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Türkei
Berichte, Hintergründe, Analysen zur Türkei

20. Mai 2014

Türkei: Morddrohungen gegen „Spiegel“-Reporter

 Von 
Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim.  Foto: dpa

Hetzkampagne gegen den „Spiegel“-Korrespondenten in der Türkei: Nach einem Erdogan-feindlichen Zitat eines Bergmanns zum Grubenunglück in Soma wird gedroht, ihm „die Kehle durchzuschneiden“.

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Als er im August letzten Jahres von Islamabad an seinen neuen Einsatzort Istanbul wechselte, freute sich Hasnain Kazim auf ein Leben mit mehr Freiheit, mehr Sicherheit und weniger Anfeindungen. In Pakistan hatte der Auslandskorrespondent des Nachrichtenportals SpiegelOnline die Taliban und andere muslimische Extremisten mit seinen kritischen Reportagen verärgert. Mehrfach bekam er deshalb Morddrohungen. Doch was er seit einer Woche in der Türkei erlebe, sagt der 39-jährige Journalist und Vater eines kleinen Jungen, hätte er nie für möglich gehalten.

„Ich dachte, ich komme in ein ruhiges Land, aber hier läuft eine Kampagne gegen mich, die deutlich schlimmer ist als alles, was ich in Pakistan erlebte.“ Seit Hasnain Kazim einen regierungskritischen Artikel über das verheerende Grubenunglück in Soma verfasste, wird er im Internet massiv mit dem Tod bedroht. „Die Hetzkampagne gegen mich nimmt sogar an Aggressivität zu", sagt er. Der Artikel zitierte einen Bergmann in Soma in einer Überschrift mit den Worten: „Scher Dich zum Teufel, Erdogan!“

Seither erwecken Anhänger der regierenden islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und regierungsnahe Medien in der Türkei den Eindruck, das Nachrichtenmagazin Der Spiegel selbst wünsche den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Hölle. „Die Überschrift hat wie üblich die Redaktion in Hamburg gemacht“, sagt der Journalist, „sie ist zugespitzt, aber journalistisch einwandfrei, denn es handelt sich klar um ein Zitat.“ In Soma hätten sich andere Bergleute zudem noch schärfer geäußert.

Kurz nach Veröffentlichung des Textes begann eine Hasskampagne im Internet gegen Kazim und das Magazin. Er habe inzwischen rund 10.000 beleidigende E-Mails, Tweets und Facebook-Nachrichten erhalten, sagt der Journalist, obwohl er auf SpiegelOnline sogar noch einen erklärenden Artikel vdazu eröffentlicht habe. Auf Deutsch und Türkisch würden meist exakt dieselben Sprüche verschickt, wie zum Beispiel: „Wenn wir dich auf der Straße sehen, schneiden wir dir die Kehle durch!“ Über soziale Medien werde sein Foto massenhaft verbreitet. Deshalb geht Kazim davon aus, dass es sich bei den Angriffen um eine „koordinierte, gezielte Kampagne“ handele. „Ich weiß natürlich nicht, wer dahinter steckt, aber viele Schreiber geben zu erkennen, dass sie AKP-Anhänger sind oder zeigen Erdogan-Porträtbilder in ihrem Account.“ Unter dem Twitter-Hashtag #ScherDichZumTeufelDerSpiegel hetzten anonyme Scharfmacher gegen den „jüdischen Feind unseres Ministerpräsidenten Erdogan“.

Rassistische Beleidigungen, sei er zwar gewöhnt, sagt der Journalist, der zusammen mit anderen „migrantischen“ Kollegen an Vorträgen namens „Hate Poetry“ mitwirkt, bei denen sie rassistische Nachrichten vorlesen, die ihnen zugeschickt wurden. Kazims indisch-pakistanische Eltern kamen Ende der 60er nach Deutschland. Er wuchs im niedersachsischen Stade auf, wo die Familie nach langem Behördenstreit 1990 eingebürgert wurde und diente nach dem Politikstudium als Offizier der Bundesmarine, bevor er anfing, sich auf seinen Traumberuf als Auslandskorrespondent zu konzentrieren. 2006 begann er bei SpiegelOnline, drei Jahre später schon war er in Pakistan. Seine ganz persönliche Sicht auf die Einwanderung nach Deutschland hat er in dem Buch Grünkohl und Curry dargelegt.

Hasnain Kazim hat Twitter inzwischen darum gebeten, die Adressen der Mordhetzer zu sperren - mit Erfolg. Doch die Hasskampagne gegen ihn geht weiter. Am Montag griffen ihn zwei regierungsnahe türkische Zeitungen persönlich an. Dabei geht es offenbar auch um den türkischen Präsidentschaftswahlkampf, der diesmal eine europäische und deutsche Dimension hat. Den Korrespondenten erschreckt diese konzertierte Attacke. „Nicht so sehr wegen der Gefahr für mich selbst, aber für meine Familie“, sagte er. „In den fünf Tagen seit meinem Soma-Artikel habe ich mehr Hassmails bekommen als vorher in meinem ganzen Leben.“

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