Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Türkei
Berichte, Hintergründe, Analysen zur Türkei

25. Juni 2013

Proteste in der Türkei: „Erdogans Zeit ist vorbei"

 Von 
In Istanbul dauern die Proteste an.  Foto: afp

Die Türkei steht vor großen Veränderungen. Junge Menschen ohne Angst vor der Staatsmacht treten für Demokratie ein. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Sema Kaygusuz.

Drucken per Mail

Ihr Buch Wein und Gold" handelt vom Zusammenprall zweier Kulturen auf einer Ägäis-Insel. Sehen Sie auch einen Zusammenprall der Kulturen in der Gezi- und Taksim-Bewegung?

Es ist nicht das Gleiche. In meinem Roman geht es um eine türkische Insel mit griechischen Einwohnern, die man zur Auswanderung zwang, und um Türken, die man aus Griechenland vertrieb. Es geht um Drama, Tragödie, Traurigkeit. Im Gezi-Park war es ganz anders, keiner fragte den anderen, ob er Kurde, Zigeuner, Armenier oder Deutscher ist. Die Leute waren auf ein höheres Niveau gesprungen.

Der Gezi-Park war auch wie eine Insel.
Stimmt. Die Menschen schufen sich eine Insel.

Fernab der normalen Welt. Während der Gezi-Krise besuchte ich das konservative Istanbuler Viertel Esenler. Von dort ging niemand zum Taksim-Platz oder Gezi-Park, und die Menschen waren nicht einmal neugierig darauf.

Viele Einwanderer aus Anatolien, die in der Peripherie von Istanbul leben, wohnen dort seit 20 oder 25 Jahren, aber sie waren noch nie am Bosporus. Das ist normal. Wenn wir über die Generation im Gezi-Park reden, reden wir über andere Leute. Sie kommen aus der Mittelschicht und sind gut ausgebildet. Es gibt inzwischen Statistiken, wonach 25 Prozent von ihnen mindestens ihr Masterstudium abgeschlossen haben. Die Menschen an der Istanbuler Peripherie leben in einer sehr kleinen Welt. Sie hinterfragen ihre Identität und ihre Tradition nicht. Das Problem der Menschen im Gezi-Park ist dagegen die Freiheit, die Selbstbestimmung. Ich spreche jetzt zuerst nur über diese kleine Gruppe im Zentrum der Bewegung. Aber sie hat große Segmente der Gesellschaft berührt, weil diese alte Identität auch für diese nicht mehr akzeptabel ist. Wären nur Kurden auf dem Taksim-Platz zusammengekommen, hätte es zu einer großen Tragödie kommen können. Wären nur Armenier gekommen, hätte es sehr gefährlich sein können, auch weil es viele Nationalisten hier gibt. Aber es geht um Freiheit – eine abstrakte, hoch spannende Sache, die jeden angeht.

Viele Menschen wie in Esenler sind aber nicht daran interessiert.

Wir wissen, dass die Französische Revolution auch nur von einer kleinen Gruppe ausging. Veränderung begann nie mit der Mehrheit, sie begann mit Minderheiten und zog dann andere Gruppen mit. Das ist ganz normal.

Sie kommen aus der Schwarzmeer-Region wie der Ministerpräsident Erdogan. Er hat behauptet, die Krise sei auch ein Konflikt der „schwarzen Türken“ Anatoliens gegen die „weißen Türken“ im Westen des Landes. Würden Sie dem zustimmen?

Nein, nein, nein. Ministerpräsident Erdogan versucht immer zu spalten und zu trennen. Gute Muslime gegen schlechte Säkulare, gute Frauen mit Kopftuch gegen schlechte Frauen ohne. Aber dieses Spiel ist abgenutzt. Wir sind weitergegangen, haben eine neue Schwelle überschritten. Deshalb denke ich, dass Tayyip Erdogan sich ändern muss, wenn er weiter mitspielen will. Wenn die Menschen auf dem Platz schreien, „Tayyip verschwinde!“ – dann heißt das eben nicht: „Tayyip raus!“ Jeder weiß, es würde eine große wirtschaftliche und politische Krise auslösen. Die Bedeutung der Rufe ist: „Tayyip, sei vorsichtig! Komm mir nicht zu nahe! Überschreite meine rote Linie nicht!“

Zur Person

Sema Kaygusuz wurde 1972 in Samsun am Schwarzen Meer geboren.

Ihr erstes Buch erschien 1997, danach folgten drei weitere bisher nicht übersetzte Erzählungsbände. 2006 erschien ihr erster Roman „Yere Düsen Dualar“ (wörtlich: „Gebete, die zur Erde fallen“), den Suhrkamp 2008 unter dem Titel „Wein und Gold“ herausbrachte. Sie schrieb unter anderem auch das Drehbuch für den Film „Pandoras Büchse“ der Regisseurin Yesim Ustaoglu.

Es sieht nicht so aus, als ob er das verstanden hat.
Leider. Deshalb sprechen viele über seine psychischen Probleme. Er hat einen narzisstischen egozentrischen Größenwahn. Aber ich will darüber nicht sprechen. Als Bürger möchte ich einen demokratischen, antifaschistischen Ministerpräsidenten. Er ist nicht mein Vater, mein Verwandter oder mein Freund. Als Mensch stehe ich ihm nicht nahe. Er hat eine Aufgabe als Premierminister. Er muss eine freiheitliche Ethik vertreten, muss seine Rolle ausfüllen und den gesetzlichen Anforderungen genügen. Aber er schreit, er bezeichnet andere Menschen als Lügner. Dabei hat er selbst so viele Lügen erzählt: Manche Leute trinken Bier in Moscheen – darüber lachen die Vögel. Selbst Menschen, die keine Muslime sind, wissen, dass eine Moschee ein göttlicher Bereich ist.

Ich war in der betreffenden Moschee während der Unruhen. Dort war ein Behelfslazarett eingerichtet. Keiner trank Alkohol.

Natürlich. Niemand trinkt ein Bier in einer Moschee.

Warum sagt Erdogan die Unwahrheit?
Es ist ein schmutziges Spiel. Ich glaube, er hat Panik. Er sieht diese Welle, sie hat irgendetwas mit Demokratie zu tun, aber er versteht sie nicht, und niemand hilft ihm zu verstehen. Weil er nie anderen vertraut, nie auf andere hört.

Soweit ich es beurteilen kann, waren die Proteste sehr friedlich. In Deutschland ging es vor 30 oder 40 Jahren weit heftiger zur Sache. In Istanbul wirft kaum jemand Steine oder Molotow-Cocktails. Ist es normal, dass die Polizei so hart reagiert?

Hätten diese Demonstrationen vor zehn Jahren stattgefunden, wären wahrscheinlich 100 oder 200 Menschen getötet worden. Aber jetzt ist auch Folter komplett verboten. Die Türkei hat den Weg der Demokratie eingeschlagen, und deshalb können sie nur Tränengas und Gummigeschosse einsetzen.

Ich sah viele Demonstranten mit Polizisten sprechen; oft sind sie auch im gleichen Alter. Haben Sie auch mit Polizisten geredet?

Nein. Mein Vater war im Militär. Ich mag keine Uniformen, Uniformierte machen mir Angst.

Die Leute auf der Straße kommen aus einer anderen Generation, vielleicht liegt es daran.

Sie sind jünger als ich. Ich bin 41, sie sind Anfang oder Mitte 20.

Worin besteht der Unterschied zwischen den jungen Demonstranten und Ihrer Generation?

Unsere Mütter und Väter sind enttäuscht, weil sie Sozialisten waren, und die Regierung ihnen die Ideale, alle demokratischen Ideen mit Gewalt ausgetrieben hat. Deshalb haben sie ständig Angst um uns. Ich bin Feministin, also halfen mir nur andere Feministinnen. Du bist Umweltschützer, also unterstützen dich nur andere Umweltschützer. Die Kemalisten oder Säkularen haben uns nie zur Seite gestanden, mit Ausnahme einiger Künstler oder überzeugter Demokraten. Wir sind immer allein gewesen. Aber diese junge Generation ist anders.

Die Polizei setzt Tränengas ein, aber die Demonstranten in Istanbul lassen sich nicht einschüchtern.
Die Polizei setzt Tränengas ein, aber die Demonstranten in Istanbul lassen sich nicht einschüchtern.
 Foto: dpa

Ich habe in den vergangenen zwei Jahren viele Demonstrationen auf dem Taksim-Platz beobachtet, und meistens kamen nicht mehr als 100 oder 200 Personen. Plötzlich sind es Hunderttausende. Was hat sich geändert?

Diese Generation kennt die Vergangenheit nicht. Sie kennt den Schmerz nicht. Sie weiß nicht, wie schlimm die Polizeifolter vor 25 oder 30 Jahren war. Sie weiß nichts über die Angst der türkischen Republik vor ihren eigenen Bürgern. Sie kennt das Sivas-Massaker nicht, bei dem 35 Schriftsteller in einem Hotel ermordet wurden. Die jungen Leute kennen nur ihre eigene Geschichte, ihre eigene Zeit, aber sie sind mit der ganzen Welt verbunden. Sie wissen, was Demokratie und Frieden bedeuten. Sie sind insofern nicht mehr Teil der Türkei, sondern ein Teil Europas, und deshalb könnte die Türkei mit dieser Öffentlichkeit, mit dieser Gesellschaft der EU sofort beitreten – nur eben nicht mit dieser Regierung. Wir müssen also die Regierung ändern, weil viele Menschen absolut dazu bereit sind, sich in Europa und den Westen zu integrieren, weil sie die gleichen Werte in puncto Freiheit und Gleichheit teilen, die Werte der Französischen Revolution.

Sie klingen sehr optimistisch.

Wir sehen jetzt, dass die Menschen überall stillen Widerstand leisten, indem sie einfach auf Plätzen stehen. Es geht darum zu beharren. Sie machen nichts kaputt. Sie stehen. Sie bestehen auf ihrem Anliegen. In jedem Park sammeln sich abends um neun Uhr wildfremde Menschen zum Forum und diskutieren. Ich war bei mehreren Foren. Wir reden darüber, echte Repräsentanten zu finden und unsere eigene Politik zu definieren. Es gibt Vorschläge, in die Armenviertel zu gehen, um Sommerschulen abzuhalten. Eine geistige Verbindung ist da, und die Menschen beginnen, sich zu organisieren. Deshalb bin ich zum ersten Mal in meinem Leben optimistisch. Ich war nie gern ein Teil der Türkei, dieser heuchlerischen und stillen Gesellschaft. Das hat sich geändert. Eine neue Gesellschaft entsteht.

Bislang schienen die jungen Türken sich vor allem fürs Einkaufen, für Musik oder Facebook zu interessieren, aber nicht für Politik.

Sie waren sehr apolitisch. Zuerst haben sie nur reagiert, jetzt werden sie politisiert.

Vielleicht hat das Verhalten damit zu tun, dass Sie und die anderen Demonstranten aus dem städtischen Bürgertum stammen. Aber was ist mit Zentralanatolien? Mit dem kurdischen Südosten? Gibt es dort überhaupt Demonstrationen?

Oh ja. In Mersin, in Adana, Eskisehir, in Zentralanatolien. Dort geht die Polizei sehr hart gegen die Proteste vor. In Dersim hatten alle Geschäfte geschlossen, um die Demonstrationen zu unterstützen. Istanbul ist eine sehr komplexe Stadt, in anderen Städten sind die Verhältnisse klarer.

Mit welchen Gefühlen erleben Sie diese Umbruchzeit?

Ich bin sehr aufgeregt und habe große Hoffnungen. Etwas hat begonnen, sich zu verändern. Die Erdogan-Regierung hat den Boden dafür bereitet. Sie hat das Militärische aus unserem zivilen Leben verbannt und versucht, einige antidemokratische Bräuche und Gesetze zu korrigieren. Aber nachdem sie das getan hatten, versuchten sie, ihre Autorität an die Stelle der alten zu setzen. Vor allem Erdogan wandelte sich zu einem diktatorischen Führer. Dies war falsch. Mir ist noch etwas anderes aufgefallen. Erdogan ist sehr krank, doch niemand spricht über seine Krankheit, es ist eine Art Tabu. Er selbst aber redet ständig vom Sterben, er sagt, ich komme im Totenhemd und gehe im Totenhemd. Oder er spricht über die Arten des Todes. Seines Todes. Er spricht immerzu über den Tod.

Vielleicht besteht das Problem vor allem darin, dass niemand zu sehen ist, der Erdogan ablösen könnte. Die größte Oppositionspartei CHP ist unkreativ, zerstritten und hat keine charismatischen Führungspersonen.

Das ist Erdogans großes Glück. Es gibt keine echte parlamentarische Opposition in der Türkei. Deshalb haben die jungen Leute ja ihre neuen Ideen entwickelt.

Glauben Sie, dass sie eine politische Partei gründen werden?

Nein, ich denke, dass sie die CHP versuchen werden zu ändern. Sie werden versuchen, den Stimmen der jungen Leute einen politischen Weg zu ebnen. Die CHP muss sich reformieren. Es gibt eine gute, neue, linke Grüne Partei, aber sie ist sehr schwach. Die Zehnprozenthürde ist ein großes Hindernis.

Glauben Sie, dass die legale Kurdenpartei BDP vielleicht eine Chance hat, die neue Opposition zu führen?

In der Verbindung mit der CHP könnte sie es schaffen. Die BDP ist klein und befasst sich vor allem mit den Problemen der Kurden. Sie ist nicht türkisch, das ist ein Problem. Allerdings ist ihr Vorsitzender Demirtas jung und ein sehr guter Redner. Außerdem ist die BDP clever und modern. Männer und Frauen sind in ihr gleichberechtigt. Sie erkennt das Armenienproblem an, thematisiert die Menschenrechte in der Türkei. Ihre Politiker sind keine Nationalisten, auch keine kurdischen Nationalisten. Sie könnten es schaffen.

Die EU ist in sich zerstritten und unsicher, wie es weitergeht. Aber der Türkei könnte die weitere Annäherung helfen, ihre Demokratie zu entwickeln. Doch Erdogan sagt, wir brauchen die EU nicht, wir können auf sie verzichten.

Seine Zeit ist vorbei. Wenn er sein politisches Leben fortsetzen will, muss er sich ändern.

Halten Sie das bei seinem Charakter für möglich?

Politiker sollten sich ändern können. Aber in der AKP herrscht eine strikte Hierarchie, es ist jetzt ein Ein-Mann-System. Es könnte sich etwas ändern, wenn jetzt AKP-Parlamentarier Erdogan dazu drängen, aber das ist unwahrscheinlich, weil die ganze Partei auf ihn ausgerichtet ist. Deshalb war die AKP erfolgreich. Ein Mann erteilt Aufträge, und jeder befolgt sie.


Ein arabischer Stil.

Sehr arabisch.

Was wird die Zukunft bringen?

Seit den Demonstrationen und der Gezi-Park-Besetzung sehe ich, dass die Menschen in der Türkei darauf bestehen, Widerstand zu leisten. Heute sah ich einen sehr schönes kleines Video auf Youtube: Eine junge Frau weinte vor Angst, vor Tränengas und weil die Polizei sie trat, aber sie sagte nur: „Alles wird wunderbar!“ Das ist für mich die Seele der Bewegung, dieser Satz: „Alles wird wunderbar!“

Nach der Räumung des Parks schoss die Polizei Tränengas ins Divan-Hotel, in das viele Demonstranten geflohen waren. Ich traf einen jungen Mann, der fast blind war, kaum atmen konnte, aber unter Tränen zu mir sagte: „Ich bin so glücklich! Dies ist das erste Mal, dass ich wirklich das Gefühl habe, dass die Türkei meine Heimat ist.“

Genauso geht es mir. Es ist das erste Mal, dass ich ein Heimatland habe. Meine Großmutter überlebte die Massaker in Dersim, das System assimilierte meinen Vater als Hauptmann der Armee. Wir mussten unsere Identität als Aleviten verheimlichen, ich wurde im sunnitischen und kemalistischen System erzogen. Das System brachte uns allen dieselbe Religion bei – sehr schwierig für Aleviten. Auch dass meine Mutter griechische Jüdin ist, musste immer geheim bleiben. Ich fühlte mich immer in der Minderheit, als Alevitin, als Frau, als Feministin, als Umweltschützerin. Aber sich in der Minderheit zu fühlen, gibt auch Freiheit. Ich bin eine Schriftstellerin, und ich kann tun, was ich will. Dies ist meine Freiheit. Jetzt fühle ich mich erstmals mit anderen wirklich verbunden – mit der Gezi-Bewegung. Ich fühle mich als ein Teil davon.

Interview: Frank Nordhausen

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Dossier

Berichte, Hintergründe, Analysen zur Türkei und dem Anschlag auf Touristen in Istanbul.

Terror in der Türkei

Was Türkei-Reisende jetzt wissen müssen

Spezialeinheiten des türkischen Militärs in Diyarbakir. In der östlichen Metropole des Landes bekriegen sich das türkische Militär und PKK-Kämpfer.

Das Auswärtige Amt empfiehlt Reisenden, sich von Demonstrationen und Menschenansammlungen in größeren türkischen Städten fernzuhalten. Von Reisen ins Grenzgebiet wird generell abgeraten.  Mehr...

Videonachrichten Bombenterror in der Türkei