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TV-Kritik
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05. Januar 2016

„Je suis Charlie, je suis Paris“: Thema des Terrors sind wir alle

 Von Hans-Jürgen Linke
Am Place de la République in Paris versammeln sich am 11. Januar 2015 Tausende Menschen, um gegen Terrorismus und Fremdenhass zu demonstrieren.  Foto: © Arte/Pac Presse

Ein zweifellos relevanter und vielleicht gerade deshalb etwas aus dem Ruder laufender Themen-Abend bei Arte: Geht es um die Entstehungsgeschichte islamistischer Gewalt und die Gründe, die der Westen dafür liefert? Geht es um Jahrzehnte lang gewachsene Parallelgesellschaften?

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Geht es um m Kriege, die der Westen – wer immer das sei – gegen den Islam führt? Tut er das wirklich, oder um was sonst und gegen wen führt der Westen Kriege? Und was bedeutet Solidarität von Nationen angesichts eines globalisierten Feindes? Ist Religiosität das neue Globalisierungsmedium?

Die Dokumentation, die den Themenabend eröffnet, widmet sich einer Rückschau auf die Ereignisse. Rückschau und Dokumentation, das ist ein ehrwürdiges journalistisches Anliegen: zeigen und kommentieren lassen. Wissenschaftler und Politiker kommen zu Wort, während sie öffentlich sitzen und denken. Die Wirklichkeit wird anhand von  Filmeinspielern ins Spiel gebracht, Schritt für Schritt kristallisiert sich das Thema heraus, auf das die journalistische Absicht hinausläuft. 

Die Absicht ist, sagen wir: angemessen konfus. Einerseits geht es um islamistische Gewalt, um die diffuse und fast beliebige Brutalität, die frappierende Geistlosigkeit und mentale Primitivität, mit der eine Zeitschriftenredaktion und ein jüdischer Supermarkt militärisch angegriffen werden. Die Reaktion ist zunächst klar: Wir alle wurden angegriffen, sagt der Westen – wer immer das ist – und fühlen uns in einer solidarischen weltanschaulichen Gemeinschaft mit den Angegriffenen, weil das Angriffsziel unsere Lebensweise ist. Eine Lebensweise, die von Aufklärung, Toleranz, Freizügigkeit geprägt ist, steht in einem zunehmend militarisierten Dauerkonflikt mit einem Gesellschaftsentwurf, der bornierte Gegenaufklärung, militante Intoleranz und  alltägliche Gängelung durch ein engstirniges religiöses Gebilde auf seine Fahnen geschrieben hat.

Weil aber die Dokumentation einigermaßen sorgfältig vorgeht, kommen auch andere Aspekte der Konfliktlinien zur Sprache. Zum Beispiel die Frage: Warum erscheinen Gegenaufklärung, Intoleranz und Gängelung offenbar nicht ganz wenigen Menschen als Säulen eines attraktiven Lebensentwurfs? Die Frage klingt mehrfach an, aber keine Antwort erscheint am Horizont.

Zur Sendung

„Je suis Charlie, je suis Paris“, Arte, Dienstag, 5. Januar, 20.15 Uhr. Mehr Infos auf den Seiten der Sendung.

Statt dessen wird die Eskalation dokumentiert: noch ein Angriff, noch mehr Tote, und diesmal geht es nicht einmal mehr gegen Menschen, die etwas tun oder getan haben, sondern es geht gegen den Alltag in einer westlichen Großstadt: Konzertbesucher werden wahllos erschossen, fast hätte es auch Besucher eines Fußballspieles erwischt.

Ob es weiterhilft, wenn man die Frage nach der Attraktivität des Terrors für Terroristen in Momenten der Eskalation suspendiert zugunsten einer etwas verschwitzten und nicht sehr haltbar beschworenen Gemeinschaftlichkeit? Verständlich ist das. Aber vielleicht doch auf Dauer eher ein Teil des Problems als seiner Lösung. Ob die rechtspopulistische Mobilisierung europäischer Staaten den Islamismus zurückdrängen kann oder ihn nicht vielleicht sogar noch fördert? Ob der Krieg, den Frankreich in Mali führt, etwas mit dem Grundkonflikt zu tun hat?

Was in dieser Dokumentation eines unausgeloteten Konflikts an positiven Orientierungsmarken bleibt, ist: Paris, die Stadt, die von ganz allein drei Ausrufezeichen hinter ihrem Namen zu führen scheint. Urbild einer Hauptstadt, einer Weltstadt, emotional weltweit mit Signalwirkung ausgestattet wie New York, aber älter und schöner und europäischer. Eine Stadt, die es sich redlich verdient hat, zur Zielscheibe des Bösen zu werden und die man schon allein dafür lieben muss. Die andererseits Probleme wie Desintegration, Parallelgesellschaften, nationale und nationalistische Bornierungen in sich abbildet. Wir sind alle Paris, das ist die Wahrheit.

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