Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

15. März 2016

„Supergirl“ ProSieben: Mythen, Medien, Megaschurken

 Von 
Melissa Benoist spielt die Hauptrolle in der Serie „Supergirl“.  Foto: imago/ZUMA Press

Die Jungs sind nicht mehr unter sich. Mit „Supergirl“ stößt eine neue Heldin zur Runde wackerer Comic-Figuren, die die Serien des US-Fernsehproduzenten Greg Berlanti besiedeln. Ein zusammenhängendes Universum mit besonderen Merkmalen.

Drucken per Mail

Erfolg ist eine Ermessenssache. Manchen Zeitgenossen – man liest es hie und da – gilt es als Erfolg, dass die deutsche Serie „Deutschland 83“ in den USA im Maximum 143.000 Zuschauer erreichte. In Luxemburg oder auf Island ein sensationeller Wert, in den USA – nun ja. Nimmt man die Reichweite als Grundlage, zählt in den USA der 43-jährige Greg Berlanti zu den erfolgreichsten Serienproduzenten. Der offen homosexuell lebende Berlanti ist eine Art Wunderkind. Er begann seine Laufbahn als Autor im Stab von Kevin Williamsons Teenager-Soap „Dawson‘s Creek“ und stieg binnen kurzem zum „Showrunner“ auf. So lautet seit jüngster Zeit der Branchenbegriff für den verantwortlichen Produzenten.

Zur Sendung

Die Serie: „Supergirl“

Sendezeit: ProSieben, Di., 22.10 Uhr; Wiederholung, Mi., 23.55 Uhr

Im Netz: ProSieben Mediathek

Dann kamen in vergleichsweise rascher Folge die ersten eigenen Serien. „Everwood“, „Brothers & Sisters“, „Eli Stone“, „My Superhero Family“ waren auch in Deutschland zu sehen. Alle hatten den gewissen Berlanti-Touch, eine unterhaltsame Mischung aus Melodram und Humor, aus ernsten Themen, Popkulturwissen und mitunter spritzigem Dialogwitz. Aktuell gebietet Berlanti über ein regelrechtes Serienuniversum, basierend auf Comics aus dem Verlag DC Comics. „Arrow“, „Flash“, „Legends of Tomorrow“ und neuerdings „Supergirl“ zählen zur selben Mythologie. Bisweilen tauchen die titelgebenden Figuren in den anderen Serien auf und wechseln dabei sogar mal den Sender.

Nach „Arrow und „Flash“ startet „Supergirl“ nun ebenfalls in Deutschland. Der Serie liegen die Figuren von  Jerry Siegel und Joe Shuster zugrunde, den Vätern von „Superman“. Die Vorgeschichte wird in der ersten Folge kurz erzählt: Superman, der eigentlich Kal-El heißt, wird als Kleinkind von seinem Heimatplaneten Krypton aus zur Erde geschickt, um ihn vor der drohenden Apokalypse zu retten. Kara Zor-El ist seine ältere Cousine und soll ihm folgen, um ihn auf der neuen Welt zu beschützen. Durch ungünstige Fügung aber kommt die Dreizehnjährige später an und trifft auf den erwachsenen Kal-El, der auf der Erde inzwischen zu Clark Kent alias Superman geworden ist.

Die Erweckung

Als Kara Danvers (Melissa Benoist) wächst sie bei Pflegeeltern und deren leiblicher Tochter Alex (Chyler Leigh) auf und führt ein behütetes Leben. Ihre außergewöhnlichen Kräfte lässt sie aus Sicherheitsgründen ruhen. Wie Clark verfolgt sie eine Karriere im publizistischen Bereich. Sie wird Assistentin der Konzernchefin Cat Grant (Calista Flockhart), Gründerin und Inhaberin des in National City ansässigen Medienkonglomerats Catco Worldwide Media. Grant ist gefürchtet – sie demütigt ihr Personal, entlässt kaltschnäuzig große Teile der Belegschaft, immer wieder wird die etwas linkische Kara Zielscheibe ihrer hämischen Bemerkungen.

Weiterhin führt Kara ein relativ unauffälliges Dasein, bis ihre Pflegeschwester in Gefahr gerät. Ohne Zögern aktiviert Kara ihre Fähigkeiten und bringt ein abstürzendes Flugzeug in einem gewagten Manöver sicher zur Erde. Für sie ein Hochgefühl, für ihre Schwester ein Grund für einen Rüffel. Denn Karas Einsatz blieb nicht unbemerkt, die Medien machen Jagd auf sie. Und nicht nur die. Wie sich bald zeigt, haben auch andere Kryptonier überlebt. Ein kompletter Hochsicherheitstrakt hat den Weg zur Erde gefunden. Lange lebten dessen Insassen im Untergrund, jetzt beginnen sie sich zu regen. Kara ist ihnen ebenbürtig, das macht sie zum Ziel ihrer Machenschaften.

Stolz gegen Vorurteile

Greg Berlanti und seine Koautoren Ali Adler und Andrew Kreisberg haben den bekannten „Supergirl“-Mythos sanft erneuert. Nicht als pures Märchen, die Themen finden sie in unserer Gegenwart. Medienereignisse werden zitiert, wirtschaftliche Entwicklungen eingearbeitet. Hie und da ist ein wenig Bildung versteckt, sogar feministische Diskurse deuten sich an. Kara ist nicht erfreut darüber, dass ihr Alter Ego von Cat Grant publikumswirksam als „Supergirl“ bezeichnet wurde, sie empfindet „Girl“ – Mädchen – als herabsetzend. Grant widerspricht in der ihr eigenen unterkühlten Art: „Ich bin ein Mädchen. Und dein Boss. Und einflussreich. Und reich. Und scharf. Und klug. Wenn für dich also Supergirl nicht mindestens mit Exzellenz gleichzusetzen ist – liegt das eigentliche Problem dann nicht bei dir?“

Ein erfahrener Autor wie Greg Berlanti, der auch Kinofilme verfasst und produziert, weiß selbstredend, dass nichts langweiliger ist als ein unbesiegbarer Superheld. Also hat Kara gewisse Schwächen. Sie lässt sich in ihrer Tarnidentität rasch verunsichern, hegt Zweifel, ist ungefestigt. Eine Komponente, die insbesondere jugendliche Zuschauer anspricht. Aber auch Erwachsene kommen auf ihre Kosten, wenn Themen wie Medienwandel, Beeinflussung der öffentlichen Meinung und dergleichen mehr anscheinen. Dies alles im munteren Pop-Gewand, mit dem für Comics üblichen Kampf zwischen Gut und Böse, wobei die Grenzziehung nicht nach trivialem Muster verläuft. Zu den Übeltätern zählt beispielsweise Karas leibliche Tante Alura Zor-El (Laura Benanti). Und die bissige Selfmade-Unternehmerin Cat Grant erscheint nur anfangs als Klischee einer bösen Hexe der digitalen Ära, sondern wird, wie andere Hauptfiguren, im Laufe der weiteren Episoden ausdifferenziert.

Traditionsbewusst

Ein Wiedersehen gibt es mit Jimmy Olson (Mehcad Brooks), einst jugendlicher Freund des Reporters Clark Kent beim „Daily Planet“. Inzwischen möchte er lieber James genannt werden, ist der neue Art Director bei Catco Worldwide Media und wird zu Karas Verbündetem. Vielleicht sogar zu mehr, da knistert etwas. Ein Indikator für die deutliche Modernisierung: In dieser Serie ist James Olson Afroamerikaner.

Berlantis „Supergirl“ bietet eine intelligent angerichtete, ironisch durchsetzte Mischung aus klassischen Comic-Konventionen und Anknüpfungspunkten für ein heutiges Publikum in liebevoller Umsetzung, erkennbar unter anderem daran, dass Karas Eltern von Helen Slater und Dean Cain verkörpert werden. Eine Anspielung für Kenner: Helen Slater rauschte als „Supergirl“ durch Jeannot Szwarcs gleichnamigem Kinofilm von 1984, Dean Cain schwang sich im roten Cape des kraftstrotzenden Kryptoniers vier Jahre lang neben Ko-Star Teri Hatcher durch die nostalgisch-komödiantisch gefärbte Serie „Superman – Die Abenteuer von Lois & Clark“.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien