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TV-Kritik
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01. Februar 2016

"Nachtschicht – Der letzte Job": Reise in die Nacht

 Von D.J. Frederiksson
Erichsen (Armin Rohde) spricht Kommissarin Lisa Brenner (Barbara Auer) Mut zu.  Foto: ZDF und Andreas Schlieter

Der neue ZDF-Film der „Nachtschicht“-Reihe ist aus mehreren Gründen hochaktuell und zutiefst bedrückend. Eine Auslotung, was der Fernsehkrimi alles sein kann.

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Die ZDF-Reihe „Nachtschicht“ wirft seit 2003 ein Licht auf die Schattenseiten der deutschen Gesellschaft – und auf die Polizisten, die sich damit herumschlagen müssen. Dabei werden zum einen die heißen gesellschaftlichen Eisen anpackt. Und zwar nicht wie der „Tatort“ mit pädagogischem Zeigefinger und „Am Ende wird schon alles gut“-Auflösung, sondern in all ihrer schmutzigen, unauflöslichen Komplexität. In dieses Kästchen kann man bei „Der letzte Job“ schonmal ein Häkchen machen: Die Realität von eingeschüchterten Flüchtlingen, die ihren Schleusern oft nicht nur Geld schuldig sind, ist hinreichend bekannt.

Dass dieser Film über einen als „Heiratsvermittler“ getarnten Menschenhändler nur wenige Tage nach der Meldung erscheint, dass Europol bis zu 10.000 bereits registrierte Flüchtlingskinder vermisst und vermutet, daß viele von ihnen im allgemeinen Chaos kriminellen Banden oder sexuellen Ausbeutern in die Hände gefallen sind, unterstreicht nur die brennende Aktualität des Themas.

Zur Sendung

Der Krimi: „Nachtschicht – Der letzte Job“

Sendezeit: ZDF, Montag, 1. Februar, 20.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Und trotz eines arg plötzlichen und künstlichen Happy Ends bleibt die Einsicht in einen Abgrund aus familiären Tragödien und anhaltenden Traumata, die eben nicht urplötzlich verschwinden, bloß weil man jetzt auf deutschem Boden ist. Wer es aus Syrien geschafft hat und die beschwerliche Reise überlebt hat, der fällt der deutschen Unterwelt in die Hände.

„Nachtschicht“ behandelt aber auch immer etwas, das sonst im deutschen Fernsehkrimi viel zu selten zu sehen ist: Die Frage, wer unsere Polizisten wirklich sind – und wer sie sein müssen, um diesen Job jahrelang zu machen. Das sollte eigentlich ein Grundbaustein des Genres sein, und doch sehen wir Woche für Woche TV-Kommissare, die töten, in Gefahr geraten und sowohl fremde als auch ihnen nahestehende Menschen an Gewaltverbrechen verlieren – und die doch zur nächsten Folge wieder funktionieren, als sei nichts gewesen.

Jahrelang aufgebaute Frustration

„Der letzte Job“, wie der vieldeutige Titel schon sagt, stellt genau diese langfristigen Abnutzungserscheinungen der Polizeiarbeit ins Zentrum: den unaufhörlichen emotionalen Stress, die jahrelang aufgebaute Frustration. Die Folge beginnt mit Barbara Auer als Lisa Brenner, die im Voice-Over erzählt, dass jeder Polizist mal die Schnauze voll hat und Schluss machen will. Und der wichtigste Spannungsbogen bezieht seine Kraft dann auch nicht daraus, wie der Fall ausgeht (das wird im ersten Dialog verraten), sondern ob dies vielleicht wirklich der „letzte“ Job für Kommissarin Brenner war. Denn alles ist umgeben von einer Rahmenhandlung, in der sie wegen fahrlässiger Tötung aussagen muss.

Regisseur Becker weiß, dass die Frage nach der Auflösung ohnehin zweitrangig ist – wichtiger ist die Frage, was mit Brenner passiert ist und passieren wird. Ist sie durchgedreht? Wird sie gefeuert? Suspendiert? Befördert? Oder ist sie tatsächlich zerbrochen an diesem Fall?

Lars Becker gibt der sonst eher selten wirklich geforderten Barbara Auer hier praktisch eine One-Woman-Show, und die weiß ihre Chance zu nutzen. Sehr präzise zeichnet sie die psychologischen Bruchlinien der Figur nach: Die jahrelang aufgestaute Frustration, die Abscheu vor einer weiteren Tragödie, der Selbsthass angesichts der eigenen Hilflosigkeit, der Verrat von langjährigen Freunden und die Sabotageversuche der karrieregeilen Kollegen. In jeder Szene zerbricht ein wenig mehr von ihr, bis sie zu einer Frau wird, die rot sieht, die vom Fall nicht mehr abstrahieren kann, die ihn stattdessen persönlich nimmt. Angesichts dieser Meisterleistung vergibt man dann auch diesem Handlungsstrang sein allzu einfaches deus-ex-machina-Ende.

Bekannt ist die „Nachtschicht“ ja auch für ihre teils sehr prominenten Gastdarsteller. In diesem Fall sind das der solide Florian Lukas, der hierzulande immer noch sträflich unterschätzte Robert Palfrader, der richtig groß aufspielt, und die kürzlich verstorbene Maja Maranow in ihrer letzten Rolle. Auch in diesem Kontext also ein bedrückendes Stück Fernsehen, und ein weiterer Anlass, diesen wichtigen Film einzuschalten.

 

 

 

 

 

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