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TV-Kritik
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30. Dezember 2015

„Kleine große Stimme“: Das Zeug zum modernen Klassiker

 Von Tilmann P. Gangloff
Benedikt Thaler (Wainde Wane) singt beim Abschlusskonzert "Our Song".

Der Fernsehfilm erzählt die zu Herzen gehende Geschichte eines Wiener Sängerknaben, der in den 50er Jahren nach seinem Vater sucht.

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Die ARD zeigt diese rührende österreichisch-deutsche Koproduktion kurz vor Jahresende, aber „Kleine große Stimme“ hat durchaus das Zeug dazu, ähnlich wie „Der kleine Lord“ zu einem Klassiker für die Weihnachtszeit zu werden. Die Handlung ist bewegend, aber nie sentimental oder kitschig, sie erfreut durch einen von Regisseur Wolfgang Murnberger ausgezeichnet geführten jungen Hauptdarsteller sowie viel Musik, und nebenbei hat Autor Rupert Henning auch noch Zeit für eine Romanze.

Aber das schönste ist die Geschichte, die in Haltung, Tonfall und der bedingungslosen Solidarität mit der Hauptfigur an große Jugenddramen von Charles Dickens oder Mark Twain erinnert: Irgendwo in der österreichischen Provinz wächst der kleine Benedikt unter unwürdigen Bedingungen bei seinen Großeltern auf. Für seinen Großvater (Branko Samarovski) ist der Junge eine stete Erinnerung an die Schande, die seine verstorbene Tochter vor zehn Jahren als „Dollar-Flittchen“ über die Familie Thaler gebracht hat: Benedikt ist das Ergebnis ihrer Beziehung mit einem dunkelhäutigen amerikanischen Soldaten.

Zur Sendung

„Kleine große Stimme", ARD, Mittwoch, 30. Dezember 2015, ARD, 20.15 Uhr. Mehr Infos und Video auf den Seiten der Sendung.

Der Opa lässt den Jungen jeden Tag seine Verbitterung spüren, die Dorfjugend schikaniert ihn wegen seiner Hautfarbe. Als er eines Tages in einer Kinowochenschau einen Bericht über die Wiener Sängerknaben und deren geplante Amerika-Tournee sieht, weiß er, wie er den ständigen Demütigungen entkommen wird: Singen kann Benedikt wie kein Zweiter, und in Amerika könnte er seinen Vater suchen. Tatsächlich ist Jerry (Tyron Ricketts), der von Benedikts Existenz keine Ahnung hat, nach wie vor in Österreich, aber das weiß wiederum sein Sohn nicht. Der reißt kurzerhand aus und fährt mit dem Zug nach Wien.

Kapellmeister Max Goldberg (David Rott) ist hellauf begeistert von der Stimme des Jungen und nimmt ihn gegen die Vorbehalte seiner Kollegen in den Chor auf. Vor allem Roschek (Philipp Hochmair), der Erzieher der Knaben, entpuppt sich als schwarzer Pädagoge und schikaniert Benedikt nach Kräften. Einige der Sänger tun es ihm angesichts von Benedikts glockenheller Stimme gleich. Dabei sollen Roscheks Aktionen in erster Linie Goldberg treffen. Die beiden Männer könnten in religiöser und weltanschaulicher Hinsicht kaum unterschiedlich sein, aber beide lieben die hübsche Elsa Brandl (Miriam Stein), die Assistentin des Direktors (Erwin Steinhauer) und gute Seele des Sängerknabeninternats.

Handlung geschickt auf mehrere Schultern verteilt

Hennings Drehbuch basiert auf einer Vorlage von Eva Spreitzhofer, die wiederum durch eine Geschichte von Michaela Ronzoni inspiriert worden ist; auf diese Weise lässt sich kaum sagen, wem welches Verdienst zukommt. Tatsache ist jedenfalls, dass Henning die Handlung geschickt auf mehrere Schultern verteilt, damit der junge Wainde Wane den Film nicht allein tragen muss; auch wenn der sympathische Lockenkopf den Eindruck vermittelt, dass er selbst das spielend geschafft hätte. Dennoch gewinnt die Geschichte durch die Nebenfiguren enorm, und das nicht nur, weil sie das Handlungsspektrum erweitern; David Rott und Miriam Stein spielen die unübersehbare, aber dennoch nur widerwillig eingestandene gegenseitige Zuneigung von Max und Elsa als klassische Liebesgeschichte.

Sehr schön ist auch eine nicht minder berührende Rolle für Karl Merkatz als Goldberg senior, der seit Jahr und Tag auf die Rückkehr seiner vermeintlich von den Nazis verschleppten Ehefrau wartet und in dem kleinen Benedikt umgehend einen Seelenverwandten entdeckt. Mag sein, dass die Vorzeichen einiger Figuren eher schlicht sind; der Präfekt zum Beispiel ist als Rassist und Antisemit ebenso unverkennbar der Schurke des Films wie der Kapellmeister sein rundum positiver Gegenentwurf.

Andererseits gehorchen die Rollen dem Diktum des Familienfilms, denn „Kleine große Stimme“ ist auch für ein Publikum im Alter des jungen Hauptdarstellers geeignet. Außerdem hat Murnberger einige Schauwerte zu bieten, zumal Kameramann Peter von Haller für ein teilweise ausgesprochen kunstvolles Licht sorgt. Und selbstredend bekommen die echten Sängerknaben diverse Gelegenheiten, ihr stimmliche Können unter Beweis zu stellen.

Die vom Radiosymphonieorchester Wien eingespielte abwechslungsreiche Musik, in die Roman Kariolou auch Elemente aus Boogie Woogie und Rock’n’Roll integriert, sorgt ohnehin immer wieder für akustische Höhepunkte. Um ihre ganze Wirkung zu entfalten, bräuchte sie vermutlich einen Kinosaal; der Film würde sich nicht nur wegen des tränenreichen großen Finales ohnehin gut auf einer Leinwand machen.

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