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Türkei
Berichte, Hintergründe, Analysen zur Türkei und dem Anschlag in Istanbul

14. Mai 2014

Türkei: "Ein ganz normales Ereignis"

 Von 
Ein Mann wird nach Protesten gegen die AKP in Ankara abgeführt.  Foto: afp

Die türkische Polizei geht in Ankara und Istanbul gewaltsam gegen tausende Demonstranten vor, die nach dem Grubenunglück von Soma auf die Straße ziehen. Ministerpräsident Erdogan spielt die Katastrophe herunter.

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Istanbul. –  

Die türkische Polizei ist in der Hauptstadt Ankara gegen tausende Demonstranten vorgegangen, die wegen des Grubenunglücks in der Stadt Soma auf die Straße gezogen waren. Wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete, setzten die Sicherheitskräfte am Mittwochabend Tränengas und Wasserwerfer gegen die Menge ein. Aus ihr waren zuvor Feuerwerkskörper in Richtung Polizei abgeschossen worden.

An der Demonstration in der Hauptstadt beteiligten sich 3000 bis 4000 Menschen. Auch in Istanbul sowie dem Unglücksort Soma hatte es zuvor bereits Proteste gegeben, spontane Kundgebungen gab es auch andernorts.

Sechs Männer gerettet! Am Mittwochvormittag können türkische Medien zum letzten Mal eine gute Meldung aus der Bergbaustadt Soma in Westanatolien verbreiten. Dort sind zu diesem Zeitpunkt noch immer Hunderte Bergleute in einer großen Kohlenmine gefangen, nachdem sich 18 Stunden zuvor am Dienstagnachmittag eine gewaltige Explosion im Stollen ereignete. Von mindestens 274 Toten spricht der türkische Energieminister Taner Yildiz am Abend: „Wir bewegen uns auf schlimmste Grubenkatastrophe zu, die die Türkei je erlebte.“ Noch rund 120 Bergleute sollen eingeschlossen sein.

In den Liveberichten des türkischen Fernsehens vom Unglücksort sieht man Hunderte weinende, verzweifelte Menschen, die auf Lebenszeichen ihrer eingeschlossenen Angehörigen warten. Menschen brechen schreiend zusammen, Rettungswagen mit Blaulicht bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Der Bruder eines Verunglückten berichtete laut der Tageszeitung Türkiye nach der Identifizierung: „Sein Leichnam lag auf einem Förderband. Wir mussten mindestens 60 Tote anschauen, bis wir unseren Bruder fanden.“ Andere Angehörige sahen sich im mobilen Einsatzzentrum an der Mine auf Bildschirmen Bilder von Leichen an, um sie zu identifizieren. Medien berichten am frühen Nachmittag, dass das Feuer in der Mine noch immer nicht unter Kontrolle sei - Feuer in einer Mine bedeutet, dass der verbliebene Sauerstoff unter Tage noch schneller aufgebraucht wird. Das Nachrichtenchaos ist symptomatisch für die Zustände in den türkischen Bergwerken, die schon lange Anlass zur Kritik bieten.

Ministerpräsident Erdogan in Soma - gut abgeschirmt vom Volk.  Foto: REUTERS

Der Brand war nach dem vorläufigen Kenntnisstand ausgebrochen, als ein elektrischer Trafo in 400 Metern Tiefe explodierte. Arbeiter in der Nähe der Ausgänge schafften es noch, sich zu retten, aber Hunderte sollen der Tiefe eingeschlossen sein – ob in 400 oder 2000 Meter Tiefe, darüber gab es unterschiedliche Angaben. Türkische Internetmedien zeigten ein schwarzweißes Überwachungsvideo, auf dem eine Explosion zu sehen ist und Bergmänner, die einen Gang entlangeilen. Dann bricht die Übertragung ab.

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül verhängte eine dreitägige Staatstrauer und rief die Behörden auf, alle staatlichen Ressourcen zur Rettung der Bergleute zu mobilisieren. Der konservativ-islamische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte eine Reise nach Albanien ab und flog am Mittwochnachmittag nach Soma. Auch der sozialdemokratische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu und weitere türkische Politiker fuhren zum Unfallort etwa 250 Kilometer südwestlich von Istanbul auf einem Hochplateau in einer Mittelgebirgslandschaft, um den Menschen ihr Mitgefühl auszudrücken. Bei früheren Unglücken hatte Erdogan den Tod von Bergleuten als „Schicksal“ bezeichnet und auf die Allmacht Gottes verwiesen. Als 2010 bei einer Bergwerksexplosion in der Schwarzmeerprovinz Provinz Zonguldak 28 Bergleute ums Leben kamen, hatte der damalige Arbeitsminister Ömer Dincer gesagt, die Männer seien „schön gestorben“, weil ihre Leichen so friedlich aussahen.

„Sie sind nicht schön gestorben. Das ist Mord, kein Schicksal“, stand auf einem Plakat, das Demonstranten vor der Zentrale der Minengesellschaft Soma-Holding im Istanbuler Stadtteil Sisli hielten. Viele Menschen in der Türkei wollen angesichts zahlreicher Minenunglücke offenbar nicht mehr daran glauben, dass die Vorsehung am Tod der Bergleute schuld ist. Bereits am Mittwochmittag kam es zu ersten Protestaktionen auf dem zentralen Istanbuler Taksim-Platz. Später versammelten sich Protestierende in Bergmannskleidung in der zentralen Fußgängerzone Istiklal Caddesi. Sie sprachen von einem „Kohlminenmassaker“. In Ankara setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas gegen Studenten ein, die zum Energieministerium marschieren wollten.

Die Kritiker sind davon überzeugt, dass es sich bei dem Unglück um eine Katastrophe mit Ansage handelte. Erst vor zwei Wochen hatte die regierende islamisch-konservative AKP mit ihrer Parlamentsmehrheit einen Antrag der größten Oppositionspartei CHP abgelehnt, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, um über die zahlreichen tödlichen Unfälle in den Soma-Minen zu beraten. „Wir sind es leid, immer wieder zu Beerdigungen von Bergleuten zu gehen“, sagte ein CHP-Abgeordneter zur Begründung. Im Umfallstollen von Soma soll sogar ein 15-Jähriger zu Tode gekommen sei, erklärten Angehörige laut einer Meldung im Internetmedium Twitter. Der Energieminister reagierte sofort: Die Beschäftigung Minderjähriger im Bergwerk sei „unmöglich“.

Ein verletzter Bergarbeiter kommt aus der Mine heraus.  Foto: AFP

Die Opposition macht neben laxen Arbeitsschutzgesetzen und fehlenden Kontrollen vor allem die ungehemmte Privatisierungspolitik der Regierung für die Minenkatastrophen verantwortlich. Doch der AKP-Abgeordnete Muzaffer Yurttas, Vertreter des Wahlkreises Soma, antwortete auf den Oppositionsantrag im Parlament Ende April, dass die türkischen Minen sicherer seien als in den meisten anderen Staaten. „Wenn Gott will“ werde nichts passieren, „nicht einmal Nasenbluten“, zitierte ihn die liberale Hürriyet. Jetzt erklärte die Regierung, die Soma-Mine sei zuletzt im März auf Mängel überprüft und für sicher befunden worden.

Das verheerende Unglück in Soma ereignete sich zum Schichtwechsel, als sich mehr Arbeiter als üblich in dem Bergwerk aufhielten. Energieminister Yildiz sprach von 787 Männern und mehr als 250 Eingeschlossenen; 363 Arbeiter seien gerettet worden, davon seien 76 verletzt. Bergleute berichteten, die vermissten Kumpel steckten in 3,5- Kilometer langen Stollen fest; von mindestens 120 Männern war am späten Nachmittag die Rede. Weil der Strom ausfiel, fuhren die Aufzüge nicht mehr. Die Feuerwehr versuchte, Sauerstoff in dien Tiefe zu pumpen, musste dabei wegen der Feuer aber extrem vorsichtig vorgehen. „Da sind viele Tote", berichtete ein geretteter Arbeiter der Zeitung Hürriyet. „Überall liegen sie, ich musste über sie hinwegsteigen.“ Viele Männer starben offenbar an Rauchvergiftung. In der Nacht versuchten einige Männer, zu den Eingeschlossenen vorzudringen – sie kehrten nicht wieder zurück.

Angehörige der Opfer warten vor dem Krankenhaus in Soma.  Foto: AFP

Soma ist das Ruhrgebiet der Türkei. Die 75.000-Einwohner-Stadt und ihr Umland leben von der Kohle, ein riesiges Kohlekraftwerk überragt den Ort. Viele Bergleute stammen aus umliegenden Dörfern und haben keine besondere Ausbildung für die gefährliche Arbeit erhalten. „Es gibt keine Arbeit mehr in der Landwirtschaft, deswegen schuften wir in den Minen“, sagte ein Bergmann im Fernsehen. Ein anderer kritisierte die mangelnden Sichergheitsvorkehrungen: „Die Gewerkschaften sind Marionetten und die Geschäftsführung kümmert sich nur ums Geld.“

Der Eigentümer der Mine, Kohle- und Immobilienmagnat Alp Gürkan, rühmte sich vor zwei Jahren in einem Interview, den Preis für eine Tonne Kohle auf ein Fünftel gedrückt zu haben. Türkische Gewerkschafter werfen ihm vor, dies nur mit der Vergabe von Aufträgen an Subunternehmer zu schaffen, die den Arbeitern gerade den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet rund 350 Euro zahlen. Die Firma schloss ihre Webseite am Mittwochmittag.

Für den Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan birgt das Grubenunglück politischen Sprengstoff. Mit Kohle verknüpft sich ein positives Image seiner Regierungspartei AKP. Sie ist dafür bekannt, dass sie im Winter Kohle zum Heizen an Bedürftige verteilt, und diese Kohle stammt zum großen Teil aus den Minen in Soma. Auch haben die konservativen Bürger von Soma die AKP bei den Kommunalwahlen Ende März wieder mit einer komfortablen Mehrheit ausgestattet. Doch bei der Live-Übertragung der Dogan-Nachrichtenagentur aus Soma waren deutlich „Mörder“-Rufe aufgebrachter Bergleute zu hören.

Am späten Mittwochnachmittag wurden Massengräber für die gestorbenen Bergleute in Soma ausgehoben. Es war wie ein Zeichen für die sterbende Hoffnung, noch Überlebende zu finden. Es war der Zeitpunkt, als Erdogan in Soma vor die Kameras trat und ein Minenunglück in England im Jahr 1838 zitierte, um zu belegen, dass solche Katastrophen unvermeidbar seien. „Oder nehmen Sie Amerika mit seiner ganzen Technik“, sagte Erdogan. „1907 starben dort 361 Bergleute. Das sind ganz normale Ereignisse.“ (mit afp)

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