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TV-Kritik
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10. August 2015

"Peace ‘n‘ Pop", Arte: Vom Winde verwirrt

 Von 
Die nigerianische Sängerin und Songwriterin Nneka verbindet die afrikanische und die deutsche Perspektive auf Krieg und Frieden.  Foto: ZDF / © Bart Williams

Das Vorhaben war von vornherein zum Scheitern verurteilt: In zwei Filmen widmete sich Arte länderübergreifend der Wechselbeziehung von Popkultur und Politik zwischen 1950 und 2015. Bei weitem zu viel Material für 106 Minuten Sendezeit.

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Noch bis zum 23. August zeigt der Kultursender Arte fiktionale wie dokumentarische Sendungen, die dem diesjährigen Themenschwerpunkt „Summer of Peace“ zuzurechnen sind. Insbesondere erörtern die Programmschaffenden, wie es der Tradition dieser sommerlichen Themenwochen entspricht, historische und aktuelle Phänomene der Popkultur. Schon im Juli gab es mit „Give Peace a Chance: Kann Pop die Welt retten?“ einen Beitrag, dessen Autorin Birgit Herdlitschke sich an einer Historie politischer Popmusik versuchte, dem Sujet aber nicht ansatzweise gerecht wurde.

Nun folgte mit „Peace ‘n‘ Pop“ eine ähnliche Unternehmung, deren Autor Christian Bettges zusätzlich Ausdrucksformen wie Literatur, Kino und Fernsehserien einbezog. Keine gute Idee, denn die Geschichte der modernen Popmusik für sich ist schon reichhaltig genug. Prompt zeigten sich ähnliche Defizite wie bei „Give Peace a Chance“. Die en suite ausgestrahlten beiden Teile der Dokumentation versammelten Stichworte, Anmerkungen und verzichtbare Allgemeinplätze prominenter Gesprächspartner. Die Folge dieser Machart sind Vereinfachungen, die jüngeren Zuschauern falsche Eindrücke historischer Vorgänge vermitteln.

Der Einstieg in den ersten Teil, der sich der Phase zwischen 1950 und 1979 widmete, ließ es bereits ahnen: „Märsche für den Frieden. Hymnen gegen den Krieg. Eine vom Pazifismus geprägte Popkultur. Noch in den Sechziger-Jahren blies ein friedlicher Wind durch die Charts, die Kinosäle und durch die Köpfe der Protestierenden …“

Das Friede-und-Freude-Jahrzehnt

Dieses eigenwillig formulierte Klischeebild von den Sechzigern wurde im Film tatsächlich weitgehend beibehalten. Demnach fand sich die weiße Jugend der USA – die schwarze Bevölkerung und deren Kultur blieb weitgehend ausgeblendet – und teils auch anderer Länder in der Hippie-Bewegung zusammen, demonstrierte friedlich gegen den Vietnamkrieg und sang verträumt „Kumbaya“ zur akustischen Gitarre. Tatsächlich waren die Hippies nur eine jugendliche Subkultur unter vielen. Etliche dieser Gruppen, aber beileibe nicht alle, fanden sich in einer Koalition gegen den verbrecherischen Vietnamkrieg zusammen.

Der Protest verlief keineswegs durchgängig gewaltfrei. Unter dem Eindruck des tödlichen Schusswaffengebrauchs durch die Nationalgarde radikalisierten sich Teile der anti-ideologischen Yippies, der Black Panthers sowie der Studentenbewegung, in einigen Kreisen kursierten Schusswaffen. Die Hell‘s Angels waren seit je gewaltbereit. Nebenbei: Aus den Yippies ging später die „Rock gegen Rechts“-Bewegung hervor. Ein Zusammenhang, der in einem Film über die Wechselwirkungen von Pop und Politik eigentlich nicht fehlen sollte.

Der Sänger und Schriftsteller Heinz Rudolf Kunze.  Foto: ZDF/© Räuberzivil

Auch in den Kinosälen vernahm man, anders als in der Anmerkung zu Beginn unterstellt, nicht nur friedliche Töne. Linke Kreise erfreuten sich an Revolutionswestern, die sich auch auf Habitus und Kleidung auswirkten. In Rocker-Filmen flogen nicht nur die Fäuste, in den Filmen der Blaxploitation-Ära übten schwarze Helden blutige Rache für Sklaverei und Rassendiskriminierung. Zur Freude des johlenden Publikums. Militanter Widerstand war in den Gedanken der Anti-Establishment-Bewegungen, Künstler und Literaten inklusive, durchaus verankert. Und wurde von einigen, namentlich Mitgliedern der Weather Underground Organization, in die Tat umgesetzt, in Form von Brandstiftungen, Bombenattacken, Überfällen.

Vom Protestlied zum Horrorfilm

All das fehlte in Bettges‘ Film; es widerspricht ja auch der verklärenden Darstellung der Sechziger, die insbesondere über visuelle Medien Verbreitung findet. Ähnlich wie für den Vorgänger „Give Peace a Chance“ gilt auch für diese, ebenfalls vom ZDF in Auftrag gegebene Dokumentation: Sinnvoll wäre gewesen, sich auf einen Sachverhalt zu konzentrieren und diesen gründlich zu bearbeiten. Stattdessen ging Christian Bettges in die Breite: In den beiden jeweils 53-minütigen Filmen kam nicht nur die Gegenkultur der USA zur Sprache, auch Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Nigeria wurden berücksichtigt.

Die Sendung

Doku: „Peace'n'Pop“

Sendetermin TV: Sonntag, 9. August 2015, 22.00 Uhr (Teil 1) und 22.55 Uhr (Teil 2), Arte

Im Internet: Teil 1 (1950-1979), Teil 2 (1979-2015).

Kursorisch, wie bei einer Zeitspanne von 55 Jahren gar nicht anders möglich. Wie nebenbei wurde eingeworfen, dass das unter tragischen Umständen bekannter gewordene satirische Magazin „Charlie Hebdo“ wie auch die Zeitschrift „Harakiri“ aus linkem politischen Engagement entstanden. Dazu hätte man gern mehr erfahren, wie auch über die Countryrock-Band Dixie Chicks, deren Musikerinnen wegen ihrer Stellungnahmen gegen den zweiten Irakkrieg angegriffen und boykottiert, deren Tonträger öffentlich zerstört wurden. Was erfolgte danach? Wo stehen sie heute? Ein Interview mit dem Trio hätte den Film bereichert. Stattdessen gab es kurze und Kürzestkommentare von Udo Lindenberg, Heinz Rudolf Kunze, Bestsellerautor Ken Follett und einigen anderen, die wenig zur Faktenvermittlung oder zum Verständnis beitrugen. Was nicht für alle Interviewpartner galt. Der Autor Hanif Kureishi, die Liedermacherin Bettina Wegner, der Medienwissenschaftler Jan Distelmeyer hatten durchaus Profundes zu sagen. Nicht jeder von ihnen aber erhielt den angemessenen Raum.

Aus der beschriebenen Arbeitsweise ergaben sich zwangsläufig wirr anmutende Themenwechsel. So folgte auf eine Passage über den gegen mordende Söldnertruppen gerichteten Protestsong „Zombie“ des Nigerianers Fela Kutis ein interkontinentaler Sprung zu George A. Romeros Horrorfilm „Die Nacht der lebenden Toten“.

Das Beispiel steht fürs Ganze: Gewollt, gewagt – misslungen.

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