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TV-Kritik
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15. März 2016

„Wir Nachkriegskinder“, ZDF: Wohliges Gruseln der Erinnerung

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Die Dokumentation zeigt historische Bilder aus dem Leben im Nachkriegsdeutschland.  Foto: ZDF und privat

Das ZDF verwurstet wieder einmal Dokumentar-Aufnahmen aus der Nachkriegszeit, diesmal mit Erzählungen von Prominenten

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Ein Gutes hat dieser Dokumentarfilm von Peter Adler, Peter Hartl, Jobst Knigge, und Annette Köhler: Er erinnert die Zuschauer daran, dass es der Bevölkerung einst wirklich nicht gut ging und dass es tatsächlich einen Zuzug von Flüchtlingen gab, der jegliches aktuelles Schwadronieren vom „Flüchtlingsstrom“ erscheinen lässt als das, was es ist: lächerlich. „Zwölf Millionen mussten ihre Heimat verlassen“, berichten die Autoren, und gemeint sind die Deutschen, die östlich der Elbe und der Oder gelebt hatten, bevor Hitlers Terror und der Krieg zuende gingen. Unter der Redaktion von Stefan Brauburger läuft heute der erste Teil eines Films, den der Sender zum  „ZDF-Programmschwerpunkt zur Nachkriegszeit“ anbietet. Gedacht ist er offenbar als Einstimmung auf die große Produktion „Ku'damm 56“, die als dreiteilige Familiengeschichte am kommenden Wochenende startet.

Zur Sendung

Dokumentation: „Wir Nachkriegskinder“

Sendezeit: Teil 1, ZDF, Dienstag, 15. März, 20.15 Uhr. Teil 2 folgt am Dienstag, 22. März, 20.15 Uhr.

Im Netz: ZDF-Mediathek

Aber die Ereignisse, von denen in „Wir Nachkriegskinder“ berichtet wird, geschehen gut zehn Jahre zuvor, zur Zeit des Kriegsendes und des Hungerwinters 1946. Bilder von Verhungerten – laut Angaben der Autoren waren es „Hunderttausende“ – mag man den Zuschauern freilich nicht zumuten. Denn dieser Film  wird zur Hauptsendezeit ausgestrahlt und soll überhaupt trotz der dramatischen Geschehnisse nicht zu sehr beunruhigen. Das beginnt schon mit der Auswahl der Protagonisten. Die Redaktion hat sich nämlich eine Handvoll Fernseh-Prominenz ausgesucht, die nun als Talking Heads in der Tradition des ZDF-Geschichtspapstes Guido Knopp von damals erzählen. Peter Sodann, die Brüder Fritz und Elmar Wepper, Journalistin Wiebke Bruhns und Sängerin Eva Maria Hagen erinnern sich, wie schwierig das Leben ohne Vater war, manchmal mit nur schwer erträglicher Banalität:  „Mama war schon ganz wichtig für uns“, sagt Hagen einmal. Fritz und Elmar Wepper erlebten damals „wunderbare Brüderlichkeit“. An anderer Stelle heißt es: „Wo Eltern fehlen, sind Geschwister um so mehr aufeinander angewiesen.“ Wer hätte das gedacht. Einzig eine authentische Szene mit Wiebke Bruhns’ Vater Hans Georg Klamroth  als Widerständler vor dem Nazi-Richter Freisler vermag si etwas wie Beklemmung zu erwecken.

Von den fraglos heftigen Schicksalsschlägen der Familien wird hier zwar berichtet, aber meistens dienen die Erzähler nur als Stichwortgeber für den nächsten Filmschnipsel.  Sagt einer: „Es war alles kaputt“, sieht man: Trümmer. Erinnert sich Sodann: „Man sah Rotarmisten tanzen“, sieht man: Rotarmisten. Tanzend. Die Luftaufnahmen zerstörter Städte, die Trümmerfrauen dürfen selbstverständlich nicht fehlen, der Schwarzhandel und das „Fringsen“ kommen ins Bild. Wer sich für die sogenannte „Stunde Null“ interessiert, hat die Szenen wohl schon gefühlte hundertmal gesehen. Wer nicht, für den mag dieser Film so etwas wie Nachhilfe in Geschichte sein – auf Klippschulniveau bisweilen und mit einem Wohlfühl-Grusel-Effekt: Was geht es uns heute gold.  

Zusammenhänge, historische Entwicklungen, kommen nur in Bruchstücken vor, das Verwursten von Archivmaterial war der Redaktion offenbar wichtiger. Da hilft es auch nicht, dass manches nur gezeichnet dargestellt wird, im Stile von Comics der Art „Graphic Novel“, denn auch diese Bilder mit grauer Schraffur verdoppeln nur das Gesagte. So bleibt die stärkste Szene dieser Geschichtsstunde mit die Eingangssequenz, einer Szene aus Bernhard Wickis „Die Brücke“  mit Fritz Wepper. Das filmische Meisterwerk wäre eher angemessen gewesen als Einstimmung auf die „Nachkriegszeit“, zeigt es doch, mit welchen Traumata die fertig werden mussten, die als Halbwüchsige in die letzten Tage des Krieges hineingezerrt wurden. Aber „Die Brücke“ zur Hauptsendezeit im ZDF? Heute unvorstellbar.

 

„Wir Nachkriegskinder“, Teil 1, ZDF, Dienstag, 15. März, 20.15 Uhr. Teil 2 folgt am Dienstag, 22. März, 20.15 Uhr.Im Netz: ZDF Mediathek.

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