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TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

10. November 2015

„In der Falle“: Eine verhängnisvolle Affäre

 Von 
Clemens Carstensen (Philipp Hochmair) und seine Schwester Simone (Claudia Michelsen) tagen im Aufsichtsrat eines Großkonzerns.  Foto: NDR/Alexander Fischerkoesen

Ähnlichkeiten mit echten Ereignissen sind kein Zufall: Claudia Michelsen tappt als Unternehmerin in eine Sexfalle.

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Vermutlich landen reiche und berühmte Menschen viel öfter in Sexfallen, als die Öffentlichkeit das mitbekommt, denn nur die Wenigsten sind so mutig wie Susanne Klatten. 2008 hatte die BMW-Erbin eine Affäre, die sie teuer zu stehen kam: Erst erschwindelte sich der Liebhaber mehrere Millionen mit erfundenen Geschichten, dann erpresste er die Unternehmerin mit heimlich gedrehten Sexvideos. Sie ging zur Polizei, der Mann wurde verhaftet, aber der Skandal war in der Welt.

Vor einigen Jahren hat die ARD-Tochter Degeto die Geschichte unter der Regie von Michael Kreindl verfilmen lassen: In „Kennen Sie Ihren Liebhaber?“ (Anfang 2012 ausgestrahlt) spielt Christine Neubauer eine verheiratete Kreuzfahrtreederin, die eine Liebesnacht mit einem lässigen Geschäftsmann (Hans-Werner Meyer) eingeht und kurz darauf erpresst wird. Der Film erlaubt sich die üblichen künstlerischen Freiheiten, aber die Parallelen zu den Erlebnissen von Susanne Klatten sind unverkennbar. Gleiches gilt für das Drama „In der Falle“ von Nina Grosse, das deshalb stellenweise wie ein Remake von Kreindls Krimi wirkt. Die Bilder sind deutlich edler, der Anspruch wohl auch ein anderer, aber die Grundzüge der Handlung ähneln sich frappierend; vielleicht hat die ARD deshalb eine Weile mit der Ausstrahlung des bereits 2013 im Auftrag des NDR entstandenen Films gewartet.

Vor allem an der ästhetischen Qualität des Werks ändert die Parallelität ohnehin nichts: Kameramann Alexander Fischerkoesen hat den Bildern einen durchgängigen Blaustich gegeben, sodass die Welt von Simone Carstensen-Kleebach (Claudia Michelsen) ausgesprochen kühlt wirkt. Kein Wunder, dass sich die erfolgreiche Unternehmerin während eines Inkognito-Kurzurlaubs in einem Luxushotel auf Norderney von einer vermeintlich zufälligen Strandbekanntschaft aus der Reserve locken lässt: Leon Vandenne stellt sich als Galerist aus Brüssel vor, erzählt von einer Weltumsegelung und verströmt so viel Geist von Freiheit und Abenteuer, dass die beherrschte Geschäftsfrau schließlich alle Hemmungen fahren lässt und sich auf ein leidenschaftliches Verhältnis einlässt.

In Geschichten wie diesen ist die Figur des Verführers nicht nur im Wortsinne fast noch wichtiger als die seines Opfers. Michael Rotschopf wirkt in seinen Rollen oft leicht überheblich (etwa als Teamchef in der ZDF-Krimireihe „Stralsund“). Hier ergänzt er Attraktivität und Arroganz um einen Schuss Aggressivität, was ihn gemeinsam mit dem Flair des unrasierten Abenteurers aus Sicht der kontrollierten Hamburgerin unwiderstehlich macht. Weil ihm angeblich ein krimineller russischer Kunstsammler nach dem Leben trachtet, stellt sie ihm 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Als die Unternehmerin die verhängnisvolle Affäre schließlich beendet, tauchen intime Fotos auf.

Zur Sendung

TV-Drama: „In der Falle“ Mittwoch, 11.11., ARD, 20.15 Uhr. Mehr Infos auf den Seiten der Sendung.

Weil die zentrale Handlung bekannt und weitgehend erwartbar ist, kommt einer zweiten Ebene besondere Bedeutung zu. Parallel zur leidenschaftlichen Liaison erzählt Grosse einen Wirtschaftskrimi: Simone sitzt im Aufsichtsrat des Familienunternehmens und kommt dank ihrer Hartnäckigkeit einem Betrug auf die Spur, den der Vorstandsvorsitzende Klosterkamp (Werner Wölbern) eingefädelt hat und der das Unternehmen um viel Geld gebracht hätte. Nicht minder wichtig ist das Eheleben: Bernhard Schütz als einige Jahre älterer Ehemann ist quasi der natürliche Gegenentwurf zu Rotschopf. Kein Wunder, dass der zwar sympathische, aber auch ein bisschen langweilige Gatte gegen Ende voller Schmerz feststellt, so leidenschaftlich wie auf den Fotos habe er seine Frau nie erlebt.

Wie in Krimis und Thrillern neuerdings immer öfter üblich erzählt auch Grosse die Geschichte als lange Rückblende. Selbst wenn man nicht weiß, dass sich das Drehbuch an den Erlebnissen von Susanne Klatten orientiert, so ist nicht zuletzt dank des Titels von Anfang an klar, dass die Sache kein gutes Ende nehmen wird, was wiederum der Handlung einen weiteren Reiz verleiht: weil man nicht umhin kann, die Raffinesse zu bewundern, mit der der Beischlafbetrüger seinen Coup eingefädelt hat.

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