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09. Februar 2010
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Diese Frau, die Ihren Mann hauptsächlich betreut...

...Margit Hespeler heißt sie.

Sie ist keine professionelle Krankenpflegerin.

Nein. Mein Mann und ich kannten sie schon eine Weile, und als er krank wurde, hat sie sich ab und zu um ihn gekümmert. Irgendwann hat sie sich bereit erklärt, intensiv für ihn zu sorgen.

Sie ist eine Frau mit gesundem Menschenverstand.

Und sie ist von Anfang an ganz unbefangen mit meinem Mann umgegangen, auch mit seinen Aggressionen, die sie völlig richtig sieht: "Er schlägt wieder, also ist er gesund und im Besitz seiner alten Vitalität." Sie ist sensibel, einfühlsam, sie spürt genau, was er braucht. Das bewundere ich ungeheuer.

Lernen Sie von ihr?

Sehr viel. Gerade in Bezug auf die Verhaltensweisen meines Mannes hat sie mich viel Selbstverständlichkeit gelehrt, die mir zunächst nicht zur Verfügung stand.

Haben Sie, die Humanistin, im hohen Alter ein neues Menschenbild gewonnen?

Ja. Ich habe nie Kontakt zu Menschen mit rein bäuerlichem Hintergrund gehabt. Ich habe das nicht abgelehnt, aber es hat sich nie ergeben. Dazu kommt vielleicht, dass ich in einem intellektuell überbetonten Ambiente gelebt habe, so dass mir diese Art Unmittelbarkeit und Lebensklugheit fremd war.

Ich will noch auf eine andere Ebene des veränderten Menschenbildes zu sprechen kommen. In seinen Reflexionen über aktive und passive Sterbehilfe, wie sie Ihr Mann in seinem mit dem Theologen Hans Küng geschriebenen Buch "Menschenwürdig sterben" angestellt hat, schreibt Ihr Mann sinngemäß: Der Verlust der geistigen Kräfte...

...schließt ein Leben aus, welches das Wort human verdient, ja. Für ihn gehörte zum Leben unmittelbar dazu, im Besitz der geistigen Kräfte zu sein. Er hat aber nie beansprucht, dieses Selbstbild als Menschenbild zu verallgemeinern. Er bezog es nur auf seine Existenz. Ich weiß genau: Mein Mann hat nie so leben wollen, wie er jetzt lebt. Ich war, bezogen auf mich, derselben Ansicht, jetzt bin ich das nicht mehr. Ich muss am Beispiel meines Mannes erkennen, dass der Verlust der geistigen Kräfte allein noch nicht bedeutet, dass ein Leben nicht mehr menschlich, nicht mehr human ist. Und könnte sich mein Mann jetzt zwischen Dasein und Tod entscheiden, würde er sich für das Dasein entscheiden.

Was gibt Ihnen diese Sicherheit?

Er realisiert... da stocke ich. Ich weiß gar nicht, inwieweit er seinen jetzigen Zustand noch realisiert. Ich würde viel darum geben, dass er mir nur einmal für einen Sekundenbruchteil sagen könnte, wie er fühlt, was er denkt - wenn er denkt. Aber ungeachtet dessen bin ich ein großer Anhänger der Patientenverfügung und froh darüber, dass die Ärzte heute gehalten sind, den Willen des Patienten oder der Vertrauensperson zu respektieren.

Ein Siechtum nicht unnötig zu verlängern...

...ein Dahinsterben unter großen Schmerzen nicht unnötig zu verlängern. Das steht natürlich auch alles in der Patientenverfügung meines Mannes. Ich bin bezogen auf körperliches Leid mit ihm wie mit wahrscheinlich den allermeisten Menschen einer Meinung: Dass wir zum Beispiel die Morphiumdosis erhöhen sollten, auch wenn das den Tod bedeutet. Und es beruhigt mich sehr, dass mein Mann das genau so formuliert hat.

Hat er in seiner Patientenverfügung auch seinen jetzigen Zustand vorausgesehen?

Er beschreibt ihn haargenau so, wie er jetzt eingetreten ist. Für mich ist diese Verfügung insofern verbindlich, als dass ich keiner künstlichen Verlängerung seines Zustands zustimmen muss. Einer Magensonde zum Beispiel. Zu verhungern ist nicht so qualvoll, wie viele denken, ich habe das gelegentlich schon gesehen. Ich würde in so einem Prozess Qualen mindernden Beistand erbitten. Aufgrund der Verfügung bin ich dazu befugt.

Welchen Tod hat sich Ihr Mann gewünscht?Fortsetzung auf der folgenden Seite

Er hat sich auf Sigmund Freud bezogen - er hat ja immer in literarischen Kategorien und historischen Vorbildern gedacht -, auf Freud und seinen Arzt Max Schur.

Der Freud mit einer Überdosis Morphium erlöst hat.

Wenn die Bedingungen entsprechend sind, sollte jeder seinen Max Schur haben. Ich glaube nicht an den Sinn des Lebens um jeden Preis, an den Sinn eines Lebens in Qualen schon gar nicht.

Haben Sie und Ihr Mann über die moralische Bürde, die ein Sterbehelfer auf sich nimmt, diskutiert.

Sehr ausführlich.

Wer sollte denn sein Max Schur sein?

Er war sich sicher, dass sich ein Arzt finden würde. Ich habe für den Fall, dass ich meine geistigen Kräfte verlieren würde und er entscheiden müsste, genau so gedacht wie er. Heute habe ich gelernt, differenzierter zu denken. So wie es ihm jetzt geht, würde ich meinem Mann nicht vom Leben zum Tode verhelfen.

Als Ihr Mann erste Anzeichen der Demenz zeigte, hat er da über seinen selbstbestimmten Tod, für den er stets gestritten hat, geredet?

Nein, sein Lebenswille war damals so stark, dass er das Leben, das ihm theoretisch deutlich vor Augen war, nicht vermeiden wollte. Er ist in Momenten großer Verzweiflung aus seinem Arbeitszimmer gekommen und hat im Wohnzimmer mit großem Vergnügen ein Stück Kuchen gegessen. Sein Lebenswille hat über sein Konzept gesiegt.

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Dokument erstellt am 07.08.2009 um 16:58:11 Uhr
Letzte Änderung am 10.08.2009 um 10:19:54 Uhr
Erscheinungsdatum 07.08.2009 | Ausgabe: fr
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