Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

02. Februar 2016

„Safe House“, ZDFneo: Langsam rückt der Täter näher

 Von 
Marsha Thomason als Katy (l.), Christopher Eccleston (M.) als Robert und Paterson Joseph als Mark (r.).  Foto: ZDF und Eleventh Hour Films & Al

Keine blutrünstigen Schockeffekte und doch hochspannend: Der Vierteiler „Safe House“ steht in der guten Tradition britischen Krimischaffens, die Anatomie eines Verbrechens mit sozialen und psychologischen Erkundungen zu verknüpfen.

Drucken per Mail

Die Schussverletzung hat Spuren hinterlassen. Eine Narbe an der Schulter und eine unverheilte Scharte an der Seele. Robert Haleford (Christopher Eccleston) war polizeilicher Personenschützer. Bei einem Einsatz wurde er schwer verwundet, seine Schutzbefohlene Susan Reynolds, die in einem Strafprozess gegen ihren Ehemann, einen Gangster, aussagen wollte, wurde getötet. Haleford leidet unter Gedächtnislücken. Manchmal steht er nachts auf und fährt an den Schauplatz der Tat, in der Hoffnung, dass die verschütteten Erinnerungen wiederkehren.

Er hat den Dienst quittiert und führt mit seiner Ehefrau Katy (Marsha Thomason) ein Gästehaus im landschaftlich reizvollen Nationalpark Lake District. Zwischen Bergen und Seen, weit entfernt vom nächsten Ort. Einerseits sucht Haleford diese Einsamkeit und hofft dort auf körperliche und seelische Wiederherstellung, andererseits fehlt ihm etwas. Abwechslung, Begegnungen mit anderen Menschen, eine Aufgabe.

Darum zögert er nicht lange und willigt ein, als ihm sein früherer Vorgesetzter, Mark Maxwell (Paterson Joseph), anbietet, das Gästehaus als Zuflucht für gefährdete Personen zu nutzen. Maxwell schickt gleich eine komplette Familie. Der kleine Stiefsohn des suspendierten Vollzugsbeamten David Blackwell (Jason Merrells) wurde bei einem abendlichen Bummel durch Blackpool in einem unbemerkten Moment von einem Fremden angesprochen. Die versuchte Entführung konnte der Vater gerade noch verhindern, wurde aber brutal zusammengeschlagen. Ein Unbeteiligter, der ihm zu Hilfe kam, wurde niedergestochen.

Ein mysteriöser Verfolger

Die Ermittlungsbehörden können sich zunächst keinen Reim auf dieses Verbrechen machen. Blackwell kennt angeblich den Angreifer nicht, der sich dem Jungen gegenüber Michael (Peter Ferdinando) nannte. Zur Vorsicht werden die Blackwells, Mutter Ali, Sohn Joe und Tochter Louisa, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus auch David, bei den Halefords untergebracht. Zugleich sucht die Polizei fieberhaft nach David Halefords ältestem Sohn, der verschwunden scheint.

Michael Crompton, Schöpfer des britischen Vierteilers „Safe House“, verknüpft geschickt die verschiedenen Handlungsstränge und führt sie immer wieder in dem einsamen rustikalen Landhaus zusammen. Der soziopathische Michael Collersdale sucht nach den Blackwells und kommt seinem Ziel Schritt um Schritt näher. Seine Motive bleiben mysteriös.

Darüber hinaus webt Crompton ein fein gewirktes Spannungsgeflecht. Jedes Familienmitglied hegt ein mehr oder minder brisantes Geheimnis; in der Enge des idyllischen Exils kommt es zu Reibungen, Ausbrüchen, Bekenntnissen.

Verräter am Werk?

Nicht geringen Raum nimmt Robert Halefords Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. Wieder und wieder versucht er, das tragische Geschehen zu rekapitulieren, studiert Erinnerungsstücke, kämpft gegen die chronischen Schmerzen. Gab es womöglich einen Verräter, der damals den Aufenthaltsort von Haleford und der gefährdeten Zeugin an interessierte Kreise verraten hat?

Wie so viele britische TV-Autoren, nimmt Michael Crompton die Krimihandlung zum Anlass, um soziale Beziehungen und psychische Ausnahmezustände zu erkunden, ohne dass seine Dialoge je dozierend klängen oder sonstige formale Konzessionen an ein etwaiges Anliegen deutlich würden. Ein weiterer Spannungsfaktor: Wie gehen Opfer und sekundär Betroffene mit den Folgen eines Verbrechens um? „Safe House“ erreicht in dieser Hinsicht nicht die Intensität von Ausnahmeserien wie „Amber“, „Broadchurch“ oder „Glue“, ist aber trotz einiger dramaturgischer Schwächen ein hochwertiger Krimi, dessen Autor keine billigen Schockeffekte nötig hat, um das Publikum zu fesseln.

In den Hauptrollen überzeugen der als „Doctor Who“ weltweit bekannt gewordene, vielfach preisgekrönte Charakterdarsteller Christopher Eccleston und neben ihm Marsha Thomason, gebürtige Britin, aber namhaft vor allem durch US-Serien wie „Las Vegas“, „White Collar“ und „Lost“.

Besonderen Reiz erhält der Vierteiler durch die Schauplätze – gedreht wurde vornehmlich in und um Coniston – im Lake District. Die zahlreichen Seen und Berge sind mehr als nur malerischer Hintergrund, sie dienen der Entwicklung der Handlung – geschickt gemacht.

„Safe House“, 2. und 9. Februar, 22:30 Uhr,  je zwei Folgen, ZDFneo

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien