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17. Dezember 2015

„Die Füchsin – Dunkle Fährte“, ARD: Um den Preis einer Kaffeemaschine

 Von 
Die "Füchsin" Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) in Aktion - Youssef El Kilali (Karim Cherif) kann mit ihrem Ermittlungstempo kaum Schritt halten.  Foto: WDR/Martin Rottenkolber

In der Programmplanung des Ersten gehört der Donnerstagabend dem nach feststehender Formel fabrizierten Standardkrimi. Jetzt aber gibt es eine Unterbrechung der Routine: eine Reihe mit Stoff zum Mitdenken und lakonischem Humor.

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Am Donnerstagabend steht Regisseurin Samira Radsi mit sich selbst in Konkurrenz. Die 47-jährige gebürtige Krefelderin inszenierte die Schlussfolge „Able Archer“ der RTL-Serie „Deutschland 83“. Parallel dazu zeigt Das Erste mit „Dunkle Fährte“ den ebenfalls unter ihrer Regie entstandenen Auftakt zu der neuen Kriminalreihe „Die Füchsin“. Welch ein Unterschied: „Deutschland 83“ folgt einem biederen Regiekonzept, was der Absicht geschuldet sein mag, sich inszenatorisch an die Handlungszeit – die frühen 1980er – anzupassen. „Dunkle Fährte“ dagegen beeindruckt durch eine moderne Bildsprache. Hier wird unter sorgfältiger Anwendung der von Frank Küpper geführten Kamera erzählt. Über optische Mittel wie den bewussten Einsatz von Schärfe und Unschärfe lassen sich Beziehungen zwischen Menschen beschreiben; ohne große Worte werden Statuseinordnungen vorgenommen, Milieus skizziert, Empfindungen veranschaulicht.

Unauffällig, mittellos – gefährlich

Über mehrere Ecken gedacht, lässt sich eine inhaltliche Verwandtschaft von „Die Füchsin“ mit „Deutschland 83“ konstruieren. Auch hier geht es um die DDR und die Machenschaften ihrer Sicherheitsorgane, aber nicht als Farce, dafür ganz und gar gegenwärtig. Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) gehörte einst zum Personal des Systems. Jetzt lebt sie unauffällig als nahezu mittellose Hartz-IV-Empfängerin in Düsseldorf. Gelegentlich leistet sie sich einen Ausflug ins „Café Mittsommer“ zu der freundlichen Wirtin Simone Papst (Jasmin Schwiers).

Zur Sendung

Fernsehkrimi: „Die Füchsin: Dunkle Fährte“

Sendetermin TV: Donnerstag, 17.12., ARD, 20.15 Uhr

Im Internet: Mehr Infos auf der Seite der Sendung.

Zufällig bekommt Fuchs mit, dass Simones Bruder verschwunden ist und einer von dessen Freunden tot aufgefunden wurde. Simones Eltern bleiben seltsam passiv in der Angelegenheit, die mit einer Hausbesetzung in Verbindung zu stehen scheint. Die Besetzer wenden sich gegen eine Gentrifizierung des Viertels. Einer der beteiligten Spekulanten: Simones Vater, der „Immobilien-Papst“.

Anne Marie Fuchs bietet ihre Hilfe an. Als Honorar erbittet sie eine neue Kaffeemaschine. Und rekrutiert Simones Ehemann Youssef El Kilali (Karim Cherif) als Gehilfen. Der kann über Anne Maries detektivische Fähigkeiten nur staunen. Woher die stammen, schält sich erst nach und nach heraus.

Faszinierende Sprödigkeit

Noch einmal sei der Vergleich zu „Deutschland 83“ gezogen. Denn in „Die Füchsin“ gelingt, woran es bei der RTL-Serie haperte: Die Hauptfigur bleibt uneindeutig, handelt sympathisch, hat aber erkennbar eine dunkle Seite. Drehbuchautor Ralf Kinder, der das Reihenkonzept nach einer Idee von Tim Krause ausarbeitete, schafft es, zugleich vorsichtige Sympathie und distanzierte Neugier zu wecken. Damit ist ohne großartige Action oder effekthascherische Mordszenen schon einmal eine unterschwellige Spannung angelegt, zumal Hauptdarstellerin Lina Wendel diese Ambivalenz ihrer Figur glaubwürdig zu vermitteln weiß. In ihrem zurückhaltenden Spiel, in dem sich auf ganz leise Art mürrische Anteilnahme, verkappte Verzweiflung, in Ketten geschlagene Rachlust ausdrücken, liegt mehr Schauspielkunst als im raumgreifenden Habitus so mancher Star-Schauspieler.

Spannung und Dramatik werden gekonnt mit Komik austariert. Nicht in Form aufgesetzter Slapstick-Szenen, sondern beiläufig, durch urwüchsigen Mutterwitz in den Dialogen. Von ihrem gleichsam zwangsverpflichteten Gehilfen Youssef El Kilali muss sich Anne Marie Fuchs fragen lassen: „Haben Sie Schwierigkeiten mit meiner arabischen Herkunft?“ Ihre lakonische Riposte: „Haben Sie denn welche?“

Nicht immer aber gehört ihr das letzte Wort. Auch Youssefs hochbegabte Schwester trägt zu den Ermittlungen bei. Youssef erklärt ihre Motivation: „Das ist Familie. Kennen Sie nicht, was?“ Fuchs gibt sich geschlagen und schweigt.

Wie sich zeigen wird, trifft diese Frotzelei eine wunde Stelle. An solchen Details erweist sich, wie Autor Ralf Kinder dezent und durchdacht bestimmte Leitmotive in die Handlung einbettet. Man kann nur hoffen, dass „Die Füchsin“ auch in den geplanten weiteren Folgen noch einige Geheimnisse und vor allem ihr im Vergleich zu anderen Fernsehkrimihelden faszinierend sprödes Wesen behält.

 

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