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25. Februar 2016

„Hotel Heidelberg – Kramer gegen Kramer“, ARD: Der Zuschauer als Baby

 Von DJ Frederiksson
Um ihr Hotel vor der Pleite zu retten, muss die ganze Familie Kramer an einem Strang ziehen: Günter (Rüdiger Vogler), Jeremy (David Nolden), Hermine (Hannelore Hoger), Stefan (Stephan Grossmann), Annette (Ulrike C. Tscharre), Florine (Nele Kiper), im Hintergrund: Margozata (Justine Hauer)  Foto: © ARD Degeto/Martin Menke

Mit der neuen Degeto-Reihe „Hotel Heidelberg“ kehrt das Rentnerfernsehen der belanglosen Sorte in die ARD-Primetime zurück. Der Auftaktfilm wirkt angesichts moderner Fernsehtrends beinahe provokativ uneinsichtig.

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Es gibt den englischen Begriff des „Spoonfeeding“. Er beschreibt eine Art der Informationsvergabe, die dem Zuschauer wie einem Baby den Inhaltsbrei lauwarm vorkaut und einflößt, ohne daß man dabei irgendeine eigene Anstrengungen verrichten müßte. Das passiert zum Beispiel, indem die Figuren sich selbst, sich gegenseitig oder ihre Handlungen andauernd beschreiben – und „Hotel Heidelberg“ ist ein exzessives Beispiel dafür. Jeder hier beschreibt jeden, gerne ausführlich, und gleich von Beginn an. Kommt ein neuer Gast, dann referiert die Hotelchefin erstmal seinen Lebenslauf. (Angeblich gegenüber dem Gast selber, aber nachdem das in der Realität grenz-debiles Verhalten wäre, richtet es sich wohl eher an die Zuschauer.) Dann stellt sie sich selbst vor. Kurz darauf kommt ihre Mutter dazu, die das Hotel einst gekauft, aufgebaut und durch zahllose Stürme geführt hat, und verkündet: „Das ist mein Hotel. Ich habe es gekauft, aufgebaut und sicher durch zahllose Stürme geführt.“ Sie deklamiert solche Sätze zu ihrer Tochter, die sich in jedem realistischen Szenario verwirrt umschauen und anmerken würde: „Eh, ich bin deine Tochter, ich weiß das alles. Mit wem redest du?“ - „Mit dem Publikum. Ich spoonfeede.“, müßte die Hotelchefin dann ehrlicherweise antworten.

Wer sich von solch plumpen Expositionsdialogen wie ein Baby behandelt fühlt, der vergißt die zweite Personengruppe, die auch mit dem Löffel gefüttert wird: Sehr, sehr alte Menschen. Das Durchschnittsalter des ARD-Zuschauers ist derzeit 61 Jahre, und „Hotel Heidelberg“ richtet sich eindeutig an jene, die diesen Schnitt eher hochziehen als runterdrücken.

Wo sollen sie auch hin, die ganzen alten Zuschauer, für die „Heimat“ das betonte Wort im „Heimatfilm“ ist? Das „Fortshaus Falkenau“ ist zu Ende, der „Schwarzwaldhof“ ist abgewickelt und auch das „Traumhotel“ hat endgültig geschlossen. Nun, diese Zuschauer finden ein neues Zuhause in dieser neuen Degeto-Zeitreise, in der selbst die Taxis aussehen wie aus den Siebzigern. In einer schmucken und wohlhabende Kleinstadt, wo sich vom Bankdirektor bis zur Haushaltshilfe noch alle kennen. In einem Hotel, wie eine einladende Voice-Over-Stimme gleich zu Beginn salbt, „wo wir nie ganz allein sind, und wo wir wissen: Es ist immer jemand da für uns“. Da knistert die Heizdecke doch gleich ganz wohlig.

"White people problems"

Die Großfamilien der Reichen und Schönen sind also zurück, sie verkehren in edlen Universitätshallen und pittoresken Antiquitätsläden, in luftigen Psychologie-Praxen, in Hochglanz-Banken und natürlich in einem Luxushotel, dessen harte Arbeit hinter den Kulissen oft heraufbeschworen, aber nie gezeigt wird. Es geht um alte Menschen mit altem Geld, alten Schulden und alten Gewohnheiten, die sie natürlich nicht ablegen können. Außer, daß sie am Ende natürlich doch urplötzlich einsichtig sind und sich alles im Handumdrehen in Wohlgefallen auflöst. „White people problems“ könnte man sagen, wenn man noch einen amerikanischen Begriff hinzuziehen will. Wenn man dagegen in der europäischen Theatertradition bleiben möchte: Das hier ist Ibsen mit all seiner behäbigen Langsamkeit, nur ohne die psychologischen Abgründe; oder Tschechov mit all seinem staubigen Adelsfamilienpomp, nur ohne den bittersüßen Sarkasmus.

Viel wird geredet über die Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Jugend, aber die Aufmerksamkeitsspanne, die die ARD der aktuellen Rentnergeneration zutraut, erscheint um ein Vielfaches erschreckender. Eine der ersten Regeln des Filmgeschäfts lautet: „Zeigen, nicht aussprechen“, aber die größte Sünde ist natürlich: zeigen UND aussprechen. Im „Hotel Heidelberg“ doppeln sich Dialoge und Handlungen andauernd, alles wird mehrfach aufgearbeitet. „Also, nur damit ich das richtig sehe...“, heben die Figuren an, und rekapitulieren dann all ihre Taten, die wir gerade gesehen haben, und ihre Motive dahinter, die wir längst kapiert haben. In Seifenopern sind solche Methoden weit verbreitet, weil die Macher wissen, daß die Zuschauer nur die Hälfte der Folgen anschauen und deshalb ständig an die Geschehnisse der letzten paar Tage erinnert werden müssen. Welche Rechtfertigung ein 90-Minuten-Film für solche Redundanzen hat, ist unklar. Rechnen die Macher mit einem Publikum, das Teile der Handlung verschläft? Oder nicht versteht? Oder schon wieder vergessen hat?

Noch schlimmer: Wenn solche Zusammenfassungen fertig sind und eine echte Auseinandersetzung beginnen könnte, dann fällt den Figuren nicht mehr ein als zu blaffen: „Na und?“ und rauszustürmen. Gespräch beendet. Und am allerschlimmsten: Wenn gerade kein Familienmitglied anwesend ist, dem man stellvertretend das Gezeigte nacherzählen kann, dann fällt die letzte Fassade der fiktionalen Erzählung – dann kehrt die freundliche Voice-over-Stimme zurück, um den Zuschauer gleich direkt an die Hand zu nehmen und das Geschehen nochmal zu erläutern.

Leider keine ironische Pastiche

Tatsächlich hofft man in den ersten Minuten noch, das alles könnte sich als ironische Pastiche herausstellen – vor allem, wenn Christoph Maria Herbst auftaucht. Ein neuer Eintrag in das vergessene Genre der Familienfernseh-Parodien wäre ja längst überfällig. Aber der Bruch kommt leider nie. Stattdessen plätschert und plinkert Helmut Zerletts Musik einfach immer weiter, ebenso belanglos und oberflächlich wie das Buch von Martin Rauhaus. Auch die Regie von Michael Rowitz bleibt geradezu provokativ bieder. Allein der Schnitt von Claudia Wolscht wagt einige interessante Jump Cuts, vermutlich in der vagen Hoffnung, den repetitiven Dialogszenen dadurch irgendeine Art von Rhythmus oder Dynamik einhauchen zu können.

Zur Sendung

„Hotel Heidelberg – Kramer gegen Kramer“

ARD, Freitag, 26. Februar, 20.15 Uhr

Im Netz: ARD Mediathek

Aber es hilft nichts. Die Figuren bleiben unsympathische und zunehmend nervige Abziehbildchen mit jeweils nur einer einzigen Stimmung: Die Übermutter ist natürlich eine passiv-aggressive Schreckschraube, weswegen Hannelore Hoger zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit  Vorwürfe der Undankbarkeit ausspucken muß; die Tochter ist natürlich eine zupackende, überlastete Alleskönnerin, weswegen Ulrike Tscharre dauernd gehetzt und verzweifelt und leicht beleidigt aussieht; ihr Psychologe ist natürlich ein stotternder, harmloser Nebbich, weswegen Christoph Maria Herbst seine sonst übliche Schärfe leider vollständig zu Hause gelassen hat; und der Sohn ist natürlich ein weltfremder Wissenschaftsnerd, der sich in den unmöglichsten Momenten mit weit hergeholten und schrecklich konstruierten Quatenmechanik-Analogien zu Wort meldet. Aber natürlich sind eigentlich alle ganz lieb und müssen nur lernen, das einander endlich auch zu zeigen.

Kurz: „Hotel Heidelberg“ ist eine dieser Produktionen, die den Zuschauer ernsthaft an der Zukunft des deutschen Fernsehens zweifeln läßt. Die Menschen unter 50 plötzlich wieder daran erinnert, daß sie mit ihren Rundfunkgebühren hauptsächlich den TV-Konsum ihrer Eltern und Großeltern finanzieren. Die die Frage aufwirft, warum das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen die wenigen originellen Ideen in die No-Budget-Gefilde ihrer Spartenkanäle und ins Internet verlegen, aber zugleich aus einem derart biederen Stoff eine großangelegte Primetime-Reihe macht. Es sind solche Momente, in denen die Distanz zu Netflix so weit aufklafft, daß man das Gefühl hat, einem sterbenden Medium zuzusehen. Und hofft, sich niemals selbst so alt zu fühlen, wie sich diese Art Fernsehen anfühlt.

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