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20. Januar 2016

Alle gegen Aldi : Billig ist okay

 Von Franziska Schuster

Der Verbraucher wird beim ZDF ernstgenommen. Er bekommt einen Primetime-Sendeplatz. Das ZDF wird die Frage beantworten, die den Verbraucher umtreibt: Welcher Discounter ist der beste? Oder, präziser: Ist Aldi wirklich der beste Discounter?

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Die Antwort, die die Sendung »Alle gegen Aldi« liefert, lautet in etwa »Lidl ist in einigen Aspekten minimal besser« – oder war es Penny? Die ganze Fragestellung ist derart uninteressant, dass es letztendlich keine wirkliche Rolle spielt, welche Billigsupermarktkette in der Gesamtwertung des Vergleichs am besten abschneidet. Denn die viel interessantere Frage »Sind Discounter gut?« wird elegant umschifft. 

Dabei ist der Beitrag, durch den Sternekoch Nelson Müller als »Presenter« führen darf, durchaus unterhaltsam gestaltet, mit netten Animationssequenzen und telegenen Experten, die ihre Tests mit Humor und einem Schuss Selbstironie vorführen. Nett ist auch die alberne Musikmischung, wenn zur Analyse von Tiefkühllachs eine Interpretation von »My Bonny Is Over the Ocean« und zur Champagnerverkostung Oasis' »Champagne Supernova« erklingt.

Zur Sendung

Alle gegen Aldi – wer schlägt den Discounter-Riesen? Dokumentation. ZDF, 19.01.2016, 20.15 Uhr, 20.01.2016, 00:45. Mehr Infos und das Video zum Nachschauen auf den Seiten der Sendung.

Doch das Hauptproblem der Doku ist, dass nicht klargestellt wird, um was es eigentlich geht. Zwar existieren fünf Kategorien, anhand derer der Discountervergleich vorgenommen werden soll, doch denen fehlt eine eindeutige Definition. Ist die Qualität »gut«, wenn das Produkt nicht schmeckt? Sind die Arbeitsbedingungen »fair«, wenn es zwar keinen Betriebsrat gibt, der Stundenlohn aber zwei Euro mehr beträgt als beim Nachbardiscounter? Ist der Geschmack »gut«, wenn das Produkt besser schmeckt als das vergleichbare Konkurrenzprodukt? 

Wenn Nelson Müller schlussfolgert, die Discounterprodukte hätten »eigentlich alle 'ne gute Qualität«, bezieht er sich darauf, dass die Keim- und Wurmbelastung der untersuchten Lachsproben selbst bei erhöhten Werten keine Ausschläge in den gesundheitsschädlichen Bereich verzeichnet. Dass aber die Testpersonen alle Sorten Olivenöl scheußlich fanden, keinen Tomatengeruch an den Tomaten feststellten und die Rindersteaks als unbefriedigend bezeichneten, fließt in die Bewertung nicht mit ein – unter den schlechten Produkten ist das am wenigsten schlechte König. Einzig die Versuchsanordnung bei der Champagnerverkostung liefert Erkenntnisgewinn, weil hier ein teures Markenprodukt in den Blindtest einbezogen wird (und die schlechteste Bewertung erhält). 

An einigen Stellen des Films zeigt sich investigativer Ehrgeiz, der leider im Keim erstickt wird. Nachdem »das offizielle deutsche Olivenölpanel« das Produkt der Supermarktkette Lidl als »nicht verkehrsfähig« eingestuft hat, konfrontieren die Filmemacher das Unternehmen mit dem Ergebnis. Dort reagiert man, indem man weitere Tests durchführen lässt – die alle gute Bewertungen abgeben. Thema beendet. Dabei haben sowohl der konsultierte Fettwissenschaftler als auch der Koch Müller das getestete Öl, das unter der Bezeichnung »nativ extra« angeboten wird, als »unteres Standardöl« eingestuft. Wer waren die Tester, die von Lidl beauftragt wurden? Nach welchen Kriterien wurde getestet? Das wären die wirklich spannenden Fragen gewesen, denen aber nicht weiter nachgegangen wird. Stattdessen schwankt der Tonfall zwischen Boulevard-Skandalismus (»Schweinereste im Pudding«, »Fadenwürmer im Lachs«) und Werbefloskeln, die zum Ende hin deutlich überwiegen. 

Man kann einer Dokumentation nur selten vorwerfen, nicht alle Aspekte eines Themas behandelt zu haben, weil in den meisten Fällen dann ein ganz anderer Film entstanden wäre. Hier aber ist bereits die Prämisse zu eng gefasst, die nicht hinterfragt wird: Es ist völlig okay, beim Discounter einzukaufen (selbst für einen Sternekoch). Der wichtigste und klügste Satz des Kommentartextes, dass billige Produkte natürlich aus billigen Zutaten hergestellt werden müssen, geht in der kompetitiven Inszenierung des Themas komplett unter. Hier genau hätte man ansetzen müssen: Woher kommt das minderwertige Rindfleisch?

Warum kann es nicht besser schmecken? Wie können bei der Produktion einer Tomate, die man weder panschen noch strecken kann, Kosten gespart werden? Sind Diglyceride von Speisefettsäuren nur billig, oder sind sie auch ungesund? Wenn die Böklunder Würstchen sich gegenüber dem teuren Markenprodukt nur durch die Abwesenheit von Werbung unterscheiden, sind dann die teuren Würstchen vielleicht auch minderwertig? Stattdessen gewinnt der Discounter in der Kategorie »Ehrlichkeit«, der in seinem Schokopudding 0,4 % mehr Kakaopulver verwendet als der Konkurrent. 

Indem sich der Vergleich innerhalb der Grenzen eines Systems und auch dort nur innerhalb eines Teils der kompletten Lieferkette abspielt, verliert er jede Aussagekraft. Warum wird so eine Dokumentation zur Hauptsendezeit ausgestrahlt? Was als Verbrauchernähe etikettiert wird, ist in Wirklichkeit Anbiederung an einen vermeintlichen kleinen Mann, dem das Vertrauen in »die Mutter aller Discounter« zurückgegeben werden soll – denn die Produkte haben ja »eigentlich alle 'ne gute Qualität«.

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