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12. Januar 2016

„Die Stadt und die Macht“, ARD: Die Wahrheit, die Drohung, das Angebot

 Von Judith von Sternburg
"Die Stadt und die Macht" läuft ab dem 12.01.2016 auf der ARD an drei aufeinanderfolgenden Tagen, jeweils als Doppelfolge.  Foto: ARD/Frédéric Batier/Montage

Politik, wenn die Tür zu ist: Die ARD-Miniserie „Die Stadt und die Macht“ besticht mit Topbesetzung, mit flotter Handlung und mit einiger Glaubwürdigkeit.

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Spricht etwas dagegen, „Die Stadt und die Macht“ anzuschauen? Neben allgemeinem Desinteresse an Familiendramenpolitthrillern und Überfütterung mit „House of Cards“ und „West Wing“ könnten die penetrant urbanen Berlin-Bilder ein Kriterium sein, die immer wieder zwischen die Szenen geklemmt werden und nichts mit der Handlung zu tun haben. Überhaupt bleibt Berlin als Stadt uninteressant, eine Behauptung von Coolness. Und trotz aufgefahrener enormer Bauskandale und der Verheißung weiterer kann eine sechsteilige (insgesamt viereinhalbstündige) Serie der Realität vor Ort am Ende kaum das Wasser reichen.

Vielleicht ist es ferner eine Schwäche, den Regierenden Bürgermeister im Film, Manfred Degenhardt, als Mix aus Wowereit und Alt-DDR-Seilschaftsmitglied anzulegen und etwas zu überfüllen. Obwohl Burghart Klaußner wider Erwarten auch ein hinreißender Leichtsinnspinsel ist.

Ansonsten finden sich nur lasche Gegenargumente, wegen derer man auch nicht auf eine flotte skandinavische, britische oder amerikanische Serie verzichten würde (außer man wollte niemals im Leben eine Fernsehserie ansehen, das wäre selbstverständlich etwas anderes): Gelegentliche hanebüchene Volten, viel Familie, eine Portion Pathos – das von Annette Simon, Christoph Fromm und Martin Behnke (Drehbuch) bisweilen angeheizt, von „Weissensee“-Regisseur Friedemann Fromm aber lakonisch inszeniert und von Anna Loos restlos heruntergekühlt wird.

„Die Stadt und die Macht“ ist konkurrenzfähig: Unterhaltsam und tüchtig verwickelt – und es geht zwar noch verwickelter, ohnehin raffinierter, aber man sollte die Politik und ihre Akteure auch nicht überschätzen. Vieles ist glaubhaft genug. Dialoge unter den Politikern, wenn die Tür zu ist, dürften sich ungefähr so abspielen, diese Momente, in denen rasch alles ausgesprochen wird, die Wahrheit, die Drohung, das Angebot. Es ist wunderbar mitanzusehen, wie sich Anna Loos als Kandidatin und Anian Zollner als einziger fähiger Parteifreund weit und breit umkreisen und nicht besonders leiden können und vielleicht doch noch arrangieren werden. Löblich, wie das Drehbuch die ganz persönlichen Verstrickungen einigermaßen dosiert.

Fabelhaft: Martin Brambach

Der große Trumpf ist die Besetzung, und innerhalb der Besetzung ist es Martin Brambach als Wahlkampfmanager am Rande des Nervenzusammenbruchs: Eine vor allem komische Einlage, die er verblüffend ausfüllt. Zur neuen Frisur und rasenden Leidenschaft kommt ein Redefluss, in dem sich Geplapper, Professionalität, Zynismus, Lauterkeit untrennbar vermengen. Es ist an der Zeit sich daran zu gewöhnen, dass Brambach ein Star ist.

Mit Behagen füllt auch Anna Loos ihre glücklicherweise durchaus unbehagliche Rolle als Susanne Kröhmer aus. Es ergibt sich mehr oder weniger, dass die Anwältin und Tochter des Chefs einer Partei, mit der die Berliner CDU gemeint ist, für das Bürgermeisteramt gegen den bräsigen Amtsinhaber kandidiert. Dieser gehört einer Partei an, mit der die Berliner SPD gemeint ist (und ja, Klaußner kann auch ausgesprochen bräsig sein). Geschildert wird die krasse Außenseiterkandidatin als Idealistin. Sie kennt aber den Politikbetrieb von Haus aus viel zu gut, um nicht beherzt zu mogeln. Das Leben hat schon Spuren hinterlassen.

Letzte Skepsis verliert sich hoffentlich am Ende von Folge 1, wenn sie mit einer tollen Vater-Tochter-Lügengeschichte ihre Parteifreunde mobilisiert. Und allerletzte Skepsis, wenn sie für die Wahlplakate posiert und mit ihrem Gesicht einiges anstellen kann. Brambach blafft sie dabei von der Seite an, es sind verschärfte Bedingungen, aber die Macher haben sich Tipps von einem Wahlkampfmanager geholt.

Prächtig ist erwartungsgemäß Thomas Thieme als Karl-Heinz Kröhmer, der jovial über Hindernisse hinwegzuwalzen pflegt, seiner Tochter aber tief verbunden ist. Er hält seine Beziehungen ohnehin weit schillernder, als es sein robustes Auftreten erwarten lässt. Betrogen und umsorgt ist seine unglückliche Frau (Renate Krößner). Schön auch, wie die Psychotherapeutin der Tochter davon ausgeht, dass sie ihren Vater hasst, aber sie hasst ihn gar nicht. In der Praxis der Therapeutin wird man schneeblind, „Die Stadt und die Macht“ ist auch feines Ausstattungsfernsehen.

Erfreulicherweise ist schon wieder Carlo Ljubek zu sehen (neulich in „Das Programm“), als nicht einwandfreier Blogger. Seilschaften bekommen auch die etwas Jüngeren hin, wie der gepflegte Generationskonflikt zeigt. Dass David Bowies „Major Tom“ mitspielt, wie seltsam und melancholisch ausgerechnet heute.
„Die Stadt und die Macht“, ARD, Di.-Do., jeweils 20.15 und 21 Uhr.

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