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TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

30. Januar 2016

"Im Zweifel", ARD: In Gottes Hand

 Von 
Die Pastorin und Notfallseelsorgerin Judith (Claudia Michelsen) spricht für ein junges Unfallopfer ein letztes Gebet.  Foto: ARD Degeto/Piotr Pietrus

Claudia Michelsen verkörpert im ARD-Drama "Im Zweifel" eine in ihren Grundfesten erschütterte Priesterin. Drehbuchautorin Dorothee Schön und Regisseurin Aelrun Goette zeichnen ein faszinierendes Porträt.

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Anderswo wäre diese Geschichte garantiert zum Krimi geworden: Eine evangelische Pastorin wird als Notfallseelsorgerin zu einem Verkehrsunfall gerufen und erfährt, dass ein zweites Fahrzeug verwickelt war, dessen Fahrer das Weite gesucht hat. Die Beschreibung des Wagens passt auf den Kombi ihres Mannes, der sein Auto tatsächlich wegen eines Schadens am Kotflügel in die Werkstatt bringen muss.

„Im Zweifel“ ist jedoch kein Krimi, selbst wenn die Frage, ob der Gatte tatsächlich in den Unfall verwickelt war, eine Weile lang für zusätzliche Spannung sorgt. Im Vergleich zum eigentlichen Kern der Handlung ist dieser Nervenkitzel jedoch bloß oberflächlich. Die zweifache Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön („Frau Böhm sagt nein“, „Der letzte schöne Tag“) erzählt eine ganz andere Geschichte, die von dem prägnanten Titel perfekt zusammengefasst wird: Die von Claudia Michelsen mit einer reizvollen Mischung aus flüsternder Fragilität und großer innerer Stärke verkörperte Pastorin stürzt in einen Abgrund des Zweifels. Der Unfall löst eine regelrechte Kettenreaktion aus: Zunächst geht es nur um ihren Mann, dann um ihre Beziehung, schließlich um ihr Selbstverständnis als Ehefrau und Mutter; und am Ende auch um den Glauben.

Zur Sendung

Drama: "Im Zweifel"

Sendetermin TV: Samstag, 30. Januar, 20.15 Uhr, ARD

Im Internet: Vorschau

Natürlich ist das ein Dramenstoff, aber Schön gelingt das Kunststück, die Sinnsuche gewissermaßen hinter den Bildern ablaufen zu lassen. Vordergründig erzählt der von Aelrun Goette mit großer Intensität inszenierte Film scheinbar ganz andere Geschichten, weil er die von ihrem Mann mal abschätzig als „Heilige Judith von Brandenburg“ bezeichnete Pastorin in ihrem Alltag zeigt.

Daher ist der Film auch eine Hommage an eine Frau, die für eine offene Kirche streitet und sich dazu berufen fühlt, den Menschen zu helfen. Andererseits stellt Schön diese Berufung auch in Frage, denn Judith ist jederzeit für alle Mitglieder ihrer Gemeinde da; bloß nicht für ihre Familie. Und dann ereilt sie auch noch das Angebot, für das Amt der Landesbischöfin zu kandidieren, doch dafür müsste sie natürlich die Gemeindearbeit aufgeben.

Spektakuläre Inszenierung

Schon der Einstieg mit der spektakulären Inszenierung des Unfalls signalisiert, dass Goette, auch sie zweimalige Grimme-Preisträgerin („Unter dem Eis“, „Keine Angst“), die Geschichte nicht als Psychogramm erzählen will. Die Szenen mit Judith als Notfallseelsorgerin haben fast dokumentarischen Charakter und wirken wie eine Reminiszenz an Menschen, die sich ehrenamtlich für solche Aufgaben engagieren.

Darüber hinaus sind die Arbeiten Goettes immer auch Schauspielerfilme. Von der besonderen Qualität der Regisseurin bei der Führung ihrer Darsteller profitiert hier vor allem Henning Baum, der dank des markigen „Letzten Bullen“ und Rollen wie Götz von Berlichingen gemeinhin als Prototyp des harten Kerls gilt.

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Hier sind es gerade die eher subkutan vermittelten als tatsächlich gespielten Zwischentöne, die seine Rolle als Ehemann buchstäblich bis zur letzten Einstellung in der Schwebe lassen. Sehr schön konzipiert ist auch die Figur, die Schön zwischen das Paar platziert hat: Schon am Unfallort fühlt sich Judith zum ermittelnden Kommissar (Thomas Loibl) hingezogen, der zwar nicht ihren Glauben teilt, sich aber dennoch als Bruder im Geiste entpuppt.

Ein großer Film, der dennoch nie auftrumpft: weil er das nicht nötig hat.

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