Christoph Kopp wird in der Läufer-Szene ein „glückliches Händchen“ nachgesagt. Oft genügt dem 62-Jährigen ein geschulter Blick oder ein kurzes Gespräch, um zu ergründen, wer aus der Schar der von ihm verpflichteten Topathleten für den Frankfurter Marathon als Sieger infrage kommt. Seine Geheimfavoriten aus der afrikanischen Armada erhalten schon seit Jahren die Startnummer sieben – und auffällig häufig ist der Auserwählte unverhofft zu Sieg, Streckenrekord und Rekordgage gestürmt. Wie im Vorjahr Gilbert Kirwa, der achte kenianische Sieger in Folge.
Eingedenk der diesjährigen Nummernvergabe kündigt sich für den morgigen Sonntag (Start 10 Uhr) ein Wachwechsel an Athleten aus Äthiopien an. Die Sieben bei den Männern trägt Tadese Tola, 22 Jahre, Bestzeit 2:06:41 Stunden im April in Paris, bei den Frauen Mare Dibaba, 21, 2:25:38 gleich zum Debüt in Rom. Genau wie Dire Tune, 25, die als eigentliche Favoritin (Bestzeit 2:24:40) gilt, bringen sie gute Form und viel Selbstvertrauen mit. Tadese Tola feiert am Wettkampftag Geburtstag, „ein Sieg wäre das schönste Geschenk“. Und er wäre fast ein Bruch mit der Frankfurter Historie, weil sich in der 29-jährigen Geschichte nur einmal ein Äthiopier in die Siegerliste eingetragen hat (Dereje Nedi, 1984).
Weltrekord: 2:03:59 StundenHaile Gebrselassie (Äthiopien/in Berlin)
Europarekord: 2:06:36Antonio Pinto (Portugal/in London)
Streckenrekord in Frankfurt: 2:06:14Gilbert Kirwa (Kenia)
Jahresweltbestzeit: 2:04:48Patrick Makau (Kenia/in Rotterdam)
DLV-Jahresbestzeit: 2:17:18Falk Cierpinski (Halle/in Düsseldorf)
Boston (19. April) 2:05:52Robert Cheruiyot (Kenia)
London (25. April) 2:05:19Tsegaye Kebede (Äthiopien)
EM Barcelona (1. August) 2:15:31Viktor Röthlin (Schweiz)
Berlin (26. September) 2:05:08Patrick Makau (Kenia)
Chicago (10. Oktober) 2:06:24Samuel Kamau Wanjiru (Kenia)
Die Läufer mit den dünnen Waden reden über die Rivalität nur ungern
Würde es so kommen, der innere Groll der kenianischen Elite wäre gewaltig. Schließlich geht es beim drittwichtigsten deutschen Marathon, der erstmals mehr als 13000 Teilnehmer auf die klassischen 42,195 Kilometer bringen könnte, um viel Geld: Eine Siegerzeit unter 2:06 Stunden (Männer) beziehungsweise 2:22:30 (Frauen) ist 75000 Euro wert. Die Rivalität zwischen den dominanten Nationen zu ergründen, ist diffizil: „Es sind ja keine ethnischen Gräben, die sich da auftun“, sagt Kopp.
Die Läufer mit den dünnen Waden und schmalen Armen reden selbst höchst ungern darüber. Auch im Frankfurter Athletenhotel nesteln die meisten nervös am Fingernagel und pressen ein paar dünne Floskeln im schlechten Englisch hervor, wenn sie dazu befragt werden. „Wir fühlen uns nicht gut, wenn ein Äthiopier vor uns läuft. Das ist eine Frage der Ehre“, erklärt irgendwann der Kenianer Richard Chepkwony, der ohne Siegchance startet. „Äthiopier laufen nicht vorne, sie benutzen uns nur“, ergänzt Daniel Chebii, ein kenianischer Tempomacher. Caroline Kilel, die in der Hochlandregion Kericho zwischen Teefeldern trainierende Topläuferin, kann viel davon erzählen, wie die äthiopischen Frauen sie förmlich von hinten überfallen. „Deren Ladys laufen das ganze Rennen nur in meinem Rücken, und kurz vor dem Ziel stürzen sie vor.“ In Toronto habe sie deswegen den Sieg verpasst, zuletzt beim Halbmarathon in Glasgow „bin ich vom ersten Kilometer an vorneweg gerannt, damit sie mir nicht folgen können.“
Der niederländische Athleten-Manager Gerard van der Veen vergleicht die Situation mit der Rivalität der Deutschen und der Niederländer im Fußball. Und: „Das Problem ist doch schon, dass die Äthiopier kein Englisch sprechen und sich mit Kenianern kaum verständigen können“, sagt der 47-Jährige, der deshalb nur Kenianer unter Vertrag nimmt. „Ich brauche die Kommunikation mit meinen Läufern.“
Kenianer und Äthiopier dominieren seit mehr als einem Jahrzehnt den Marathonsektor. Mehr noch bei den Männern als bei den Frauen. In der Jahresweltbestenliste befinden sich unter den besten 40 19 Kenianer und 17 Äthiopier. Klar ist auch, dass Haile Gebrselassie viel zur Rivalität beigetragen hat. Jedes Kind in Äthiopien kennt die Geschichte seiner Olympiasiege 1996 und 2000 über 10000 Meter, als der Ausnahmeläufer die kenianische Konkurrenz düpierte.
Veranstalter haben oft gute Erfahrungen damit gemacht, sich den gegenseitigen Argwohn einer laufenden Masse zunutze zu machen, die aus den unerschöpflichen Reservoirs im kenianischen Hochland Eldoret oder der Region um die hoch gelegene äthiopische Hauptstadt Addis Abeba gespeist wird. Hier kommen auch fast alle her, die Kopp für sein erstklassig besetztes Elitefeld rekrutiert hat. „Die Strategie ist, einen großen Pulk zu haben, in dem sich alle antreiben und aus dem sich vielleicht zwei Männer respektive zwei Frauen absetzen können.“ Hauptsache, sie rennen für ihn zum Rekord. Ganz gleich, aus welcher Nation sie kommen.