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07. Februar 2016

„Killerspiele – Der Streit beginnt“: Der Beginn eines Dialogs

 Von D.J. Frederiksson
Szene aus Call of Duty - Modern Warfare 3.  Foto: Hersteller

Nach Jahren unrühmlicher Panikmache wollen sich die Öffentlich-Rechtlichen endlich dem Thema Videospiele nähern. Trotz des provokanten Titels und allzu großer Vorsicht ist dieser erste von drei Doku-Teilen ein Gewinn.

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Die Geschichte der Computerspiel-Berichterstattung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ist ein Katalog der Skandale. Erst 2007 wurde das TV-Establishment von einem 21jährigen Jurastudenten namens Matthias Dittmayer bis auf die Knochen blamiert, als dieser in einem YouTube-Video diversen Sendungen tendenziöse Berichterstattung und haarsträubende Unwahrheiten nachwies. Das Ausmaß der da aufgedeckten Ignoranz und Fälschung gerade in den seriösen Info-Magazinen „Hart aber Fair“ oder „Frontal 21“ hätte bei jedem anderen Thema ernsthafte Konsequenzen nach sich gezogen. Aber das Thema war: Taktik-Shooter und Online-Rollenspiele. Es gab weder Einsicht noch Entschuldigung der einschlägigen Redaktionen.

Da wirkt es überraschend, daß das ZDF nun doch die Friedensfahne hochzieht. Andererseits setzt der Sonderkanal ZDFinfo seit jeher auf Vermittlung bei diesem heiklen Thema und hat mit Formaten wie „log in“ auch durchaus Gaming-Kompetenz bewiesen. Zudem hat die Zahl der deutsche Gamer inzwischen 30 Millionen überschritten, während die Gaming-Branche an Umsatz sogar die Filmindustrie überholt hat. Da hat es sich wohl auch in den oberen Senderetagen herumgesprochen, daß man einen solch gewichtigen Zuschauerblock nciht kontinuierlich vor den Kopf stoßen sollte.

Den Auftakt zur Versöhnungs-Initiative machte schon vor dieser Sendung eine Doku über „World of Warcraft“. Das allein entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn das Fantasy-Onlinerollenspiel ist der Running Gag in der Videospiel-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen: Niemand weiß, warum, aber WoW, mit über 11 Millionen Spielern weltweit eines der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten, wurde in diversen Sendungen immer wieder grotesk falsch dargestellt: Als Egoshooter, als Pay-to-win-Falle oder als moderne Kriegssimulation.

Ein kultureller Kampfbegriff

Nachdem solcher Unsinn ausgeräumt ist, geht es ans Eingemachte: „Killerspiele – Der Streit beginnt“. Der verantwortliche Filmemacher Christian Schiffer ist als langjähriger Spielejournalist und Kopf des „WASD“-Magazins der Ignoranz unverdächtig, aber schon der Titel sorgt für Stirnrunzeln. „Killerspiele“ ist, wie auch sehr schnell klargestellt wird, ein kultureller Kampfbegriff, die Titelgebung klingt nach reiner Provokation. Oder?

Stattdessen beginnt „Killerspiele“ erstaunlich nüchtern. Schiffer scheint durch eine historische Perspektive erstmal Ruhe in die Debatte bringen zu wollen, was ja durchaus löblich ist: Dieser erste von drei 45minütigen Teilen über die Gewaltdebatte bei Videospielen behandelt die ersten Indizierungsfälle in den Siebzigern und Achtzigern bis zum Durchbruch der Egoshooter-Spiele in die frühen Neunzigern. Vielleicht also eine Gelegenheit, die ältere Zielgruppe sanft abzuholen und miteinzubeziehen, ohne gleich auf Konfrontation zu gehen?

Bald wird klar, daß diese sanfte Strategie scheitert muß. Die damalige Rolle der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die seinerzeit reihenweise absurde Indizierungsentscheidungen traf, ist einfach zu haarsträubend, um sie nüchtern zu betrachten. Der Pixel-Shooter „Blue Max“, bei dem man als Doppeldecker andere Flugzeuge abschießen muß, kommt also einer „paramilitärischen Ausbildung“ gleich und festigt ein „automatisiertes Befehls- und Gehorsamsverhältnis“ beim Spieler, weil es keine friedliche Alternative zum Luftkampf anbietet? Und der Kampfklassiker „Barbarian“ wurde indiziert, weil beim tödlichen Schwertkampf zweier halbnackter prähistorischer Muskelmänner „die Hinzuziehung staatlicher Vollzugsorgane ausgeschlossen“ ist?

Eingebettet in solch köstlichen Blödsinn ist der wohl unterhaltsamste Archivfund des bisherigen Fernsehjahres: Eine Reportage aus dem Jahr 1991, die zwei Damen der Bundesprüfstelle mit den wunderbaren Namen Irene Brockhaus-Dreetz und Elke Monssen-Engberding dabei zeigen, wie sie vergeblich versuchen, ein simples Shoot 'Em Up zu spielen. Die eine hat eine rauchende Kippe in der Hand, die andere ruft begeistert: “Ich hau die doch alle kaputt mit dem Flammenwerfer, diese ganzen Krüppel!“ Am Ende setzen sie einen minderjährigen „Tester“ vor das offenbar jugendgefährdende Spiel, weil sie nicht über den ersten Level hinauskommen und somit die kriegsverherrlichende Aussage nicht verifizieren können. An dieser einen Szene ist so viel Bemerkenswertes, daß sie allein schon das Anschauen dieser Doku wert ist.

Satirische Selbstbloßstellung

Aber mit solchen Perlen der satirischen Selbstbloßstellung wird der Zuschauer auch etwas alleingelassen. In seiner Zurückhaltung stellt Schiffer eine Reihe vernünftiger Stimmen zur damaligen Situation unkommentiert neben die heutige Vorsitzende der Bundesprüfstelle, die sich tatsächlich dazu hinreißen läßt, die Indizierung des harmlosen Scrolldown-Klassikers „River Raid“ auch heute noch zu verteidigen, weil er die „Ideologie eines Angriffskriegs“ in sich trägt. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie die Dame über Kinder denken muß, die Cowboys und Indianern spielen; oder „Schiffe versenken“; oder, gottbewahre, „Risiko“.

Schiffer scheint absichtlich die Schlußfolgerungen nicht auszusprechen zu wollen, auch wenn sie noch so zwingend sind. Wenn seine Zeitzeugen zum einen zugeben, daß die Prüfstelle absurde Zeitgeist-Entscheidungen getroffen hat, und zum anderen konstatieren, daß „Doom“ auf mehr Computern lief als „Windows“ – sollte man dann nicht auch klar aussprechen, daß die Verbotsstrategie sowohl wirkungslos als auch kontraproduktiv war? Und muß man nicht auch Bezug auf heutige Verbotsdiskussionen nehmen und sie durch das gleiche Prisma betrachten?

Das könnte im zweiten Teil, dessen Ausstrahlungstermin noch nicht feststeht, noch wichtiger werden. Denn dann will sich Schiffer mit der „Killerspiel“-Debatte im neuen Jahrtausend auseinandersetzen. Es war die Zeit, als nach jedem Amoklauf ein CSU-Abgeordneter hysterische und wirre Verbotsforderungen stellte; als der deutsche Gaming-Vordenker Fabian Siegismund sich mit den selbsternannten Computerexperten Christian und Regine Pfeiffer anlegte; und als all die in der Rückschau so peinliche Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen stattfand. Es wird die Frage sein, ob Schiffer dann die unrühmliche Vergangenheit seiner eigenen Senderheimat genauso kompromisslos bloßstellen wird wie in diesem ersten Teil die Rolle der Bundesprüfstelle.

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