Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

07. März 2016

Anne Will, ARD: „Man muss ja nicht gleich alle umbringen“

 Von Kristin Hermann
Anne Will  Foto: imago/APress

Vor dem europäisch-türkischen Sondergipfel diskutieren die Gäste bei Anne Will im Sonntagstalk die Flüchtlingspolitik und die Zukunft Europas. Die Haltungen triften teils stark auseinander.

Drucken per Mail

An diesem Montag treffen sich die Staats- und Regierungschefs zum europäisch-türkisch Sondergipfel. Dabei soll vor allem um die Umsetzung des gemeinsamen Aktionsplans gehen, der Ende November 2015 beschlossen wurde. Doch die europäischen Staaten sind in der Flüchtlingsfrage tief zerstritten. Österreich und die Balkanstaaten setzen auf nationale Grenzschließungen und auch die osteuropäischen Länder schotten sich ab. Die Bundesregierung hofft dagegen nach wie vor auf eine europäische Lösung. Anne Will stellte am Sonntagabend ihren Gästen deswegen die Frage: Ist dieses Europa noch zu retten? 

Das geladene Quintett war gut gemischt: Es diskutierten Bundesjustizminister Heiko Maas, der österreichische Außenminister Sebastian Kurz, die Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt sowie der slowakische Europa-Abgeordnete Richard Sulík.

Während es zwischen Deutschland und Österreich in fast allen Fragen relativ entspannt zuging, sorgte der slowakische Vertreter für mehrere Tiefpunkte. So wie der Pressesprecher von Heiko Maas, der wegen seines euphorischen Klatschens im Studio von Moderatorin Anne Will gerüffelt wurde.

Die Sendung startet mir Schreckensbildern von der geschlossenen griechisch-mazedonischen Grenze. Ist das die Lösung für die Flüchtlingskrise, fragt Anne Will, die an diesem Abend souverän durch die Diskussion führt. Heiko Maas verteidigt die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel und warnt vor einem „Dominoeffekt“, wenn alle Staaten ihre Grenzen schließen. Man „müsse die Fluchtursachen bekämpfen“, „Obergrenzen werden nicht helfen.“

In den ersten Minuten klatscht ein Einzelner im Publikum immer wieder heftig, wenn Maas an der Reihe ist. Nach dem dritten Mal sagt Anne Will: „Wir begrüßen auch den Sprecher von Heiko Maas, der hier immer ganz besonders laut klatscht.“

Auch Sebastian Kurz findet die Eindrücke aus dem griechischen Dorf Idomeni, wo an der Grenze zu Mazedonien etliche Flüchtlinge gestrandet sind, „furchtbar“. Doch Kurz hält die Europas Politik für zu „lasch“. Er sieht das Problem der Flüchtlingskrise vor allem in der "Durchwinke-Politik" und darin, dass die Flüchtlinge sich dadurch aussuchen können, wo sie leben wollen.

Das habe Deutschland, Österreich und Schweden für die Flüchtenden besonders attraktiv gemacht. "Wenn ich ein Flüchtling wäre, würde ich auch so reagieren und nach Deutschland oder Österreich kommen wollen“, sagt Kurz. Doch genau das bereite vielen Menschen Sorge. "Jemand der Schutz sucht und wirklich vor Krieg und Bomben flieht, der muss auch mit Griechenland zufrieden sein." Der Wiener ist sich sicher, dass die Balkanroute geschlossen bleibt. Dabei betont Kurz, es nicht für "moralisch hochwertiger zu halten", die Flüchtlinge anstatt von Mazedonien zukünftig von der Türkei stoppen zu lassen, wie es ja die Bundesregierung bei ihrem vermeintlichen Pakt mit dem türkischen Präsident Recep Tayyip Erdoğan vorhat.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Göring-Eckardt, kritisiert die politische Entwicklung in Österreich: "Hier kommt ja niemand her, um sich sein Leben schönzumachen." Kurz kontert darauf, dass Österreich bis dato 90 000 Flüchtlinge aufgenommen habe – gemessen an der Einwohnerzahl des Landes, so viele wie kaum ein anderes EU-Land.

Katja Kipping, die Linken-Politikerin, möchte statt über den Schutz von Grenzen, vielmehr über den Schutz von Menschen reden, doch der slowakische Europa-Abgeordnete, Richard Sulík hat da eine ganz eigene Meinung: "Wir müssen die Europäer schützen". Zum Grenzschutz sagt er: „Man muss ja nicht gleich alle umbringen“, Gewaltanwendung sei aber manchmal nicht zu vermeiden.  Als Göring-Eckardt ihn daraufhin fragt, was er damit genau meine, holt er zum nächsten Tiefschlag aus: "Vielleicht feiern Sie das nächste Silvester mal in Köln und dann wissen Sie, was ich meine."

Im weiteren Verlauf des Talks, dreht sich die Runde oft im Kreis. Konkrete Vorschläge, wie Flüchtlinge besser verteilt werden soll, hat keiner der Gäste. Deshalb kommt es auch zu fast absurden Dialogen, etwa, wenn Anne Will insgesamt dreimal bei Katka Kipping nachhaken muss, ob sie dafür ist, dass alle Flüchtlinge zu uns kommen können, bevor sich die Linken-Politikerin zu einem „Ja“ bekennt.

Im Zusammenhang mit der Türkei mutmaßt Moderatorin Anne Will, Europa könnte sich von Erdoğan erpressen lassen (schließlich hat der bereits in der Vergangenheit angedroht, dass er die Flüchtlinge in seinem Land jeder Zeit mit Bussen nach Europa schicken könnte). Maas kontert darauf nur knapp: "Deutschland ist nicht erpressbar".  Zwar sei beispielsweise der Umgang mit der Pressefreiheit in der Türkei zu kritisieren, trotzdem sei man auf gemeinsame Verhandlungen angewiesen.

Österreichs Außenminister bleibt dabei, dass eine europäische Lösung in erster Linie darin bestehen muss, das "Durchwinken" zu beenden, ohne dass Europa sich dabei "voll und ganz der Türkei ausliefert." Ausdrücklich lobte Kurz die Kanzlerin, die ja jetzt selbst vom "Ende des Durchwinkens" spreche, und ihren Außenminister. In Bezug auf eine Gipfel-Lösung gab er sich optimistisch.

Göring-Eckardt, die glaubt, dass die Flüchtlinge nur dorthin wollen, wo ihre "Familien und Freunde sind", um sich besser zu integrieren, fällt dem Österreicher einige Male ins Wort. Auch Katja Kipping kommt kaum noch zum Zug. Dabei versucht sie vor allem auf die Misere der Kurden und die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufmerksam zu machen: "Dort passieren schlimme Dinge. Menschen können wegen einer Ausgangssperre nicht aus dem Haus. Warum war bisher niemand Ihrer Partei in diesen betroffenen Gebieten?“, wirft sie Maas vor.

Sulík wiegelt den möglichen Türkei-Deal derweilen als "Heuchelei" ab und legt noch einmal dar, weshalb die Visegrád-Staaten nicht bereit sind, auch nur einen einzigen Flüchtling aufzunehmen. „Die Bürger wollen es einfach nicht“, sagt er. Maas kontert darauf kühl: "Es geht nicht, alle Vorteile der EU in Anspruch zu nehmen und sich wegzuducken, wenn es um Solidarität geht.“

Für einen Aufreger außerhalb der Sendung war übrigens mal wieder Grünen-Politikerin Renate Künast gut: Nachdem sie Ende 2015 auf Facebook die US-Präsidenten George Washington und Abraham Lincoln verwechselte, kassiert die Bundestagsabgeordnete Sonntagabend einen weiteren Shitstorm auf Twitter. Künast bezeichnete Sulík während der Sendung als Polen.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien