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Ironman in Frankfurt: Ein Münchner im Himmel

Der eigenwillige Triathlet Faris Al-Sultan geht aus dem Überlebenskampf beim Frankfurter Ironman als unerwarteter Sieger hervor und holt sich vor Jan Raphael den Europameistertitel.

Faris Al-Sultan vor der Frankfurter Skyline.
Faris Al-Sultan vor der Frankfurter Skyline.
Foto: dapd

Tief in seinem Herzen, das hat Faris Al-Sultan einmal gesagt, sei er ein Schönwettersportler. Einer, der meist dann seine furiosen Alleingänge im Triathlon zu einem zielführenden Ende brachte, wenn die Sonne erbarmungslos vom Himmel brannte und die Quecksilbersäule in besorgniserregende Bereiche stieg. Unter solchen besonderen Umständen ist der Münchner einst 2005 auf Hawaii Ironman-Weltmeister geworden – unter gegenteiligen Bedingungen, bei Regen und kalten elf Grad, hat der bayrische Charakterdarsteller nun in Frankfurt die Europameisterschaft gewonnen.

Nach 8:13:50 Stunden schritt der 33-Jährige am Römerberg erschöpft durchs Zieltor, und als ihn seine Freundin Ina Reinders in die Arme nahm, weinte der starke Mann. „Ich wundere mich, dass ich gewonnen habe, aber auf dem Rad wollte mir wohl niemand folgen“, erzählte Al-Sultan. „Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich das bei diesen Monsterbedingungen geschafft habe.“ Und dann erinnerte der Athlet daran, wie er 2002 beim ersten Ironman in Frankfurt als Betreuer an der Strecke gestanden habe, „damals habe ich mir geschworen, dass ich hier mal gewinnen will.“

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Triumphlauf im vierten Versuch

Nach drei völlig misslungenen Anläufen geriet der vierte Versuch zu einem Triumphlauf, der auch für Hawaii in diesem Jahr einiges erwarten lässt. „Im Laufen kann ich noch besser werden“, sagte Al-Sultan, der den gestrigen Coup in einer Art Badehose und einem hauchdünnen Oberteil bewältigte. „Ich war ein bisschen underdressed. Hätte es auf der Radstrecke weiter geregnet, wäre ich erfroren vom Rad gefallen.“ Auf eine längere Hose zu verzichten, so freimütig konnte der Sieger später sagen, sei eine Dummheit gewesen. Und auf seinen durchtrainierten Waden hat Al-Sultan ohnehin ein ulkiges Tattoo angebracht: „No socks“ steht drauf – keine Socken, wären sie auch noch so nützlich gewesen.

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Auch der Zweitplatzierte Jan Raphael (8:19:31) erzählte später, dass ihm noch niemals so kalt gewesen sei. „Beim Laufen war ich völlig steif“, so der 31-Jährige aus Hannover. Der Drittplatzierte Michael Göhner (8:20:26) war nur noch fähig, Söhnchen Maximilian im Zielkanal auf die Schulter zu nehmen, dann ließ sich der 31-jährige Schwabe ins Sanitätszelt fahren. Erst bei der Pressekonferenz wirkte der dunkelhaarige Beau wieder ansprechbar, „dieser Ironman war eine unmenschliche Sache.“

Die zur Erschöpfung getriebenen Eisenmänner demonstrierten damit, was Kälte und Nässe den rund 70 Profis genau wie 2450 Altersklassenathleten an diesem Tag angetan hatten. Kühle Temperaturen von elf, zwölf Grad und ständiger Niederschlag sind nicht das, was sich ein Event zum zehnten Geburtstag wünscht. Weil der „längste Tag des Jahres“ mit dem kühlsten Sommertag des Jahres zusammenfiel, mündete die zehnte Auflage des Rennens in einen „Überlebenskampf“, wie der Wiesbadener Profi Uwe Widmann schon auf der Strecke in die Fernsehkamera sagte.

Mit Faris Al-Sultan wurde bei der Siegehrung auf dem Römer ein Champion gefeiert, der zu den eigenwilligsten Darstellern der Szene zählt. Sein Vater Talib kam 1958 aus dem Irak nach Deutschland und leitet noch heute ein Übersetzungsbüro in München. Der Sohnemann hat sich Zeit seines Lebens als Freund deutlicher Worte ausgegeben. Er hat 2009 selbst das Tri Team Abu Dhabi aus der Taufe gehoben, um die Trainingssteuerung zu optimieren. „Mit diesem Erfolg war zu diesem Zeitpunkt wahrlich nicht zu rechnen“, sagte indes auch sein Teammanager Werner Leitner.

Vordenker und Vorkämpfer

Faris Al-Sultan tritt als Vordenker und Vorkämpfer dieser lockeren Vereinigung auf. Dass er zur Vorbereitung erst kürzlich mit seiner Lebensgefährtin die Alpen mit dem Rad überquerte, während sie das Wohnmobil lenkte, sagt viel über einen nach Unabhängigkeit strebenden Athleten mit eigenen Ansichten. Er hat sich vor drei Jahren bei der Siegerehrung in der Frankfurter Eissporthalle geweigert, Chris McCormack zu gratulieren, weil er den australischen Weltmeister für einen Täuscher hält. Die langjährige Fehde mit dem zweifachen Hawaii-Sieger Normann Stadler, den Al-Sultan lange als Selbstdarsteller ansah, ist dagegen beigelegt: Der von einer schweren Herzoperation gezeichnete Mannheimer war extra nach Frankfurt gekommen und gratulierte dem neuen Europameister nun im Zielkanal aufrichtig.

„Ich habe mit vielem Friede geschlossen“, beschied Al-Sultan ganz allgemein, kündigte indes auch an, „dass ich mir treubleiben werde.“ Wenn er in Mallorca eigentlich fürs Radfahren trainiert, geht er abends allein an den Strand, um barfuß durch den Sand zu sprinten; er mag es, sich einsam in der Wüste zu quälen und sich wochenlang von Spaghetti mit Dosensoße zu ernähren. Er hat auch nie daraus ein Hehl gemacht, dass er die arabische Welt und das bayerische Leben gleichermaßen schätzt. Auch ein Besuch in Fast-Food-Restaurants ist nicht selten, der Körperkult vieler Kollegen ist ihm fremd.

Anders als diese hat sich Al-Sultan auch als leidenschaftlicher Antidopingkämpfer einen Namen gemacht. Eingedenk der Tatsache, dass die Weltbestzeiten auf der Langstrecke erst vor zwei Wochen bei der Konkurrenzveranstaltung in Roth mit verblüffender Selbstverständlichkeit von Andreas Raelert und Chrissie Wellington pulverisiert worden sind, ist sein Triumph auch unter diesen Umständen ein gutes Zeichen.

Autor:  Frank Hellmann
Datum:  25 | 7 | 2011
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