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17. Januar 2016

 „Polizeiruf 110", ARD: Mörder auf Beweissuche

 Von 
Baumann (Karl Markovics, rechts) will Meuffels (Matthias Brandt) von seiner Schuld überzeugen.  Foto: BR/Wiedemann & Berg Television & Co. KG/Philipp Haberlandt

"Und vergib uns unsere Schuld" ist ein ungewöhnliche Polizeiruf aus München. Kommissar Meuffels, gespielt von Matthias Brand, und der geständige Mörder werden praktisch zu Komplizen.

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Ein als Mörder verurteilter, fast noch junger Mann, der zu gerne Heintje hört, um mit anderen Menschen gut zurechtzukommen, nimmt sich in der Haft das Leben. Zurück bleibt das Dorf, in dem er gelebt hat und in dem seine Mutter bis heute lebt, und bis heute die Eltern der 16-Jährigen, deren Leiche unauffindbar blieb. Und ihr damaliger Freund und die Verkäuferin, die etwas gesehen hat, und das damalige Kind, das sogar so viel gesehen hat, dass sich die Anklage auf seine Aussage vor allem stützte.

Zurück bleiben auch der Ermittlungsleiter von einst und – hier setzt die Handlung ein – ein angespannt wirkender Mann, der jetzt beim leicht überstressten Routinier Hanns von Meuffels auftaucht und behauptet, er sei es damals gewesen. Matthias Brandt zeigt, wie es für seinen Kommissar von der routinierten Abwehr – „Selbstbezichtiger“ sind offenbar ein auf Revieren notorischer Menschenschlag –, bis zum ersten Nachdenken doch etliche Schritte sind. Karl Markovics zeigt, wie der Mann, der jetzt, nach bald zehn Jahren, sagt, er sei es gewesen, bei näherer Hinsicht gar nicht so verhaltensgestört ist, sondern nur unheimlich gut vorbereitet auf diesen Moment. Er gesteht, aber keiner glaubt ihm.

Im neuen Münchner „Polizeiruf 110“, auf ein Drehbuch von Alex Buresch und Matthias Pacht, das Marco Kreuzpaintner inszeniert hat, kann man dabei zuschauen, wie Menschen Angst davor haben, sich an der Schuld, an der möglichen Schuld anzustecken. Wie sie merken, dass auch sie womöglich etwas falsch gemacht haben. Wie sie sich rechtfertigen, zurückziehen, herumschreien. Selbst Meuffels wäscht sich die Hände, allerdings ist es auch wieder Sommer, wie damals. Kreuzpaintner macht in den üppigen Rückblenden nicht zuletzt deutlich, wie lange das Jahr 2006 her ist, denn mitten im Sommermärchen passierte die Tat. Und bis heute kann die Polizei fragen, ob die 16-Jährige vor oder nach dem Ausgleich zur Imbissbude fuhr, und die Leute wissen es noch.

Über weite Strecken ein Kammerspiel

„Und vergib uns unsere Schuld“ ist über weite Strecken ein Kammerspiel zwischen Meuffels und dem Mann, der den Mord gesteht. Der Kommissar ruppig, der Geständige aufgeregt, der Kommissar neugierig, der Geständige erpicht, der Kommissar entsetzt, der Geständige überglücklich, wenn der Kommissar ihm doch einmal etwas glaubt. Tatsächlich werden die beiden praktisch zu Komplizen. Schon stecken sie die Köpfe zusammen, schon freuen sie sich, wenn sie fündig werden. Denn es zeigt sich, dass es selbst dann schwierig ist, angeklagt zu werden, wenn der Kommissar fast schon überzeugt ist. Man braucht Beweise, der Mann hat keine, und unter den 3900 Spuren fand sich damals ja nichts. Meuffels fällt aber nach und nach auf, dass die Schuld des Verurteilten – der schließlich sogar gestand, der wehrlose Heintje-Hörer – ebenfalls so eindeutig nicht war. Als Meuffels einen Wutanfall bekommt, weil eine wichtige Aussage seinerzeit anscheinend nicht weitergegeben worden ist, zeigt ihm sein Chef das ordnungsgemäße Blatt, das er selbst, Meuffels, unterschrieben hat. 

Zur weniger katholischen als archaischen Konstellation von Schuld, von großer Schuld, gesellt sich der Schrecken der beruflichen Unzulänglichkeit. Die Polizisten haben Fehler gemacht und damit die Ausmaße der Zerstörung im bayerischen Örtchen nur vergrößert. Aber selbst Meuffels beruft sich auf die Legislative. Nachher sitzt er bei der Mutter des Verurteilten, der sich umgebracht hat. Sie hat ihm an die Autoscheibe gespuckt. Jetzt sagt sie nichts. Meuffels ist stilsicher, aber Stilsicherheit hilft hier wenig. 

Die Mutter der 16-Jährigen stellt sich vor, dass ihre Tochter in Australien ist oder in Südafrika. Dass sie anruft und sich nicht traut, etwas zu sagen. Sie glaubt, dass sie auf dem Anrufbeantworter das Atmen ihrer Tochter hört. Zehn Jahre nach der Tat sind das vernichtete Menschen, die irgendwie weitermachen. Ungemein diskret erzählen Pacht und Buresch davon, eindrucksvoll greifbar – die Gesichter, das Wetter, die Wohnungseinrichtungen – wird das in Szene gesetzt. Der Blick der Kamera ist aufrecht und zurückhaltend wie der Matthias Brandts. Ungewöhnlich: die ungriffige Musik von Oliver Thiede.

Es gibt ein paar Überraschungen, aber hätte man sich nicht mehr davon gewünscht? Unaussprechlich eigentlich, dass so viel Schuld auch eine Nuance langweilig sein kann.

 „Polizeiruf 110: Und vergib uns unsere Schuld“, ARD, So., 20.15 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

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