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TV-Kritik
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11. Januar 2016

„Schulz und Böhmermann“: Kurzer Geduldsfaden

 Von 
Olli Schulz (l.) mit Jan Böhmermann.  Foto: ZDF und Philippe Fromage

Während Charlotte Roche den quirligen Jan Böhmermann eher bremste, wirkt sein neuer Partner Olli Schulz auf ihn wie ein Brandbeschleuniger. Dass beide keine langen Antworten dulden, macht die Sendung angenehm kurzweilig.

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Es funktioniert nicht alles. Eigentlich stimmt schon der erste Satz nicht. "Trauma und Überwindung" soll das Thema der ersten Folge von „Schulz und Böhmermann“ sein. Dabei geht es allerdings in der Gesprächsrunde vielmehr um Wahrheiten und Unwahrheiten. Oder wie es ist, im Gefängnis zu sitzen. Doch dass das Versprechen nicht eingehalten wird, stört nicht. Im Gegenteil: Gerade weil „Schulz und Böhmermann“ nicht perfekt sein will, ist die Show eine willkommene Abwechslung im deutschen Talkshow-Einheitsbrei.

Am Prinzip der Sendung, die 2013 wegen Differenzen zwischen der damaligen Moderatorin Charlotte Roche und Böhmermann endete, hat sich nichts geändert. Das Studio wirkt noch immer wie aus Stanley Kubricks Dr. Strangelove, es wird Whiskey serviert und geraucht. Die Gäste sind bunt gemischt und müssen um jeden Satz kämpfen. Wer langweilt, bekommt keine Beachtung geschenkt. Feste Redezeiten gibt es nicht.

Die einzigen zwei Änderungen verfehlen allerdings nicht ihre Wirkung: Anstelle von Autorin Charlotte Roche führt Liedermacher Olli Schulz gemeinsam mit Böhmermann durch die Sendung. Beide moderieren schon seit vier Jahren gemeinsam die Radiosendung „Sanft und Sorgfältig“. Als weiblicher Gegenpart wurde Ansager und Sidekick William Cohn durch die Schriftstellerin Sibylle Berg ersetzt.

Zur Sendung

Die Sendung: „Schulz und Böhmermann“

Sendezeit: Sonntags um 22:45 Uhr auf zdf.neo oder ab 20:15 in der zdf-Mediathek.

Mit der Umbesetzung von Roche zu Schulz erhöht sich noch einmal der Gaga-Faktor der Sendung. Während die Autorin eher der beruhigende Gegensatz zum aufgekratzten Böhmermann war, wirkt Schulz auf ihn wie ein Brandbeschleuniger. Beide dulden weder Langeweile noch lange Antworten. Als Böhmermann dem Hochstapler Gert Postel die erste Frage stellt, grätscht Schulz sofort dazwischen. Vom Gangsterrapper Felix Blume alias Kollegah möchte er wissen, ob der Rapper nicht auch ein Stück weit Hochstapler sei. Kaum ist die Frage beantwortet, wechselt die Diskussion erneut die Richtung. So schaukeln sich beide Moderatoren immer weiter hoch. „Wie ein echtes Gespräch eben“, sagt Böhmermann zu Beginn der Sendung. „Das kann funktionieren.“

Keine Heuchler

Und es funktioniert über weite Teile. Nicht nur, weil beide Moderatoren so einen kurzen Geduldsfaden besitzen. Sondern auch weil sie ihre Sympathien den Gästen gegenüber offen zeigen. Beide wollen keine Heuchler sein. Auf der Beliebtheitsskala ganz oben ist an diesem Abend Kollegah. Wenn Schulz ihm Fragen stellt wird deutlich, dass ein Fan aus ihm spricht. Die entgegen gebrachte Sympathie wird dem Rapper fast peinlich, als Schulz beginnt, seine Lieblingstextzeilen zu rezitieren. Blume kann dabei nur noch grinsend applaudieren.

Das Gegenstück zu Kollegah ist an diesem Abend Gert Postel. Der verurteilte Hochstapler verdirbt es sich im Laufe der Sendung zunehmend mit Gastgebern und Publikum. Als Schulz ihm die berechtigte Frage stellt, warum sich Postel jahrelang als Psychiater ausgegeben hat, reagiert er genervt. Naiv sei die Frage, und die Bezeichnung Hochstapler passe ihm auch nicht. An einer anderen Stelle behauptet Postel, „jeder Depp“ könne sich als Psychiater ausgeben. Schulz fehle allerdings für einen Psychiater aus seiner Sicht die Empathie. Es bleibt unklar, ob Postel auch nur ansatzweise seine Taten bereut. Böhmermann begegnet dem Schwindler im Laufe des Gespräch zunehmend mit Sarkasmus: Ein integrer und sympathischer Mann sei Postel aus seiner Sicht. Das Publikum dankt es dem Gastgeber mit Beifall und Gelächter.

Die wenigen ernsten Momente in der Sendung liefert Ex-Wettermoderator Jörg Kachelmann. Als er von seiner Zeit im Gefängnis und den vergangenen Gerichtsprozessen erzählt, verstummt kurz das Gelächter. Der Schweizer ist der einzige Gast, dem längere Ausführungen ohne Unterbrechungen geduldet werden. Als einziger weiblicher Gast bleibt die Drehbuchautorin Anika Decker eher blass in der Runde.

Die erste Folge von „Schulz und Böhmermann“ zeigt, was die Sendung von anderen Talkformaten unterscheidet: Hier ist nichts gespielt. Böhmermann und Schulz versuchen gar nicht erst, eine geordnete Gesprächsrunde herzustellen. Vielleicht weil sie wissen, dass das selbst vermeintlich seriösen Talkshows nicht immer gelingt. Vielleicht aber auch, weil beide einfach keinen Wert darauf legen. Wer sich schon über zu chaotische Diskussionen bei Anne Will oder Frank Plasberg beschwert, wird hier schnell abschalten. Der deutschen Fernsehlandschaft tut „Schulz und Böhmermann“ als anarchischer Farbtupfer allerdings gut. Oder in Böhmermanns Worten ausgedrückt: „Eine absolute Freakshow, uns eingeschlossen.“

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