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Vorabdruck: Tungu

Eine Erzählung von Georg Klein: "Alles ist verloren. Die Welt der Tungu konnte nicht bewahrt werden. Der große Versuch, dieses letzte wahre Naturvolk gegen die Wirkungen unserer Zeit abzuschirmen, ist gescheitert. Die Macht unserer Fürsorge hat sich als gewalttätige Ohnmacht erwiesen..."

Ein Regenwald wie die Tungu ihn bewohnen könnten.
Ein Regenwald wie die Tungu ihn bewohnen könnten.
Foto: picture alliance / Lonely Planet

Alles ist verloren. Die Welt der Tungu konnte nicht bewahrt werden. Der große Versuch, dieses letzte wahre Naturvolk gegen die Wirkungen unserer Zeit abzuschirmen, ist gescheitert. Die Macht unserer Fürsorge hat sich als gewalttätige Ohnmacht erwiesen.

Das Volk der Tungu lebt in einem abgeschlossenen Tal des Regenhochwalds. Dort zu verharren und alles Fremde zu fürchten bildete den kargen und doch hinreichenden Nährboden ihres Stammesempfindens. So, in scheuer und entschiedener Absonderung, erhielt sich die Tungu-Tanzkultur: das einzige rein körpersprachliche Kultsystem unseres Planeten.

Zur person

Georg Klein, 1953 in Augsburg geboren, veröffentlichte Romane wie „Libidissi“, „Barbar Rosa“ oder „Sünde Güte Blitz“ sowie die Erzählbände „Anrufung des blinden Fisches“ und „Von den Deutschen“. Für den 2010 erschienenen „Roman unserer Kindheit“ erhielt Klein den Preis der Leipziger Buchmesse.
„Die Logik der Süße“ versammelt 22 neue Geschichten. Aus dem Band, der Mitte September im Rowohlt Verlag (ca. 240 S., 18,90 Euro) erscheint, veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags und des Autors die Erzählung „Tungu“. fr

Die Tungu kannten weder Bild noch Zeichen. Nicht die einfachste Körperbemalung war erfunden, kein noch so simples Ornament war ihnen geläufig. Haut, Rinde und die luftgetrocknete Tonerde vom Ufer des Flusses blieben ungeritzt. Alles, was ihm Lust und Not und Kreislauf des Lebens war, drückte der Stamm in seinen täglichen Tänzen aus. Im Wort TUNGU fielen die Bedeutungen von WIR und die Bedeutung von TANZ ohne für uns erkennbare Differenz ineinander. Anrührend schlicht und zugleich monumental trat unseren Augen und unserer Wissenschaft der Tanz der Tungu als die letzte ungebrochene Erzählung menschlicher Frühzeit entgegen.

Aber als wir, die verantwortlichen Beobachter der Weltorganisation Zum Schutz Bedrohter Völker, am Ende der Regenzeit, nach 36 Monaten Absenz, zur üblichen Bestandsaufnahme im Tal eintrafen, fanden wir zu unserem Entsetzen eine völlig veränderte Szenerie vor. Erstmals in ihrer Stammesgeschichte huldigten die Tungu dem Bildnis einer Gottheit. Es war in furchtbarer Eindeutigkeit, ja Plattheit nichts anderes als ein grinsender Totenschädel mit langem, steif abstehendem Schopf. Der Stamm fertigte kleine und große Exemplare dieses Gottkopfes aus Knochen, aus Holz, Lehm und Harz. Sogar die Schädel der Ahnen waren ausgegraben und mit Haaren und Pflanzenfasern beklebt worden, um dem neuen Gott zu gleichen und zu dienen.

Über drei Meter hoch ist die auf einem Holzgerüst aus über hundert bräunlichen Schädeln gefügte Plastik, die wir mitten auf dem einst freien Tanzplatz entdecken mussten. In dessen blank gestampftem Kreis war, bis auf wenige erschütternde Rudimente, die einstige Ausdrucksvielfalt erloschen. Die jähe Gewalt des neuen Kults schien den althergebrachten Tänzen jeden Sinn entrissen zu haben. Der Anblick des erbärmlichen Gehopses trieb uns Tränen in die Augen. Als wir eine frisch errichtete Tempel-Hütte besichtigen wollten, wurde uns der Zutritt verwehrt. Die Jäger des bislang friedfertigen Stammes scheuten sich nicht, ihre steinzeitlichen Waffen in wilden Drohgebärden gegen uns zu erheben.

Wir standen vor einem Rätsel. Aber dessen dunkelstem Winkel entsprang das Licht der Lösung. Unerklärlich schien uns vor allem die Herkunft der ornamentalen Kunst, die der Stamm mit seinem ersten Gott verband. Aus heiterem Himmel waren die Tungu zu fünf scheinbar abstrakten Zeichen gekommen, die sie auf große Blätter malten, in ihre Gefäße kratzten und sich gegenseitig mit Pflanzenfarben auf die Bäuche und in die Gesichter tätowierten. Etwas in uns sperrte sich gegen die schlagende Einfachheit der Erklärung. Wahrscheinlich war die Entschlüsselung dieser Chiffren zu simpel, um sogleich zu gelingen.

Die fünf Zeichen der Tungu sind nicht, wie wir zunächst in routinierter Befangenheit mutmaßten, aus ihrer natürlichen Umgebung abgeleitet. Weder Tier- noch Pflanzengestalt, weder die Krümmung des Flusses noch die Horizonte der beiden Bergkämme gaben ihnen ihren Verlauf. Strich und Bogen sind in ihrer jeweiligen Zusammenfügung nichts anderes als die recht getreue Nachahmung lateinischer Lettern. Fünf unserer Großbuchstaben bilden das neue kultische Grundkapital des Stammes: C, E, I, M und R! Als einzelne Lettern, in Paaren, in Dreier-, Vierer- und Fünfergrüppchen finden sie Verwendung, und obwohl wir den entscheidenden Erkenntnisschritt getan glaubten, dauerte es noch mehr als einen Tag, bis uns merkwürdig verzögert auffiel, dass eine Fünferkombination deutlich häufiger auftritt, als es die statistische Wahrscheinlichkeit erwarten ließ.

Wir wollten alles wissen. Wir forderten über unser Satellitentelefon Verstärkung an. In einer Nachtaktion stürmte eine internationale Spezialeinheit das neue Heiligtum des Dschungelvölkchens. Blendgranaten und Tränengas kamen zum Einsatz. Wir folgten, um unsere Arbeit zu tun. Das Innere der Hütte wurde fotografiert und gefilmt. Wir entnahmen Materialproben des Allerheiligsten, das in einem Schrein aus polierten Knochen aufbewahrt wurde. Im Pfeilhagel der Tungu stiegen unsere weißen Helikopter zurück in die sichere Schwärze des Himmels.

Nun wissen wir es. Auslöser des Totenkopfkultes ist ein Stück bedrucktes Papier gewesen: nichts weiter als das schräg abgerissene Cover eines Romanheftchens. Seine Illustration zeigt eine Schädelfratze mit flatternden Haaren. Darüber ist auf dem unvollständigen Fetzen noch das Wort CRIME zu lesen, der vordere Teil des Titels, den das Schundheft führt. Unsere Chemiker fanden an der aus dem Tungu-Tempel geraubten Papierprobe mumifizierte Spuren menschlichen Kots und besondere Harnkristalle, wie sie nur entstehen, wenn Urin in dünnster Luft schockgefroren wird.

Was für eine Niederlage! Welch eine Schmach, denn in Unschuld können wir unsere Hände wahrlich nicht waschen. Die Tungu-Tanzkultur ist an einem Geschenk des Himmels, am Ausstoß unserer sphärenzerreißenden Höhenflüge, zugrunde gegangen. Dennoch – in verlegener, noch halb verhohlener Erwartung – reiben wir uns inzwischen bereits wieder die klammen Finger. „Kommt Zeit, kommt Rat!“, sagt ein altes, längst global gewordenes Sprichwort. Auch der Totpunkt rührt sich. Crime Tungu! Aus dem Dung dieser Vernichtung wird unserer Hegelust, wird unserem weltumspannenden Pflanzen und Pflegen ein bleicher Keimling, soll uns die Zukunft eines großen historischen Abenteuers entgegensprießen.

Datum:  3 | 9 | 2010
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