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25. März 2016

„Duell der Brüder“: Sportfeinde Dassler

 Von Tilmann P. Gangloff  
Ken Duken (spielt Adi Dassler, r.) und Torben Liebrecht (spielt Rudi Dassler).  Foto:  RTL / Willi Weber

RTL und Zeitsprung erzählen mit dem Film über die Gründer von adidas und Puma ein faszinierendes Kapitel der deutschen (Sport-)Geschichte.

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Es waren einmal zwei Brüder, die unterschiedliche Talente besaßen, aber jeder war auf seinem Gebiet brillant: Der jüngere hatte es sich in den Kopf gesetzt, mit seinen Sportschuhen dereinst die besten Athleten auszustatten, der ältere sorgte als Verkaufsgenie dafür, dass auch der Rest der Welt die Schuhe haben wollte; und das zu einer Zeit, als man Sport in der Regel barfuß betrieb, zumal die meisten Menschen froh waren, wenn sie sich überhaupt ein Paar Schuhe leisten konnten. Doch dann zerstritten sich die beiden. Jeder gründete ein eigenes Unternehmen, und so kam es, dass nach dem Zweiten Weltkrieg im beschaulichen fränkischen Herzogenaurach zwei Sportartikelhersteller entstanden, die den Weltmarkt viele Jahre lang unter sich aufgeteilt haben. Die Brüder hießen Adi und Rudi Dassler, ihre Firmen adidas und Puma.

Es ist schon erstaunlich, dass diese mittlerweile Jahrzehnte zurückliegende Begebenheit erst jetzt erzählt wird, erst recht angesichts des fertigen Films, mit dem das Kölner Unternehmen Zeitsprung Entertainment nach Werken wie „Das Wunder von Lengede“, „Contergan“ und „Starfighter“ oder Filmen über Beate Uhse und Kurt Landauer, den jüdischen Präsidenten des FC Bayern, ein weiteres faszinierendes Kapitel der deutschen Historie illustriert. Natürlich konzentriert sich das Drehbuch von Christian Schnalke, der sich gerade für das ZDF schon mit einigen überlebensgroßen Familiendramen befasst hat (unter anderem „Krupp – Eine deutsche Familie“), auf den titelgebenden Bruderzwist; aber gleichzeitig ist „Duell der Brüder“ auch eine deutsche Geschichte.

Die Handlung beginnt mit der Rückkehr Deutschlands auf die Weltbühne: Das ganze Land feiert im Juli 1954 seine Weltmeister, und nicht nur Experten wissen, dass die Schraubstollen von Adi Dassler großen Anteil am Sieg über die Ungarn hatten; Vorsprung durch Technik sozusagen. Seit damals ist adidas Ausrüster der Nationalmannschaft. Der Film blendet aber erst mal ins Jahr 1924 zurück, als die Brüder Adolf und Rudolf gemeinsam eine Schuhfabrik gründen. Der begnadete Tüftler und der begabte Verkäufer bilden ein kongeniales Team, und die Sportbegeisterung der Nationalsozialisten, die das ganze Volk ertüchtigen wollten, kommt ihren Geschäften selbstredend entgegen.

Auch dank der Umsetzung durch Oliver Dommenget, der für Zeitsprung unter anderem schon „Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis“ und „Böseckendorf – Die Nacht, in der ein Dorf verschwand“ (beide Sat.1) gedreht hat, wirkt die Handlung nie so episodisch, wie Schnalke sie zwangsläufig konzipieren musste. Trotzdem gibt es natürlich einige dramaturgische Höhepunkte, etwa die ersten Begegnungen der beiden Brüder mit ihren zukünftigen Ehefrauen oder Adis Treffen mit Jesse Owens, der seine Siege über die Vertreter der deutschen „Herrenrasse“ bei den Olympischen Spielen 1936 in Schuhen aus Herzogenaurach errang. Dank der historischen Fachberatung wird dieses Detail ebenso verbürgt sein wie die beiden Konsequenzen, die sich daraus für das Unternehmen der Gebrüder Dassler ergeben: Bei den Nazis fallen sie in Ungnade, aber bei den Amerikanern sorgt die Fotos von Adi und Owens Jahre später dafür, dass die Fabrik, in der gegen Kriegsende Panzerfäuste hergestellt worden sind, nicht dem Erdboden gleich gemacht wird.

Zur Sendung

Familienepos: „Duell der Brüder“

Sendetermin TV: Freitag, 25.3, RTL, 20.15 Uhr

Im Internet: Auf den Seiten der Sendung

 

Ein gutes Drehbuch ist jedoch immer nur die Basis eines im Optimalfall noch besseren Films: weil ein Regisseur die Figuren mit Hilfe seiner Schauspieler erst mal zum Leben erwecken muss. Ken Duken (Adi) und Torben Liebrecht (Rudi) sind nicht zuletzt dank ihrer markanten Gesichtszüge exzellente Besetzungen für die beiden Titelrollen. Liebrecht wirkt noch ein bisschen kantiger, und auch das passt. Dramaturgisch mag das Konzept „Guter Bruder, böser Bruder“ etwas schlicht sein, aber es funktioniert: Adi wird beinahe schwärmerisch als etwas weltfremder Künstler verehrt, während Frauenschwarm Rudi, der nicht mal vor der Frau des Bruders halt macht, als Materialist erscheint und schließlich gar zum Schurken wird. Dabei zeigt Dommenget in einer gruseligen Einstellung, die auch aus einem Horrorfilm stammen könnte, wer die wahre Furie der Geschichte ist. Die Rolle der beiden Ehefrauen ist ohnehin interessant. Starke Charaktere und ihrer Zeit voraus sind beide, doch Rudis Gattin Friedl (Nadja Becker) wendet sich schließlich der dunklen Seite zu und zettelt eine finstere Seite gegen ihre Schwägerin Käthe (Picco von Groote) an.

Darüber hinaus lebt der Film natürlich auch von den großen Fernsehbildern, für die Dommengets Stammkameramann Georgij Pestov gesorgt hat. Die beiden sportlichen Großereignisse, das Reichssportfest in Nürnberg und das WM-Finale in Bern, sind allerdings in weitaus kleinerem Rahmen gedreht und erst in der digitalen Bearbeitung „aufgeblasen“ worden; und die Szenen in Herzogenaurach sind in Wirklichkeit in Bad Münstereifel entstanden. Die Ausstattung allerdings ist authentisch, sie stammt zu großen Teilen aus Schuhmuseen, und auch die Filmmusik (Frederik Wiedmann) hat großen Anteil daran, dass Zeitsprung Entertainment mit „Duell der Brüder“ wieder großes Fernsehen gelungen ist. Bleibt nur noch zu hoffen, dass der Film mehr Erfolg hat als „Starfighter“ oder Serie „Deutschland 83“. Der Film und die Miniserie hatten viel zu wenig Zuschauer, weil ein anspruchsvolles Publikum solche herausragenden Produktionen offenbar nicht mehr bei RTL erwartet.

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