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TV-Kritik
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16. Februar 2016

„Familie Braun“, ZDF: Warum gibt es Nazis?

 Von DJ Frederiksson  
Lara (Nomie Lane Tucker, l.) und Thomas (Edin Hasanovic, r.) können beide nicht fassen, dass sie Vater und Tochter sind.  Foto: ZDF und c.pausch-fotografie

Die ZDF-Webserie „Familie Braun“ unterschätzt die drollige Stärke der eigenen Dialoge und will leider politischen Krawall machen. Das hätte es aber gar nicht gebraucht.

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Ein vielsagendes Timing: Am Mittwochabend erhält Dietrich Brüggemann für seinen Film „Heil“ den Preis der deutschen Filmkritik für das beste Drehbuch des Jahres. Seine Farce um trottelige Nazis, konservative Gesellschaftsgesinnung, rechte Polizisten, verpeilte Nachrichtendienstler und paranoide Antifas wird als „Film der Stunde“ gelobt.

Und wer von der Preisverleihung nach Hause kommt, kann Mittwochnacht gleich auf dem ZDF alle acht sechsminütigen Folgen der ZDF-Web-Miniserie „Familie Braun“ schauen, eine Farce um trottelige Nazis, konservative Gesellschaftsgesinnung und soweiter – die aber von der Kritik mit wütender Ablehnung empfangen wurde.

Es ist gottseidank in diesem Fall nicht die Frage, was Satire darf und wann sie zu weit geht. Der Streitpunkt scheint eher zu sein, daß „Familie Braun“ nicht weit genug geht. Das Wort „Verniedlichung“ steht im Raum und das Attest „zu lieb“ – nie ein gutes Zeichen für eine Satire. Und es stimmt: Die zwei Nazis, die hier ein schwarzes Kind aufnehmen müssen und von dieser Erfahrung erst verwirrt und dann geläutert werden, sind von Anfang an zu weich, zu brav und, ja: zu lieb. Mehr noch: Die Hauptfiguren sind politische Abziehbildchen: Nazis, wie man sie sich vorstellt, wenn man fünfzehn Jahre lang nicht vor die Tür gegangen und keine Nachrichten geschaut hat. Als „Film der Stunde“ wird diese Webserie wohl niemand bezeichnen.

Aber „Familie Braun“ hat einen großen und gänzlich unerwarteten Vorzug: Die Webserie ist richtig, richtig lustig. Und gegen das Lachen kann man schlecht argumentieren. Selbst, wenn man mit dunklen Erwartungen in das Experiment hineingeht, gibt es ein paar grandiose Dialogwitze. Wenn der eine Nazi als Rechtfertigung dafür, „eine Negerin geknallt“ zu haben, ausruft: „Ey, die war damals noch heller!“ oder wenn die Nazis krampfhaft das kleine Mädchen überzeugen wollen, daß der Führer keineswegs „traurig guckt“ – in solchen Momenten zeigt Drehbuchautor Manuel Meimberg sein Können.

Und es sind auch solche Situationen, in den Vincent Krüger und Edin Hasanovic wirklich glänzen: sie jagen die Pointen nicht, sondern tanzen fröhlich darüber hinweg, und ihre Dialogführung ist im Gegensatz zu praktisch jedem anderen Fernsehformat angenehm ungekünstelt und schnodderig. Und wer denkt, daß die drolligen und höchst absurden Fragen der kleinen Nomie Lane Tucker unrealistisch wären, der hat offensichtlich noch nie versucht, mit einem echten fünfjährigen Kind über deutsche Geschichte zu reden.

Zur Sendung

Die Serie: „Familie Braun“, ZDF, Dienstag, 16. Februar, 0.15.

Im Netz: In der ZDF Mediathek

Die Frage stellt sich nur: Wenn die beiden Jungs für Nazis zu freundlich sind und die Serie als Nazi-Satire so gar nicht funktioniert – warum müssen das überhaupt Nazis sein? Tatsächlich vergißt man in den besten Moment den politischen Hintergrund komplett. Etwas überspitzt ausgedrückt: Um eine nervige Fünfjährige bei ebay verkaufen zu wollen oder mit einem Pappschild an den Straßenrand zu stellen, muß man kein Nazi sein.

Als Farce um zwei Männer, die von einer plötzlich auftauchenden Fünfjährigen völlig überfordert sind und grotesk reagieren, funktioniert „Familie Braun“ dagegen ganz ausgezeichnet.

Es ist nur schade, daß die Serie einem kontroversen thematischen Aufhänger hinterherjagt, dem ein solches Format ohnehin kaum gerecht werden kann, und der der grandiosen Komik nur einen unangenehmen Beigeschmack gibt. Es könnte das erste Mal sein, daß man einer öffentlich-rechtlichen Serie wünscht, sie wäre etwas konventioneller geblieben und nicht ganz so auf Krawall gebürstet...

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