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Türkei
Berichte, Hintergründe, Analysen zur Türkei

14. Februar 2016

Türkei: „Weltmeister der Flüchtlingshilfe“

 Von 
Eine syrische Mutter mit ihrem Kind in den Straßen Istanbuls.  Foto: AFP

Die Türkei hat mehr Schutzsuchende aufgenommen als ganz Europa und ist laut UN in absoluten Zahlen „Weltmeister der Flüchtlingshilfe“. Trotz wirtschaftlicher Probleme gehen die Menschen weitgehend tolerant miteinander um - auch wenn es Vorbehalte gibt.

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Istanbul –  

Im Januar vergangenen Jahres rief ein Video in der Türkei einen Sturm von Empörung und Mitgefühl hervor. Es zeigte einen syrischen Flüchtlingsjungen, der weinend und blutend auf den Treppen eines „Burger-King“-Restaurants in Istanbul saß. Die Geschichte hinter dem Bild klang wie aus einem Roman von Charles Dickens: Der elfjährige Halil hatte Pommes frites gegessen, die ein Gast übriggelassen hatte. Daraufhin schlug ihn der Manager des Lokals blutig. Als Reporter den Jungen befragten, stellte sich heraus, dass seine Familie zwei Jahre zuvor vor den Bomben des Assad-Regimes aus der syrischen Großstadt Aleppo geflohen war. Halil sagte, er bettle und verkaufe Taschentücher in den Straßen Istanbuls für seine Familie, um zu überleben. „Ich war den ganzen Tag so hungrig“, sagte er mit zitternder Stimme.

Der Vorfall warf ein Schlaglicht auf die Lage vieler syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Dreieinhalb Jahre nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs entstand damals zum ersten Mal überhaupt so etwas wie eine öffentliche Debatte über den Umgang mit den neuen Mitbürgern, die zu Millionen ins Land gekommen waren. Auch nachdem „Burger King“ sich entschuldigt und den Angestellten entlassen hatte, debattierten die Türken in den sozialen Medien weiter über das Elend vor der Haustür, das nicht mehr zu übersehen war. Vor dem Konflikt im Nachbarland gab es im Westen der Türkei praktisch keine Bettler, inzwischen waren sie überall: Syrer, die verschämt am Rand der Einkaufsstraßen saßen, die Hand bittend geöffnet.

Anfangs wurden die Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen. Tausende Türken spendeten Kleidung, Möbel und Geld, Hilfsorganisationen organisierten Lebensmittel und Wohnraum. Inzwischen, nach vier Jahren Bürgerkrieg in Syrien, ist die überschwängliche Solidarität einer fatalistischen Duldung gewichen. Die Bettler auf den Straßen werden zwar fast nie angepöbelt, viele Passanten geben ein wenig Geld. Aber es ist spürbar, dass die Flüchtlinge als Belastung empfunden werden.

Laut der bisher einzigen Untersuchung, die der Migrationsforscher Murat Erdogan aus Ankara vor einem Jahr vorstellte, sehen mehr als die Hälfte der Türken syrische Nachbarn als störend an und befürchten, dass sie Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen; 30 Prozent plädierten sogar dafür, alle Flüchtlinge wieder zurückzuschicken. Gegen die Einbürgerung der Syrer sprach sich eine Mehrheit von 85 Prozent aus. Doch in den Medien kommen die Flüchtlinge kaum vor. „Es ist ein Thema, dem alle am liebsten aus dem Weg gehen“, sagt Murat Erdogan.

Als das syrische Regime die Demokratiebewegung im Herbst 2011 gewaltsam niederschlug, öffnete Ankara die Grenzen für die Flüchtlinge. Weitgehend unkontrolliert kamen die Menschen ins Land. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der heute Präsident ist, übernahm damit in gewisser Weise auch Verantwortung für seine Syrienpolitik, mit der er sich gegen den Diktator Baschar al-Assad und auf die Seite der Revolution gestellt hatte.

Derzeit sind nach Regierungsangaben 2,56 Millionen Syrer offiziell in der Türkei registriert, was ihnen den Zugang zur kostenlosen medizinischen Versorgung sichert. Im Land leben außerdem rund eine halbe Million Migranten anderer Nationalitäten wie Iraker, Iraner oder Afghanen. Die Aufnahme der Flüchtlinge hat nach Angaben Erdogans bisher rund zehn Milliarden Dollar gekostet. Nennenswerte Hilfe aus dem Ausland gab es nicht. Trotz weit geringerer Wirtschaftsleistung hat die Türkei damit mehr Flüchtlinge als ganz Europa aufgenommen und ist laut den Vereinten Nationen in absoluten Zahlen „Weltmeister der Flüchtlingshilfe“.

Syrer auf dem Weg zur griechischen Grenze.  Foto: rtr

Weltweiten Respekt hat sie sich auch mit ihren herausragend ausgestatteten Flüchtlingslagern erworben; die „New York Times“ nannte diese „so perfekt, wie man Flüchtlingscamps nur bauen kann“. Dort leben allerdings nur etwa zehn Prozent der Schutzsuchenden, meist die Ärmsten der Armen. Denn das Grundprinzip der türkischen Flüchtlingspolitik lautet: „Wenn ihr ins Lager geht, wird all-inclusive für euch gesorgt, aber ihr habt keine Perspektive. Falls nicht, könnt ihr machen, was ihr wollt, solange ihr nicht gegen Gesetze verstoßt, aber außer der Basis-Gesundheitsversorgung habt ihr nichts zu erwarten.“

Die meisten Flüchtlinge haben sich inzwischen über das ganze Land verteilt. Sie folgen der Arbeit, ziehen vor allem in die großen Städte. Im August gab das staatliche türkische Statistikamt die bemerkenswerte Tatsache bekannt, dass in zehn Städten über 100 000 Einwohner inzwischen so viele Flüchtlinge wie Alteingesessene leben und in den beiden Millionenstädten Gaziantep und Sanliurfa nahe der syrischen Grenze jeweils bis zu 400 000 Syrer. Unter ihrem Andrang sind die Mietpreise in die Höhe geschnellt, gleichzeitig sind die Löhne für einfache Arbeiten dramatisch gesunken. Manche Syrer schuften für zehn Euro die Woche.

Die Entwicklung macht viele Türken zornig. Zwar sind offene Übergriffe extrem selten, aber es gibt Einzelfälle wie in der zentralanatolischen Stadt Kahramanmaras, wo ein 500 Mann starker Mob von Ultranationalisten im Sommer 2014 syrische Flüchtlinge angriff, bis die Polizei einschritt. Der Zwischenfall blieb jedoch die große Ausnahme in einer insgesamt erstaunlich friedlich verlaufenden Zuwanderungsgeschichte. In den vier Wahlkämpfen der vergangenen zwei Jahre spielten die Flüchtlinge praktisch keine Rolle. Fremdenfeindliche Parolen gab es nicht.

Gelassenheit und weit verbreitete Hilfsbereitschaft begründen türkische Kommentatoren oft mit der muslimischen Gemeinschaft, die zur Hilfe für Mitgläubige verpflichte. Der Migrationsexperte Murat Erdogan hat andere Erklärungen. „Zum einen berichten die Medien so gut wie gar nicht über die Flüchtlinge“, sagt er. „Zum anderen haben die Menschen zwar Ängste, aber viele vertrauen dem Präsidenten, dass er alles richtig macht.“

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Staatschef Erdogan enormen Anteil an der freundlichen Aufnahme der Syrer hat. Immer wieder hat er seine Landsleute zur Solidarität mit den Flüchtlingen aufgerufen, auch in der aktuellen Krise, in der mehr als 50 000 Syrer zur türkischen Grenze geflohen sind. „Wenn sie an unsere Tür kommen und keine andere Wahl haben, müssen und werden wir unsere syrischen Brüder hereinlassen“, sagte er kürzlich. Zuvor hatte er angeregt, die 200 000 Bewohner der türkischen Grenzstadt Kilis für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Kilis ist die erste Stadt der Türkei, in der mehr Flüchtlinge als Einheimische leben – und es gibt praktisch keine Feindseligkeiten.

Der Aufruhr von Kahramanmaras beleuchtete aber ein Problem, das viele Türken vor allem im konservativen Zentral- und Ostanatolien dennoch mit den Zuwanderern haben. „Sie sind nicht wie wir“, meint Enes Bascik, Händler für getrocknete Früchte im überdachten Basar der Stadt. „Sie sitzen bis Mitternacht auf der Straße, ihre Frauen tragen kein Kopftuch und gehen abends auf die Straße.“ Geklagt wird über arabische Ladenschilder, mangelnde Religiosität der Zuwanderer oder reiche Syrer, die die Immobilienpreise verderben. Die Furcht vor einer „Arabisierung“ der Türkei durchzieht alle Gesellschaftsschichten.

Nicht auf die Zuwanderung vorbereitet

Von einem „Zusammenprall der Kulturen“ spricht die 35-jährige Syrerin Rana Sayah, die aus der umkämpften Stadt Deir es-Sour stammt und vor der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in die Türkei geflüchtet ist, wo sie jetzt in der südostanatolischen Stadt Sanliurfa lebt. „Sie sind viel konservativer als wir“, sagt die gelernte Apothekerin über die Menschen in der Osttürkei. Rana Sayah ist der Türkei dankbar für die Rettung vor dem Tod, für die große Bewegungsfreiheit, die kostenlose Gesundheitsversorgung.

„Aber sicher fühle ich mich hier nicht immer“, sagt die selbstbewusste Frau in gutem Englisch. „Türkische Männer belästigen mich auf der Straße, sie denken, wir Syrerinnen sind leichte Beute. Sie sind den Umgang mit Fremden überhaupt nicht gewohnt und wundern sich, wenn ich sie lautstark zurechtweise.“ Rana Sayah glaubt, dass viele Türken vor allem durch die schiere Anzahl der Migranten überfordert sind. Sie will im Rahmen der Familienzusammenführung so schnell wie möglich zu ihrem Bruder ziehen, der seit einigen Monaten in Dortmund lebt. „Vielleicht gehen wir aber zuerst nach Istanbul“, sagt sie, „dort geht es nicht so konservativ zu.“

Doch auch im moderneren Westen der Türkei keimen Ängste vor Arabern, wenn auch aus anderen Gründen. Alewiten fürchten eine Stärkung des sunnitischen Islams, Ultranationalisten und Kemalisten die Aufweichung des türkischen Einheitsstaates. Nicht wenige Menschen in der Westtürkei glauben, dass erst die offene Grenze radikale Islamisten und Terroristen ins Land brachte und dass Erdogan sich mit den Syrern bewusst neue Wähler ins Land hole. „Unsere Grenzen wurden unkontrollierbar“, schrieb der bekannte Kolumnist Mehmet Y. Yilmaz in der Hürriyet. „Wir haben Milliarden ausgegeben, aber trotzdem Massen hungriger und verzweifelter Flüchtlinge in unseren Straßen, und es gibt keine Autorität, die sich darüber Gedanken macht, welche Probleme das uns in Zukunft bereitet.“

Als Hunderttausende Flüchtlinge im vergangenen Jahr an die Ägäisküste kamen, um mit Schlauchbooten auf griechische Inseln zu gelangen, da schien es, als ob die türkische Öffentlichkeit plötzlich aufwachte. Als die Migranten in Parks und an Stränden lagerten und mithin die Tourismusindustrie gefährdeten, ergriffen die Behörden erstmals massive Zwangsmaßnahmen. Einige Städte wie Bodrum und Fethiye wurden zu No-Go-Areas für Flüchtlinge erklärt. Diese werden seither festgenommen und abtransportiert – in die nächstgelegene Großstadt, wo man sie wieder sich selbst überlässt.

Plötzlich nahmen die Türken wahr, dass sie auf die Zuwanderung total unvorbereitet waren, materiell und mental. Seit dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei im Jahr 1923 hatte es keine nennenswerte Migrationsbewegung von außen in ihr Land mehr gegeben. Aber auch die Regierung sah die große Zahl der Flüchtlinge anfangs nicht als großes Problem an, denn sie ging davon aus, dass die Syrer bald wieder in ihre Heimat zurückkehren würden. Deshalb wurden diese auch als „Gäste“ bezeichnet. „Ohne den offiziellen Flüchtlingsstatus können sie aber keine Pläne für die Zukunft ihrer Kinder machen“, sagt Sema Karaosmanoglu, Chefin der Istanbuler Hilfsorganisation Support to Life, die sich im Südosten der Türkei um Flüchtlinge aus Syrien kümmert. „Gast zu sein bedeutet, dass man – zumindest theoretisch – jederzeit aus dem Land geworfen werden kann. Ohne offizielles Asyl gibt es keine Integration.“

Warten an der Busstation in Istanbul: Die türkische Regierung sah die große Zahl der Flüchtlinge anfangs nicht als großes Problem an, denn sie ging davon aus, dass die „Gäste“ bald wieder in ihre Heimat zurückkehren würden.  Foto: rtr

Ganz zaghaft macht der Begriff Integration inzwischen Karriere in der Türkei. Auch wenn niemand es hören wolle, schrieb der Zeitungskolumnist Yusuf Kanli in der „Hürriyet“, müsse endlich über die Eingliederung der Flüchtlinge geredet werden. „Unsere Nation muss sie umarmen und unsere Anführer müssen, statt Sprüche zu klopfen, Rechtsreformen durchführen, um ihre Integration zu fördern.“ Bisher bietet die Türkei keine staatlichen Sprachkurse oder andere Integrationshilfen an. Doch allein das Sprachenproblem ist eine gewaltige Hürde auf dem Arbeitsmarkt. „Du musst perfekt Türkisch können, wenn du einen qualifizierten Job haben willst“, sagt Mohammed Hamo, ein kurdischer Ingenieur in Istanbul, dessen Bewerbungen regelmäßig an mangelnden Türkischkenntnissen scheitern.

Vor drei Wochen hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das syrischen Flüchtlingen den legalen Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht, damit sie nicht mehr zu Dumpinglöhnen arbeiten müssen – eine erste Maßnahme gemäß dem gemeinsamen Aktionsplan mit der EU, um die Abwanderung nach Europa zu stoppen. Vizepremier Numan Kurtulmus sagte kürzlich, die Türken würden mit den Syrern leben müssen: „Sie werden dauerhaft bleiben, und deshalb geht es jetzt darum, ihre Probleme dauerhaft zu lösen.“ Mehr als 60 000 syrische Kinder wurden bereits in der Türkei geboren. Doch Arbeit, Ausbildung und Unterkünfte für zweieinhalb Millionen Menschen sind nicht schnell zu beschaffen. Um keine „verlorene Generation“ heranzuziehen, müssen Schulen her – ein Thema, bei dem auch die EU gefragt ist.

Aber es gibt eine Form von Integration, die mit den vielfältigen, jahrhundertealten familiären, ethnischen und religiösen Netzwerken des Nahen Ostens zu tun hat. Als im Oktober 2014 rund 200 000 syrische Kurden aus Kobane vor dem IS in die Türkei flohen, fanden die allermeisten Aufnahme bei Verwandten in der angrenzenden Provinz Sanliurfa. Wie Kurden zu Kurden, ziehen Turkmenen zu Turkmenen, Alawiten zu Aleviten. Sie haben die Chance, sich in die Nachbarschafts- und Arbeitsgefüge der jeweiligen Minorität zu integrieren und damit auch ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Inzwischen gründen die Zuwanderer eigene Geschäfte und eröffnen Restaurants, sorgen mit ihrer Nachfrage für einen Boom des Wohnungsbaus.

„Trotz wirtschaftlicher Probleme gehen die Regierung und die Menschen in der Türkei bisher weitgehend tolerant mit den Flüchtlingen um. Die Hilfsbereitschaft ist immer noch groß“, sagt der Migrationsforscher Murat Erdogan. Viel dazu beigetragen hat erneut das Bild ein syrischen Flüchtlingskindes: der tote Junge Aylan Kurdi am Strand von Bodrum. „Das Foto von Aylan hat die Wahrnehmung der Flüchtlinge in der Türkei total verändert“, sagt Sema Karaosmanoglu von der Hilfsorganisation Support to Life. „Seither begreifen die Menschen das Leid und die Tragik der Flüchtlinge.“

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