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02. Juni 2014

„Die Bio-Illusion: Massenware mit Öko-Siegel“ : Landbau oder Raubbau?

 Von Harald Keller
Der Öko-Boom ist auch in China angekommen.  Foto: MDR/DOKfilm

Für die Arte-Dokumentation "Die Bio-Illusion: Massenware mit Öko-Siegel" waren Christian Jentzsch und sein Team in aller Welt unterwegs, um den Schwindel mit den Bio-Etiketten oder auch Verstöße gegen die Ethik der Bio-Pioniere aufzudecken.

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Kartoffelernte in Sachsen-Anhalt. Bioanbau. Bevor die Knollen in den Verkauf gehen, wird aussortiert. Nicht nur faulige Früchte – auch solche, die nicht der Norm entsprechen. Oval geformt und gleichmäßig gerundet sollen sie sein, sonst mag sie der Verbraucher nicht. Völlig unsinnig. Aber es geht noch absurder im Reich der Bio-Landwirtschaft.

Bio-Lebensmittel haben weiterhin Konjunktur. Die Nachfrage ist größer als das Angebot, vor allem wenn man Großversorger wie Mensen und Kantinen in die Rechnung einbezieht. Längst haben Investmentfirmen den Geschäftsbereich entdeckt. Der Dokumentarfilmer Christian Jentzsch ist zum Beispiel dem Schweizer Ex-Bankier Theo Häni begegnet, der mit dem Geld seiner Investoren in aller Welt Bio-Landwirtschaft betreibt. Ganz groß eingekauft hat sich Häni in Rumänien. Ackerland ist im Ankauf oder in der Pacht deutlich billiger zu haben als in den deutschsprachigen Ländern, obendrein gibt es üppige Subventionen der EU für die Umstellung auf biologischen Landbau. Willy Schuster, ein einheimischer Kleinbauer, nennt die Fremden „Landräuber“. Schuster pflegt seinen Boden und die heimischen Arten ohne Zuschüsse der EU, die Zugereisten hingegen betreiben die Landwirtschaft in industriellem Maßstab, gewinnträchtig und öffentlich gefördert. Ein schönes Bild, wie Theo Hänis Rinder sich frei auf einer Wiese tummeln. In Wahrheit sind es nur die Zuchttiere. Das Schlachtvieh steht im Stall. Auch eine Käserei haben die Westler errichtet und produzieren Feta aus der Milch der örtlichen Schafbauern. Natürlich in Bio-Qualität. Niemand fragt danach, dass die Schäfer Futtermittel dazukaufen. Mais zum Beispiel. Natürlich möglichst billig. Also nicht gerade aus organischer Aufzucht.

Industriefutter für Bio-Garnelen

Christian Jentzsch und sein Team waren in aller Welt unterwegs, um den Schwindel mit den Bio-Etiketten oder auch Verstöße gegen die Ethik der Bio-Pioniere aufzudecken. Manchmal fiel das ganz leicht. In China liegen die Verpackungen chemischer Pflanzenschutz- und Düngemittel offen auf dem Boden. In einer thailändischen Garnelenzucht darf das Team zwar die Säcke mit künstlichem Fischfutter nicht filmen, aber die schiere Fülle sticht den Berichterstattern ins Auge. Kein Grund für Argwohn, meint der Betreiber der Farm, er habe die Säcke leer gekauft und mit eigenem Futter gefüllt.

Zuchttiere in den Karpaten.  Foto: MDR/DOKfilm

Auch hier sind für die Umstellung auf Bio-Kulturen erhebliche Mittel geflossen, in diesem Fall von der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), die inzwischen Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit heißt (GIZ). In Bangkok unterhält das Bundesunternehmen feudale Büros. Zu dem Umstand, dass die Garnelenfarm Gelder für die Umstellung auf biologische Aufzucht erhielt, das entsprechende Bio-Siegel aber mangels entsprechender Qualität aberkannt bekam und die Zuschüsse offenbar anderweitig angelegt hat, mag sich hier scheint‘s niemand äußern. Auch nicht zu der Frage, warum nicht die vielen kleinen Fischfarmer gefördert wurden, die das Geld nötiger gehabt hätten.

Wenn das Leben das Kino kopiert

Die Liste der Widersprüche, Unregelmäßigkeiten, kleinen Skandale ist lang. Im spanischen Almeria werden ausgerechnet in einer ausgesprochen trockenen Region Obst und Gemüse angebaut. Die Landarbeiter, meist Zuwanderer aus Afrika, leben unter erbärmlichen Bedingungen. Wer eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt, hat kaum eine Chance auf Beschäftigung – die illegalen Migranten sind billiger. Wer sich mit der Gewerkschaft einlässt, muss Schikanen fürchten. Kuriose Volte der Geschichte: Einst wurden hier sozialkritische Italowestern gedreht, die genau solche Verhältnisse anprangerten. Heutzutage ließe sich das Geschehen wohl eher als Krimi erzählen …

Tatsächlich nähert sich Christian Jentzsch dem Thrillergenre an, wenn Mitglieder des Tierschutzverbandes Animal Rights nächtens in eine deutsche Putenfarm eindringen, die ihre Produkte – natürlich – mit einem Bio-Siegel vermarktet. Das immerhin ändert sich, nachdem das zuständige Prüfunternehmen das heimlich aufgenommene Filmmaterial gesehen hat. Nur: Warum sind die erschreckenden Zustände vorher niemandem aufgefallen?

Einen interessanten Kontrast liefern die Bemühungen einer deutschen Kleinunternehmerin, für ein Hagebuttenprodukt aus Norwegen eine Bio-Zertifizierung eines anerkannten Instituts zu bekommen. Ein langer und kostspieliger Weg, und doch am Ende ergebnislos. Als die Dame ihren Ansprechpartner spontan fragt, wie es denn kommen kann, dass sie bei Ernte und Produktion jeweils strikte Auflagen erfüllen muss, andererseits aber in der Agrarwirtschaft in großem Stil Betrug mit dem Bio-Etikett betrieben werden kann, schreitet der Pressesprecher ein.

In diesem Einzelfall bleibt die Frage unbeantwortet. Betrachtet man aber das gesamte Bild, das sich aus den umfassenden Recherchen des von MDR, WDR, NDR und Arte gemeinsam beauftragten Filmteams ergibt, lassen sich die nötigen Schlussfolgerungen ziehen.

Und damit auch Konsequenzen für den nächsten Einkauf.

„Die Bio-Illusion: Massenware mit Öko-Siegel“, Dienstag, 3.6., Arte, 20.15 Uhr

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