Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

06. Februar 2016

„Der Fall Barschel“, ARD: Eine Reise ins Uferlose

 Von 
Der 18. September 1987 im Film: Uwe Barschel (Matthias Matschke, M.) gibt das berühmteste und vorerst wohl letzte Ehrenwort der jüngeren deutschen Geschichte.  Foto: Stephan Rabold/ARD/Degeto

1987 erschüttert der Skandal um Uwe Barschel die Bundesrepublik. Nun erzählt die ARD die Affäre um den früheren Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein auch als Geschichte vom Auf- und Abstieg eines Journalisten.

Drucken per Mail

Das ist die Geschichte eines Tabubruchs. Knapp 30 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik wurde einer ihrer Repräsentanten zum Rücktritt gezwungen, weil er öffentlich geschworen hatte, unschuldig zu sein – und es nicht war. Er hatte seinen politischen Gegner mit schmutzigen Methoden im Wahlkampf diskreditieren wollen und sein „Ehrenwort“ gegeben, dass er nichts damit zu tun habe. Doch musste er sich als Lügner entlarven lassen. Das „Ehrenwort“ ist seit diesem 18. September 1987 verbrannt in der politischen Debatte.

Uwe Barschel, CDU-Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, sollte den Skandal nicht lange überleben. Kurze Zeit nach seinem Rücktritt wurde er tot in der Badewanne eines Genfer Hotels gefunden. Das Foto davon, Arbeit eines „Stern“-Reporters, ging um die Welt. Die politische Klasse der Bundesrepublik zeigte sich erschüttert – das Vertrauen der Bürger in ihre Vertreter war es ebenfalls. Später blühten die unterschiedlichsten Gerüchte und Erklärungen über den Tod des Politikers, vollständig aufgeklärt wurde die Tragödie nie.

Im Vorspann zu „Der Fall Barschel“ wird das Publikum darüber aufgeklärt, dass das Folgende „ein Spielfilm“ sei. Der ist allerdings mit realen Tatsachen derart vollgestopft, dass er knapp drei Stunden dauert – samt einer nachgereichten halbstündigen Dokumentation, die noch einmal aufzählt, was an Fakten in die fiktive Erzählung über Barschels Ende eingeflossen ist. Dreieinhalb Stunden Film über einen der bedeutenden Skandale der bundesdeutschen Nachkriegszeit, das ist für die Hauptsendezeit an einem Samstagabend in der ARD ein starkes Stück.

Es liegt nahe, in dieser Entscheidung auch eine Demonstration der ARD-Tochter Degeto zu sehen. Die frühere Filmeinkäuferin ist darauf bedacht, sich den Ruf einer profilierten Programmgestalterin zu erwerben, seit Christine Strobl an der Spitze des Unternehmens steht. Und nun haben die beiden Degeto-Redakteure Stefan Kruppa und Sascha Schwingel offenbar freie Hand bekommen und Regisseur Kilian Riedhof und seinem Co-Autor Marco Wiersch eine solche gelassen.

Doch ist die Frage, ob sich der Aufwand gelohnt hat, nicht uneingeschränkt zu bejahen. Geschickt ist auf jeden Fall die Entscheidung, die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Uwe Barschel nicht direkt, sondern als Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Journalisten zu erzählen.

Kleine Woodward-/Bernstein-Variante

David Burger (zurückhaltend in seinem Spiel: Alexander Fehling) ist Reporter bei der „Neuen Hamburger Zeitung“ und zusammen mit seinem Kollegen Olaf Nissen (Fabian Hinrichs) auf der Skandal-Spur des Kieler Ministerpräsidenten (Matthias Matschke trifft ihn gut). Riedhof inszeniert das anfangs als eine kleine Woodward-/Bernstein-Variante, nach dem Film „Die Unbestechlichen“ von Alan J. Pakula, schließlich kommen die beiden Hamburger ja auch auf die Parole vom „Waterkant-Gate“.

Kritisch begleitet von ihrem Chefredakteur (großartig zwischen Seriosität und dem Schielen nach Auflage: Edgar Selge), verbeißen sich die beiden Freunde in den Fall und dürfen nach Barschels Entlarvung als Lügner schließlich sekttrunken auftrumpfen: „Wir haben ihn“. Es ist da einiges gut erfasst im Porträt der Journalisten, die ihren Beruf als Berufung verstehen: Ihre Kurzatmigkeit, weil sie gewohnt sind, Ergebnisse der Arbeit anderntags zu sehen, ihre Energie und ihr Eifer bei der Wahrheitssuche, aber damit eben auch ihre Eitelkeit, weil sie am großen Rad mitzudrehen glauben. „Die Wahrheit ist immer am stärksten“ ruft der Chefredakteur in der Stunde des Triumphs.

Zur Sendung

Spielfilm: "Der Fall Barschel", Dokumentation: "Uwe Barschel - Das Rätsel"

Sendetermin TV: Samstag, 6.2., 20.15 Uhr (Film) und 23.10 Uhr, ARD (Doku), 13.2. 20.15 Uhr, Einsfestival (Film) und 9.2., 23.35 Uhr, 10.2., 20.15 Uhr, 14.2., 17.30 Uhr, tagesschau24 (Doku)

Im Internet: Infos und Vorschauvideo zum Film, Doku am 6.2 von 18 Uhr an verfügbar

Nur: Die endgültige Wahrheit enthüllt sich oft erst später und mitunter gar nicht – wie in diesem Fall. Bob Dylans „The answer my friend, is blowin’ in the wind“ spielen sie in der Disco, und lange bevor bekannt wird, dass die SPD über die Machenschaften Barschels und seines Mitarbeiters Pfeiffer Bescheid wusste, wird Uwe Barschel tot aufgefunden (es ist übrigens eigenartig, mit welcher Selbstverständlichkeit in den Medien heute immer wieder das Bild der Leiche gezeigt wird – als ob dieser Tote keinen Anspruch auf Intimität und Respekt habe).

Zunächst deutet alles auf einen Suizid des Politikers hin, bis dessen Witwe und Bruder die These vom Mord in die Welt setzen. Damit beginnt für David Burger, seinem Selbstbild als unbestechlicher Aufklärer gemäß, eine Recherche, die ungleich schwieriger ist. Es wird eine Reise ins Uferlose.

Weil sich der Film nun auf die Person des Journalisten fokussiert, gerät er in eine selbst gestellte Falle, denn das Drehbuch verheddert sich im Gewirr der Fakten, Fehler und Hinweise, die Burger aufdeckt. Das inszeniert Riedhof zum Teil mit der Handkamera (Yesim Zolan), immer mal wieder gar in der Ästhetik alter VHS-Filme, mit verwackelten Bildern, Einschüben dokumentarischer Aufnahmen. Sichtlich bemüht, dem Spielfilm realen Anstrich zu geben, schadet er letztlich der Dramaturgie. Denn jede Wendung der Affäre, jeder neuen Erkenntnis, die Burger gewinnt, muss er nachgehen, zumal das Drehbuch sich nicht für eine Version entscheidet: Suizid, Sterbehilfe oder Mord.

Psychogramm zweier Besessener

Das (historisch belegte) Doppelleben des Politikers, das etwa durch seine Stasi-Akte ruchbar wurde, verleiht der Affäre dann eine neue Dimension. So spürt Burger Uwe Barschels Waffengeschäften nach, meint ein Mitwirken des BND zu erkennen, gefüttert von Andeutungen einer Geliebten.

Als Burger den Verdacht, es könne sich um Mord handeln, erhärtet sieht, zieht sein Kollege Nissen nicht mehr mit, und der verbissene Rechercheur weiß nicht mehr, wem er vertrauen, was glauben soll, wähnt sich unverstanden. So dreht er sich bald in einer Spirale aus Verfolgungswahn, Drogenkonsum, Vernachlässigung der Familie. Aus der Suche ist die Sucht nach Wahrheit geworden, und David Burger, nun in der Überzeugung, dass der Staat mitgemischt habe beim Mord an einem seiner wichtigsten Repräsentanten, gerät immer mehr ins Abseits. Als er den Schreibtisch seines Kollegen aufbricht, wird er gefeuert.

So entpuppt sich „Der Fall Barschel“ letztlich als das Psychogramm zweier Besessener. Der eine, der Reporter, ist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Mann, den er entlarven, dessen Ende er aufklären will. Dem einen geht es um Macht, dem anderen um deren Demaskierung. Beide sind sie gefangen in ihren Zwängen, die genügend zu reflektieren sie nicht fähig sind. Das zu zeigen, ist Kilian Riedhof gelungen. Aber auch wenn es um einen die Republik erschütternden Skandal geht: Die Straffung des Stoffes hätte der Überzeugungskraft des Films eher genutzt als geschadet.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien