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30. März 2016

„Mitten in Deutschland: Die Täter“: Verlorene Generation

 Von 
Uwe Mundlos (Albrecht Schuch. li.), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe, mi.) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky, re.)  Foto: SWR/Stephan Rabold

Der Auftakt der „NSU“-Trilogie erzählt von der Radikalisierung des mutmaßlichen Mördertrios. Die Reihe ist eine der wichtigsten TV-Produktionen der letzten Jahre.

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Christian Schwochow hat noch nicht mal zehn Filme gedreht, gehört aber dank „Novemberkind“, „Der Turm“ und „Bornholmer Straße“ bereits zu den wichtigsten deutschen Regisseuren; und das nicht nur wegen seiner diversen Preise. Im Rahmen der „NSU“-Trilogie „Mitten in Deutschland“ hat sich Schwochow, aufgewachsen in Leipzig und Ost-Berlin, erneut mit der deutschen Zeitgeschichte beschäftigt; und diesmal seinen womöglich persönlichsten Film gedreht.

„Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ bildet den Auftakt der von Produzentin Gabriela Sperl initiierten Reihe, in der sich drei Regisseure mit den Morden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ auseinandersetzen. Teil zwei gilt den Opfern, Teil drei den Ermittlern. Schwochow und Drehbuchautor Thomas Wendrich erzählen jedoch nicht von den Taten, sondern von der Vorgeschichte. Die Handlung beginnt nach der „Wende“, Helmut Kohl prophezeit blühende Landschaften, aber die Menschen in Jena schauen sich um und sehen nur Tristesse.

Jede ostdeutsche Biografie, sagt Schwochow (Jahrgang 1978), der mit seinen Eltern ausgerechnet am Tag des Mauerfalls aus der DDR ausreisen durfte, habe damals einen Riss bekommen; viele Menschen seien mit der Suche nach Orientierung überfordert gewesen.

Drei von ihnen stellt der Film vor. Zentrale Figur ist zunächst Beate, eine junge Frau aus Jena, die ziellos durch ihr perspektivloses Dasein treibt, bis sie dem etwas älteren Uwe begegnet. Anfangs wirkt er völlig harmlos, aber nach und nach kristallisiert sich seine rechtsextremistische Haltung heraus, die immer radikaler wird; Beate lässt sich von seinem Charisma willig mitreißen.

Als Uwe zur Bundeswehr muss, macht sie sich an einen weiteren Uwe ran, Böhni genannt, ein cholerischer Schlägertyp, der kaum in der Lage ist, seine Aggressionen zu zügeln. Nach Uwes Rückkehr bilden die drei ein verschworenes Trio, das den Umsturz plant. Ein erstes Zeichen wollen sie mit einem Anschlag auf die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald setzen. Aber die rechte Szene ist mit Spitzeln durchsetzt, der Plan fliegt auf, und das Trio verschwindet im Untergrund. Der Film endet mit dem ersten Mord, dem neun weitere folgen sollten.

Die Filmemacher betonen, ihre Arbeit beruhe nicht nur auf Fakten, sondern auch auf Spekulationen und Interpretationen; der SWR hat tunlichst vermieden, das Werk vorab öffentlich zu machen, um keine einstweiligen Verfügungen zu riskieren. Grundlage der Drehbucharbeit waren zwar ein ausgiebiges Aktenstudium, viele Gespräche sowie ein Besuch des Prozesses gegen Beate Zschäpe, aber Wendrich hätte seine Hauptfigur auch Susann oder Mandy nennen können, denn entscheidend ist der prototypische Charakter der Figur. Schwochow gesteht, dass ihm das Trio von Beginn an „auf unheimliche Weise vertraut“ gewesen sei. Deshalb wollte er sich seinen Protagonisten „wie Klassenkameraden nähern, mit denen man jahrelang zusammen gespielt, gefeiert, gelebt hat – und das ganz unideologisch.“

Zur Sendung

Drama: „Mitten in Deutschland: NSU. Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“

Sendetermin TV: Mittwoch, 30.3., ARD, 20.15 Uhr. Wiederholung: 31.3., ARD, 0.45 Uhr; 9.4., Einsfestival, 20.15 Uhr.

Im Internet: Auf den Seiten der Sendung

Natürlich ist der Film keine Dokumentation, aber er enthält sich in der Tat jeder Bewertung. Anders als Bernd Eichinger und Uli Edel in ihrem RAF-Spektakel „Der Baader Meinhof Komplex“ feiern Schwochow und Wendrich das Titeltrio zwar nicht als Popstars, aber da sie die Nazi-Parolen und Gewalttaten völlig ungefiltert vorführen, ist zu befürchten, dass ähnlich radikal denkende Brüder und Schwestern im Geiste große Freude an dem Film haben werden.

Genau das macht es so schwer, dieses Täterporträt angemessen zu würdigen: Die Handlung mag sich in den Neunzigern zutragen, aber abgesehen von den modischen Vorlieben jener Jahre wirken die Bilder unangenehm aktuell und authentisch.

Auch das spricht natürlich für die Qualität nicht nur von Buch und Regie, sondern vor allem der Darsteller. Anna Maria Mühe, die schon Schwochows „Novemberkind“ war, ist formidabel wie stets und verkörpert ungemein glaubwürdig die Entwicklung der Figur von der Mitläuferin zur Mittäterin. Während Sebastian Urzendowsky als gewalttätiger „Böhni“ kaum darstellerischen Spielraum hat, ist die Leistung von Albrecht Schuch umso eindrucksvoller.

Sein Uwe wandelt sich am stärksten, er wird vom freundlichen Jungen aus der Nachbarschaft zum Wortführer der rechten Gruppe und schließlich zum Kopf des Trios. Schuch, der selbst aus Jena stammt, hat sich bislang vor allem als zweiter Hauptdarsteller in der Humboldt-Hommage „Die Vermessung der Welt“ hervorgetan; fürs Fernsehen ist er dank seiner Rolle als Uwe Mundlos eine echte Entdeckung. Die Teile zwei („Die Opfer“) und drei („Die Ermittler“) zeigt die ARD am 4. und 6. April. Im Anschluss an den dritten Film folgt die Dokumentation „Der NSU-Komplex“.

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