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24. November 2015

"Unsichtbare Jahre": Stasi als Ersatzfamilie

 Von Franziska Schuster
Jakob Alsmann (Tim Bergmann) und Bea Kanter (Julia Koschitz) in Lissabon.  Foto: WDR/Stephanie Kulbach

"Unsichtbare Jahre" erzählt die fiktive Geschichte einer jungen Frau, die Mitte der 1970er Jahre in der BRD für den DDR-Geheimdienst spionierte. Eine Geschichte jenseits aller Agentenfilmklischees.

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In den ersten Minuten dieses Films wird die Hauptfigur verhaftet. Unspektakulär, die Beamten klingeln an der Tür, sachliche Worte, keine Handschellen, keine Gegenwehr. Die Vorwegnahme stellt gleich zu Anfang klar, um welche Fragen es nicht geht in der Geschichte. Kein Spionagethriller, sondern die Suche nach Motiven, die Erzählung eines Scheiterns.

Der Zeitsprung 15 Jahre rückwärts zeigt die junge Bea Kanter zu Beginn eines Abnabelungsprozesses. Die Mutter ist gestorben, und die Tochter versucht sich aus dem Einflussbereich ihres konservativen Vaters zu befreien, indem sie sich der linken Studentenbewegung an der Frankfurter Uni anschließt. Doch sie betrachtet die Sache mit einer gewissen Distanz, verteidigt unpopuläre Positionen und lässt sich nicht auf die sexuellen Abenteuer ein, die in ihrem Bekanntenkreis zum guten Ton gehören. Nicht aus Verklemmtheit, sondern weil sie nicht das Bedürfnis danach hat.

»Sie haben Ihr Land verraten«, wird später einer der Polizisten zu Bea sagen, als sie verhaftet wird. Das, was wir von diesem Land miterleben, ist ihr direktes Umfeld, ein ziemlich trostloses Milieu, in dem Freunde und Partner einander betrügen, in dem man nicht offen miteinander spricht sondern allenfalls doziert. Dass die Konversationen mit den Kommilitonen hölzern daherkommen, ein Austausch auswendig hergesagter Schlagworte der Studentenbewegung, ist vielleicht eine Schwäche des Drehbuchs, unterstreicht aber diesen Eindruck. Nichts, was für Bea in dieser Lebenswelt erreichbar wäre, erscheint wirklich erstrebenswert.

Zur Sendung

Der Film: "Unsichtbare Jahre"

Sendezeit: ARD, Mittwoch, 25. November, 20.15 Uhr.

Im Netz: ARD Mediathek

Als zwei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit an Bea herantreten, ist der alternative Lebensentwurf plötzlich greifbar. Die Frage, warum sie sich auf das Angebot einlässt, als »Perspektivagentin« für das MfS tätig zu werden, ist der zentrale Punkt der Filmerzählung. Es gelingt Autorin und Regisseur sehr überzeugend, die psychologische Vielschichtigkeit dieser Entscheidung spürbar zu machen. Auflehnung gegen den Vater, ein Hauch Abenteuerlust und romantische Sehnsucht machen den Anfang, doch Bea ist klug und merkt schnell, dass das, worauf sie sich eingelassen hat, kein Spiel ist. Innerhalb weniger Momente des Zweifels wird aus einer impulsiven, unüberlegten Entscheidung harte Entschlossenheit.

Dass dieser sekundenlange innere Prozess ohne ein gesprochenes Wort erkennbar wird, liegt auch an der hervorragenden Hauptdarstellerin. Julia Koschitz spielt Bea Kanter mit einer starken Körpersprache: Sie ist die Skeptische, die nicht Verführbare , der Fremdkörper, deren stets hochgezogene Schultern ihr Unbehagen andeuten; selbst im Hochsommer wirkt sie, als friere sie. Die wenigen Momente der Leichtigkeit, ein angedeutetes Lächeln sehen wir nur, wenn sie sich mit ihren Auftraggebern trifft, in der Normandie, in Rom. Hier ist sie selbstbewusster, mit einem Hauch Ironie, weil sie selbst erkennt, dass sie mit dem, was sie tut, ein emotionales Vakuum zu kompensieren versucht.

Es entsteht das Bild einer Figur, die nicht daran glaubt, dass Menschen ohne Hintergedanken nett zueinander sind. Mit dieser Prämisse passt sie hervorragend in die Stasi-Welt, in der die Aufmerksamkeiten für sie in dem Maße zunehmen, in dem sie sich für ihre Aufgabe engagiert. Als dagegen ein junger Kollege im Westen ihr den Hof macht, weiß sie mit seinem »ich mag dich« nichts anzufangen und fragt ungläubig »warum?« Das desillusionierte Menschenbild ist auch die Grundlage dafür, dass Bea sich von der Macht verführen lässt, die ihre neue Position mit sich bringt. Im Westen hilft das Doppelleben, sich über die Tristesse des Alltags hinwegzusetzen, im Osten wird sie zwar instrumentalisiert, aber auch gebraucht.

Über die Jahre lässt die Einsamkeit, die die Abwesenheit ernsthafter zwischenmenschlicher Beziehungen mit sich bringt, Bea zunehmend verzweifeln und in einem Moment der Krise beinahe alles hinschmeißen. Die Entscheidung, doch weiterzumachen, wiegt in gewisser Weise schwerer als der ursprüngliche Schritt, weil sie sich zeitgleich erstmals auf eine ernsthafte Beziehung mit einem Mann einlässt und die Schere zwischen Privatleben und Agentendasein weiter aufgeht.

Die starke Charakterisierung der Haupfigur ist in sich so schlüssig, dass die eigentliche Spionagetätigkeit nur eine untergeordnete Rolle spielt. Man sieht das Verbrechen in Andeutungen, Bea macht ein paar Fotos, trägt mal eine Perücke und einen gefälschten Pass (den sie verhängnisvollerweise verliert) und hat Akten auf dem Tisch, zu denen sie eigentlich keinen Zugang haben sollte. Erst gegen Ende wird dieser Aspekt präsenter, weil das kriminelle Ausmaß des Geheimnisverrats durch ihre Stellung als hochrangige Diplomatin offensichtlich zunimmt.

Bei all dem bleibt die »Ideologie«, mit der Bea selbst wiederholt ihre Motivation begründet, eine Behauptung, die nicht hinterfragt wird und keine wirkliche Verankerung in der Erzählung findet. Glaubt Bea, dass sie moralisch richtig handelt, weil sie einem unterstützenswerten Gesellschaftsmodell Zugang zu technologischen Entwicklungen des Westens verschafft? Weil der Film keine klare Antwort auf diese Frage liefert, bleibt er – trotz des Verweises auf 12.000 Westspione und das »Agentennetz« der Stasi am Filmende – letztlich ohne politische Aussage und bewahrt sich damit seine Ambivalenz in Bezug auf etwaige Schuldzuweisungen.

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