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TV-Kritik
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16. März 2016

„37 Grad": Emotionales Erklärstück

 Von 
Betreuer Siegmar sorgt sich um einen Klienten.  Foto: ZDF und Jana Lindner

Die Reportage beschreibt die schwierige Arbeit von gesetzlichen Betreuern und verzichtet zum Glück auf jeden Elendstourismus.

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In seiner Reportagereihe „37 Grad“ erklärt das ZDF seinem Publikum die Welt. Weil man Anteil nehmen soll an den dargebotenen Schicksalen, spielen Gefühle stets eine große Rolle; Tränen werden gern genommen. Wenn der Kommentar - wie in diesem Fall – auch noch ganz viel erläutern muss, weil die Autorin in eine Welt einführt, die den meisten Zuschauern unbekannt sein dürfte, wirkt so ein Film leicht mal wie ein emotionales Erklärstück aus dem Kinderfernsehen. Das kann man natürlich so machen; ob man damit dem Sachverhalt gerecht wird, ist eine andere Frage, die auch viel mit Geschmack zu tun hat.

Über jeden Verdacht erhaben sind dagegen die beiden Protagonisten. Jana Lindner hat zwei gesetzliche Betreuer ein halbes Jahr lang begleitet. Da „37 Grad“ stets eine größtmögliche Nähe zu den Menschen herstellen will, heißen sie nicht Herr und Frau Soundso, sondern Siegmar (58, aus Erfurt) und Sandra (43, aus Dortmund). Sie kümmern sich um Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr am geregelten gesellschaftlichen Leben teilnehmen können; die einen, weil sie geistig oder körperlich behindert sind, die anderen, weil sie psychische Probleme haben. Es handelt sich also um einen Beruf, zu dem man sich berufen fühlen sollte, zumal das Engagement zumindest von Sandra und Siegmar deutlich über jenes Maß hinausgeht, für das sie bezahlt werden. Trotz aller professionellen Distanz gibt es Momente, die auch den Betreuern unter die Haut gehen.

Lindner hat ihre Reportage im typischen Doku-Soap-Stil konzipiert: Die Erzählperspektive springt ständig zwischen Sandra und Siegmar hin und her, kehrt dabei aber immer wieder zu den gleichen Klienten zurück. Vermutlich hätte es genügt, wenn sich die Autorin auf einen Betreuer konzentriert hätte, aber dann hätte es natürlich den dauernden Wechsel nicht mehr gegeben. Dass der eine im Osten und die andere im Westen arbeitet, ist zum Beispiel völlig unerheblich.

Während man über das methodische Konzept also streiten kann, weil es durch seine Sprunghaftigkeit fast zwangsläufig eine gewisse Oberflächlichkeit mit sich bringt, ist der Umgang der Autorin mit den Klienten sehr respektabel. Ein derartiges Sujet birgt ja immer die Gefahr des Elendstourismus’, aber davon kann hier keine Rede sein, selbst wenn die Kameraführung in der völlig vermüllten und verdreckten Wohnung einer Frau aus Dortmund fast ein bisschen fassungslos wirkt.

Auch Sandra räumt später ein, dass sie die Zustände eher eklig fand, bittet aber trotzdem um Verständnis für die Frau. Es spricht ohnehin für das gegenseitige Vertrauensverhältnis, dass die Menschen dem TV-Team Zutritt zu ihren Wohnungen und damit auch in ihr Leben gestattet haben, und Lindner nutzt dieses Vertrauen kein einziges Mal aus, im Gegenteil: Die Klienten werden nicht als wunderlich oder sonderlich dargestellt, sondern als Menschen, die aus irgendeinem Grund aus der Bahn geworfen worden, wie zum Beispiel die Mutter, die seit dem Tod ihres Sohnes vor vielen Jahren unter einer Angststörung leidet und sich nicht mehr auf die Straße traut.

Zur Sendung

Reportage: „37 Grad: Wenn das Leben aus dem Ruder läuft“

Sendetermin TV: Dienstag, 15.3, ZDF, 22.15 Uhr. Wiederholung: 21.3., 3sat, 23.50 Uhr

Mehr Infos auf den Seiten der Sendung

Wie groß der Respekt der Autorin war, zeigt sich in der bewegendsten Szene gegen Ende des Films. Siegmar kümmert sich um einen Mann namens Peter, über dessen Vorgeschichte man nicht viel erfährt, obwohl er immer wieder auftaucht. Er hat Krebs und nicht mehr lange zu leben, weshalb der Betreuer ein Hospiz für ihn sucht. Dort trifft Peter einen Priester, zu dem er früher, als es ihm schon einmal richtig schlecht ging, offenbar intensiven Kontakt hatte. Das Wiedersehen ist tränenreich, zumindest für Peter, und diese Bilder lässt sich die Kamera natürlich nicht entgehen; früher nannte man so etwas „ein gefundenes Fressen“. Später verschlechtert sich Peters Zustand rapide, er liegt im Sterben, und nun verzichtet Lindner auf jeden Voyeurismus. Die Kamera bleibt draußen vor der Tür, als Siegmar von seinem Klienten Abschied nimmt, und die Autorin lässt ihm anschließend die Zeit, die er braucht, um sich wieder zu sammeln, bevor er seine Gefühle beschreibt.

Die Abschiedsszene ist zwar der emotionale Höhepunkt des Films, aber ansonsten ist keine Dramaturgie erkennbar. Mit einer Ausnahme: Damit die Reportage nicht mit dem Tode endet, gibt es am Schluss ein Erfolgserlebnis für Sandra, der es gelungen ist, die Frau mit den Angststörungen zum ersten Mal nach langer Zeit zu einem Spaziergang zu überreden; „37 Grad“ soll schließlich positive Impulse vermitteln.

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