Cent, für Elektrizität aus Steinkohle oder Gaskraftwerken liegt der Tarif bei 3,35 bzw. 4,90 Cent. Maßgeblich für die Strompreisbildung hierzulande ist das Geschehen an der Leipziger Strombörse. Dort wiederum wird nach dem so genannten Grenzkostenprinzip kalkuliert: die besonders teuren Kraftwerke (meistens Steinkohle oder Gas) bestimmen den Preis.

Eine Laufzeitverlängerung für deutsche AKW würde zunächst wenig ändern. Verbraucherschützer beziffern die Kostenvorteile in Folge längerer Laufzeiten auf monatlich etwa 30 Cent pro Haushalt. Skeptisch äußerte sich zuletzt auch der Chef der Deutschen Energieagentur Dena, Stephan Kohler: "Alle deutschen AKW sind noch in Betrieb und bilden die Grundlage für den heutigen Marktpreis für Strom. Mir hat noch niemand schlüssig erklärt, wo Preisreduktionen durch eine Laufzeitverlängerung herkommen sollen", sagte er der FR. Kritiker der Verlängerung führen auch gern an: Die Großen Vier der Branche haben in den vergangenen Jahren Milliardengewinne durch ihr AKW-Geschäft eingefahren; die Kunden bekamen davon wenig zu spüren.

Ist Deutschland isoliert?

Wirtschaftsminister Michael Glos bemüht derzeit gern das Bild vom Geisterfahrer: Alle Welt entdeckt die Kernkraft wieder oder neu - und Deutschland beharrt auf seinem Ausstiegsbeschluss: Weltweit sind aktuell rund 440 AKW am Netz. An die 30 Bauvorhaben sind im Gange - vor allem in China, Indien und Pakistan. Einige der "Neubauten" fristen allerdings eher ein Ruinendasein - wie das iranische Kraftwerk Bushehr, dessen Spatenstich bereits vor mehr als 30 Jahren erfolgte. In Europa hält sich die vermeintliche Renaissance noch in Grenzen: es gibt ein Projekt in Finnland, das sich ständig verzögert und dessen Kosten aus dem Ruder laufen, sowie eines in Frankreich.

Wie sicher ist der Atomausstieg?

Für den Ausstieg aus dem Ausstieg müsste das 2002 beschlossene Atomgesetz geändert werden. Besiegelt wurde in dem Gesetz übrigens nicht nur das allmähliche Aus der Kernkraft in Deutschland nach Ablauf der Restlaufzeiten für die derzeit noch 17 "aktiven" Meiler. Festgelegt wurde bereits damals auch, was der SPD-Grande Eppler jetzt im Grundgesetz verankert sehen will: dass in Deutschland kein neues AKW mehr gebaut werden darf. Für eine Änderung des Atomgesetzes bräuchte es jedoch eine Mehrheit im Bundestag. Die wäre nach derzeitiger Konstellation nur bei einer schwarz-gelben Koalition nach der Bundestagswahl 2009 in Sicht. In jedem Dreier-Bündnis mit den Grünen wäre eine Aufkündigung des Ausstiegs tabu. Die Linke wäre Wackelkandidat: Sie steht unter dem Druck einer eher atomfreundlichen Anhängerschaft. Bei der SPD könnte die bisherige Standfestigkeit womöglich bröckeln. Unter dem öffentlichen Druck könnte ihr bisheriges Veto gegen Strommengenübertragung von neueren auf ältere AKW aufweichen.

Wie Öko ist Atomstrom?

Die Atomlobby verkauft ihre Meiler derzeit als Deutschlands CO2-freie Klimaschützer. Stimmt aber nicht. Um eine Kilowattstunde Strom zu produzieren, pusten AKW selbst nach Angaben ihrer Betreiber bis zu 33 Gramm Kohlendioxid in die Luft - etwa so viel wie Wind und Wasserkraft. Umweltorganisationen rechnen mit 65 Gramm CO2. Das ist aber immerhin nur ein Bruchteil der Treibhausgase, die bei der Stromproduktion durch Kohle oder Erdgas frei werden. Wollte man aber unter dem Signum Klimaschutz den weltweiten Energiehunger mit Kernenergie sichern, müssten 4000 neue AKW gebaut werden, wie Achim Steiner, Chef des UN-Umweltprogramms, vorrechnet - eine schwindelerregende Dimension, die horrende Sicherheitsprobleme bedeutet. Damit würde auch der zum AKW-Betrieb nötige Rohstoff Uran rasch erschöpft sein und sein Preis in schwindelnde Höhen steigen. Schon mit den aktuellen Reaktoren reichen die weltweiten Vorräte für bezahlbares Uran nur noch für 65 Jahre, rechnet Greenpeace. Die Atomlobby spricht von 200 Jahren, sagt aber nicht, wie teuer der Rohstoff würde, wenn die Zahl der AKW weltweit steigt.


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Dokument erstellt am 07.07.2008 um 17:48:03 Uhr
Letzte Änderung am 07.07.2008 um 22:14:14 Uhr
Erscheinungsdatum 08.07.2008
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