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03. Februar 2016

"Wir waren Könige": Schlagende Verbindung

 Von Daland Segler
Die Freundschaft zwischen Mendes (Misel Maticevic, li.) und Kevin (Ronald Zehrfeld, re.) wird auf die Probe gestellt.  Foto: © ZDF/Christian Stangassinger

Gewalt gebiert Gewalt: Philipp Leinemanns Thriller „Wir waren Könige“ zeigt schonungslos Polizei und Großstadtgangs als zwei Seiten einer Medaille.

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Sicherheit ist zum Fetisch moderner Industriegesellschaften geworden. Bedroht werden sie heute in der Regel von Einzelnen: Terroristen, Anarchisten oder Attentäter. Doch begegnen sie solcher Gefährdung mit umfassender Aufrüstung. Der Polizeiapparat ist um ein Vielfaches umfangreicher geworden, mit Einsatzkräften und Kommandos, die sich von militärischen Kräften nicht mehr unterscheiden, mit einer Art von Überwachung, die auf Nummer Sicher geht, indem sie in allen Bürgern Verdächtige sieht.

Dass deren Freiheitsrechte auf der Strecke bleiben, wird in Kauf genommen – es diene ja der Sicherheit.  Dazu kommt, dass auch der nicht-staatliche Markt der „Security“-Agenturen aufblüht. Und wer die mit uniformähnlichen schwarzen Klamotten in Kaufhäusern  oder Bahnhöfen Patrouille laufenden Herren beobachtet, kann sich mitunter des Gefühls nicht erwehren, als glichen diese Menschen denen, vor denen sie uns beschützen sollen.

Die fatale Osmose von Ordnungshütern in das unruhige Gefüge eines Großstadtkiezes schildert Philipp Leinemann in seinem zweiten Spielfilm „Wir waren Könige“. Die Polizisten des örtlichen SEK sind eine verschworene Truppe, die ihr Selbstbewusstsein aus dem Gefühl zieht, auf der richtigen Seite zu stehen, und sich ihres Korpsgeistes bei gemeinsamen Kneipen-Ritualen trinkfest versichert. Doch ein Fehler  bei einem Einsatz erschüttert ihren Glauben an Unverwundbarkeit und erhöht den Druck durch ihre Vorgesetzten, die auf  ungetrübten Nachweisen ihrer Existenzberechtigung bestehen. Damit wendet sich die Härte, mit der die Mitglieder des Kommandos gegen alles als kriminell Erkannte vorgehen, auch gegen ihresgleichen. Doch sie spiegeln auch nur, was um sie herum vorgeht.

Spirale der Gewalt

Die Jugendlichen in der Trabantenstadt, ohne Perspektive und Beschäftigung, stellen die Konflikte zwischen oben und unten nach, befehden sich allein aufgrund willkürlicher Zugehörigkeit zu einer Gruppe; vom Maulheldentum zur körperlichen Attacke gegen die jeweils anderen (solange die nur gerade mal in der Minderheit sind), ist es ein kurzer Schritt.

Und so drehen sie bald an der Spirale der Gewalt, ausgelöst von einem kleinen Jungen: Nasim, 13,  bewundert Thorsten, den Anführer der Gang in seinem Kiez. Als er eines nachts die beim SEK-Einsatz verschwundene Dienstwaffe findet, schiebt er sie Thorstens Freund Ioannis unter, den er als Rivalen beim Buhlen um Thorstens Gunst empfindet. Die Polizisten entdecken die Pistole, und weil der äußere Feind leichter zu bekämpfen ist als der im Innern, ist ihnen jedes Mittel recht, Ioannis zu finden. Den Verschwundenen aber sucht auch seine Gang; sie vermutet ihn in den Händen der Konkurrenten. 

Befeuert vom Rachegedanken entgleitet den SEKlern, allen voran ihrem Leiter Mendes (Mišel Matičević) die Kontrolle. Er sieht nach Drohungen seines Chefs die Einheit gefährdet und damit seine Existenz; Warnungen des Kollegen Kevin (Ronald Zehrfeld) schlägt er in den Wind. So verschärft sich der Streit im Innern der Polizeitruppe, während die Hetzjagd in der Stadt weitergeht: Die Beamten gegen den Flüchtigen, Gang gegen Gang.

Als eine Kollegin von der Streife den Umgang der SEK-Männer mit einem Verdächtigen kritisiert, wird ihr verächtlich der „Sonderstatus als Frau“ vorgehalten. Die wenigen Frauen sind die Stimmen der Vernunft in dieser Welt der schlagenden Verbindungen, aber auch sie werden zuletzt beim Kampf aller gegen alle nicht unschuldig bleiben. Zu sehr dominiert das Prinzip des Stärkeren: dessen, der weniger Skrupel hat.

Leinemann gelingt ein denkbar düsteres Sittenbild des Lebens am Rande der Großstädte, darin seinem Vorbild Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“, ebenfalls  mit Zehrfeld und Matičević in den Hauptrollen) noch überlegen. Neben den ausgezeichneten Schauspielern, (etwa auch Bernhard Schulz als Zugführer Willmund) schaffen vor allem die fantastisch bewegliche Kamera Christian Stangassingers, seine schmutzigen Farben und die schroffen Schnitte eine dichte Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Besonders beklemmend aber: In der Figur des Nasim, dieses bösen Kobolds, der mit seinen Lügen, Intrigen und falschen Vorstellungen von Freundschaft die Katastrophe letztlich befördert, deutet sich eine denkbar düstere Zukunft an.

Im Dienstzimmer des SEK-Chefs (eine Paraderolle für Thomas Thieme) hängt ein Bild mit einem grimmigen Wolfskopf und dem Spruch „Wir siegen“. Doch Wölfe haben einen Instinkt dafür, wann sie von ihrem Gegner ablassen.

„Wir waren Könige“, Arte, Donnerstag, 4. Februar, 22.45 Uhr. Im Netz: arte +7

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