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30. April 2014

"Die Anstalt" im ZDF: Solide Arbeit

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Max Uthoff und Claus von Wagner schaffen es in der "Anstalt", sich von ihren Vorgängern zu emanzipieren.  Foto: ZDF/Michel Neumeister

Max Uthoff und Claus von Wagner ist es mit ihrer „Anstalt“ im ZDF gelungen, sich von ihren Vorgängern zu emanzipieren. Sie demonstrieren, wie sich mittels gründlicher Recherche Tatsachen so zugespitzt darstellen lassen, dass der satirische Idealzustand erreicht wird.

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Wer geglaubt hatte, Max Uthoff und Claus von Wagner würden ihr Mütchen kühlen am bayerischen Hochmut nach der Blamage der angeblich besten Mannschaft der Welt gegen die derzeit wirklich beste Mannschaft der Welt, der sah sich getäuscht. So platt agieren die Nachfolger von Urban Priol und Frank-Markus Barwasser nicht. Stattdessen bauten sie die Kulisse in Form der Werbewand bei Bundesliga-Pressekonferenzen nach und begnügten sich damit, ihr Team als Union europäischer Frontal-Anarchisten, kurz Uefa, vorzustellen.

Es ging thematisch um Europa, schließlich steht da eine Wahl an, von der die zu wählenden Volksvertreter fürchten, dass sie danach womöglich mangels Stimmenmasse nicht mehr behaupten können, sie seien Vertreter des Volkes. Alphonse, der Franzose war diesmal dabei, Konstantin Wecker und dann Abdelkarim, der aber als erkennbarer Nicht-Europäer erstmal draußen bleiben musste – hinter einem Gitter. Erst nach Eingeben des Codes „Lampedusa“ durfte er rein...

Weniger selbstverliebt als die Vorgänger

Die neuen Bewohner der Anstalt, weniger selbstverliebt als ihre Vorgänger, folgten zwar meistens traditionellen Pfaden und lästerten auch mal über Urban Priols Lieblings-Zielscheibe Angela Merkel ab (Uthoff: „das personifizierte Sommerloch“), wussten aber vor allem mit solider Arbeit Lorbeeren zu ernten. Denn sie demonstrierten, wie sich mittels gründlicher Recherche Tatsachen so zugespitzt darstellen lassen, dass der satirische Idealzustand erreicht wurde: das Schwanken zwischen Lachen und Bitterkeit über die bei nüchterner Betrachtung unerträglichen Zustände. Als Beispiele dienten die Folgen von Merkels Spardiktat etwa für die Griechen, wo die Verschuldung wie die Selbstmordrate in groteskem Maße zugenommen hat.

Ihre Glanzleistung aber boten Uthoff und von Wagner, als sie den wahren Charakter der vermeintlichen Werbewand vom Anfang enthüllten: Sie zeigten da die Verbindungen bundesdeutscher Spitzenjournalisten zu diversen Verbänden und Gruppierungen, die sich die Unterstützung der Nato und des Militärs auf die Fahnen geschrieben haben. Das war, etwa im Falle des Zeit-Redakteurs Josef Joffe, nicht unbedingt neu, aber in dieser Verdichtung ein eindrucksvoller Beleg für eine Kumpanei, die Uthoff so kurz wie treffend charakterisierte: Das sei eben „Qualitätsjournalismus“.

Und damit hätte es sein Bewenden haben können, aber dann mussten sie ihren running gag noch auflösen: Konstantin Wecker war zuvor permanent hinauskomplimentiert worden bei seinen Versuchen, zu allem und jedem Thema ein Lied beizusteuern – aber am Ende durfte er doch. Und wärmte seinen „Willy“ auf und wurde so schrecklich moralisch und mit seinem Appell, wieder massenhaft zu demonstrieren, irgendwie auch so vorgestrig, dass diese Ausgabe des Kabaretts statt mit Gelächter eher trist endete.

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