TV-Kritik

16. Januar 2012

„Günther Jauch“: Schokodebatte entpuppt sich als Fehlgriff

 Von Ricarda Breyton
Moderator Günther Jauch. Foto: dpa

Günther Jauch fährt viel auf, um die Bedrohung der Verfettung Deutschlands greifbar zu machen. Aber die Wulff-freie Talkshow abseits der Tagespolitik kann nicht überzeugen.

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Gestern hat sich Günther Jauch mit großen Dingen beschäftigt: „Deutschland XXL- Brauchen wir Steuern auf Dickmacher?“ lautete der provozierende Titel seiner Talkshow. Nachdem Jauch schon die „Generation doof“ und „Die Trinker-Republik“ auseinandergenommen hatte, ging‘s nun also um das dicke Deutschland - Jauch untersucht gerne die ganz großen Kennzeichen der Zeit.

Doch was als Abwechslung zur sonst strengen Diskussion der Tagespolitik gedacht war („Heute: Wulff-freie Sendung“), entpuppte sich als Fehlgriff: Jauch konnte weder verdeutlichen, warum er ein solches Thema in seinen Polittalk quetschte (Niemand hat bis jetzt in Deutschland ernsthaft eine Fettsteuer diskutiert.), noch Erkenntnisse vermitteln, die über das Allgemeinwissen hinausgingen. Stattdessen ging es viel um persönliche Betroffenheit, laue Argumente und einen Streit um einen Schokoriegel.

Dabei hatte Jauch viel aufgefahren, um die Bedrohung der Verfettung Deutschlands greifbar zu machen: Er plauderte nicht nur mit einer stark übergewichtigen Betroffenen, sondern stellte auch gleich zu Beginn die Verhältnisse in seiner Runde klar (Der Schwerpunkt befand sich mit Maite Kelly, Ilse Aigner und Werner Wolf eindeutig mitte-links, während die rechte Seite mit Dagmar von Cramm und Karl Lauterbach eher dünn besiedelt war.).

„Wer von Ihnen fühlt sich übergewichtig?“. Jauch freute sich insgeheim, als niemand die Hand hob. Denn in einem Einspieler zeigte er sogleich die erschreckenden Befunde: Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig, 16 Prozent sind krankhaft fettleibig. Wenn das mal nicht als Beweis für ein gesellschaftliches Problem genügte! Ganz kurz ging es in dem kleinen Ausschnitt auch um die Kosten, die die Dicken durch ihr Dicksein verursachen. Dieser Teil wurde aber knapp gehalten: Wahrscheinlich, weil man sonst einigen Personen in der Runde auf den Schlips getreten wäre.

Zusammenhang Bildungsstand und Körpergewicht

Überhaupt: Es mutete etwas befremdlich an, wie Jauch in höchst einfühlsamer Weise nach Befindlichkeiten fragte. „Haben Sie sehr gelitten, Frau Kelly?“ und: “Leiden Sie immer noch?“ Bevor die Sendung allerdings ganz in Betroffenheit versank, kramte Jauch doch noch ein paar Zahlen raus, die zumindest annähernd zeigen konnten, warum das Thema nicht nur für Einzelne, sondern auch gesellschaftlich relevant sein könnte: Der Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Körpergewicht wurde dann doch noch erwähnt und diskutiert. Man stimmte allgemein darüber ein, dass sich bildungsfernere Menschen vor allem deswegen ungesund ernährten, weil sie über den Nährwertgehalt einzelner Lebensmittel einfach nicht Bescheid wüssten.

Die Lebensmittelampel, die präzise angeben soll, wie viel Fett und Zucker ein Produkt enthält, soll da Abhilfe schaffen, vor allem für eben jene bildungsferne Schicht. Blöd war da nur Jauchs Praxisbeispiel: „Mit einem Smartphone können Sie dann ganz einfach den Code einscannen und sehen sofort, wie gesund ein Produkt ist“, erklärte Jauch, während er mit einem Handy über die Pizzapappe strich. Nun hat ja nicht jeder ein Smartphone, vor allem nicht die von Jauch ausgemachte Zielgruppe.
Die Runde brachte keine Lösungsideen, die über den Abend hinausreichen werden. Maite Kelly versuchte sich als Opfer der Industrie darzustellen („Ich wusste nicht, dass Cola ungesund ist“), woraufhin Werner Wolf als Vertreter der Industrie eigentlich nur die Aussage, „Es gibt keine ungesunden Produkte, nur ungesunde Ernährung“ zur Verteidigung aufbrachte.

Um Ernährungsexpertin Dagmar von Cramm wurde es erstaunlich früh still, nachdem sie sich darüber aufgeregt hatte, dass die EU ungesunde Lebensmittel subventioniert (was nicht stimmt). Und Ilse Aigner und Karl Lauterbach? Aigner wandte sich gegen die Lebensmittelampel und sprach sich für mehr Verantwortung bei den Eltern aus. SPD-Mann Lauterbach erläuterte zwar viele Zusammenhänge, aber benutzte seine Argumente vor allem dazu, um sie gegen Aigner und die Union insgesamt ins Feld zu führen. Das Parteiengeplänkel reichte sogar soweit, dass Lauterbach schließlich völlig zusammenhanglos doch noch auf das Thema Wulff zu sprechen kam. „Gewulfft“ habe er diesen Schokorigel, sagte er doch tatsächlich, als er ein Balisto hervorzog.

Dass die lebhafteste Diskussion darüber entbrannte, wie viel Schokolade denn nun genau dieses Balisto enthalte (sind es 10 Prozent oder doch eher 12?) erstaunte kaum mehr. Jauch jedenfalls schritt ein und schaltete zu Tom Buhrow, der mit seinem Kurzbericht über die „Costa Concordia“ eine plötzliche Ernsthaftigkeit in die Schokoladendebatte brachte. Dagegen wirkte Jauch in seinem Gasometer gestern doch recht abgeschieden von der aktuellen Welt da draußen.

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