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22. Februar 2016

Anne Will, ARD: Wie viel wiegt eine Million Euro?

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Anne Will  Foto: imago/APress

„Erst begrenzen, später gar abschaffen – Nimmt uns der Staat das Bargeld weg?“ Darüber haben die Gäste von Anne Will diskutiert. Es geht in dieser Debatte um Privatsphäre, Geldwäsche und Terrorbekämpfung, aber nicht zuletzt auch ums ganz große Gefühl.

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Ich habe eine Schublade voller Bargeld. US-Dollar, britisches Pfund, ghanaischer Cedi und liberianischer Dollar. Erinnerungen an meine schönsten und aufregendsten Reisen zum Anfassen. Melancholisches Knistern des Papiers. Und, ganz ehrlich, manchmal macht es sogar Spaß an diesem Geld zu riechen. Einerseits.

Andererseits kommt mir – seit ich längere Zeit in den USA gelebt habe – die große Rolle, die Bargeld im Alltag der Deutschen spielt, absurd vor. Die hohen Beträge, mit denen wir oft herumlaufen. 100 Euro, 200 Euro, manchmal sogar mehr. Gern würde ich, wie in den Vereinigten Staaten möglich, noch die Cola, die ich am Kiosk kaufe, mit der Kreditkarte zahlen. Nur geht das in Deutschland nicht.

Weil den Deutschen das Bargeld so lieb ist, die Bundesregierung aber gern eine Obergrenze für die Zahlung mit selbigem einführen würde, lässt Anne Will in ihrer Talkshow das Thema diskutieren. „Erst begrenzen, später gar abschaffen – Nimmt uns der Staat das Bargeld weg?“ lautet der Titel. Und damit setzt die Redaktion den Grundton für eine kontroverse Debatte, die sich oft im spekulativen Bereich bewegt. Der Wunsch der Bundesregierung ist, dass Summen von mehr als 5000 Euro künftig nicht mehr in bar gezahlt werden dürfen – nach Möglichkeit im Rahmen einer europäischen Regelung. Doch die Gegner des Vorhabens warnen, dies sei nur der erste Schritt zu einer Abschaffung.

Dostojewski ohne zu bezahlen

So wie FDP-Chef Christian Lindner, der sich – vermutlich ohne dafür zu zahlen, weder in bar noch mit Karte – beim russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski bedient. „Bargeld ist eine Form geprägter Freiheit, die wir uns nicht nehmen lassen sollten“, befindet er. Bürger hätten Angst, durch die Abschaffung des Bargeldes gläsern zu werden. Sollte es so weit kommen, seien die Menschen zudem vollkommen schutzlos dem Wucher der Banken ausgeliefert. Solche Töne von einem FDP-Vorsitzenden? „Wir sind eine Partei der Freiheit und nicht der Banken“, sagt er. Und dann ruft in die Runde: „Warum muss überhaupt einer begründen, warum er in bar zahlen will?“

So einfach sei die Sache ja nun nicht, befindet Michael Meister (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Wie der Anwalt und Anti-Korruptionsexperte Peter Fissenewert beruft Meister sich dabei auf eine Studie, die davon ausgeht, dass in Deutschland jährlich Geldwäsche in einem Volumen von bis zu 100 Milliarden Euro stattfindet. Auftraggeber der Untersuchung: das Finanzministerium selbst. Meister sagt, im Kampf gegen die organisierte Kriminalität und den Terrorismus seien neue Regeln zum Bargeld nötig. „Absolute Freiheit ist wilder Westen, absolute Sicherheit ist Diktatur. Und ich möchte keins von beidem, sondern eine Balance“, hält Meister Lindner entgegen. Und Meister argumentiert dann noch etwas plakativer: „Ich bin der Meinung, wir müssen was dagegen tun, dass Deutschland ein Hort von Kriminellen ist.“

Die Geschäftsführerin eines Autohauses in Leipzig, Nancy Schneider, sagt hingegen, sie kenne ihre Kunden – und sie glaube nicht, dass sie es da schon mal mit Geldwäschern zu tun gehabt habe. Gerade für den Autoverkauf gebe es praktische Probleme, wenn die Kunden nicht mehr in bar zahlen könnten. Die Obergrenzen der Bankkarten seien zu niedrig – und selbst wenn Kunden dieses Limit extra für den Tag des Autokaufs heraufsetzen ließen, stelle sich dann oft heraus, dass dabei etwas nicht geklappt habe. Viele wollten auch schlicht und einfach in bar zahlen. Die Menschen hätten sich das Geld erarbeitet, seien stolz, es in die Hand zu nehmen und damit dann das Auto ihrer Vorstellungen zu kaufen.

Waigel will seinen Klingelbeutel

Womit wieder klar ist: Es geht nicht nur um Argumente. Es geht nicht allein darum, Privatsphäre und Terrorbekämpfung abzuwägen. Nein, es geht auch ums Gefühl. Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) sagt: „Bargeld ist etwas ganz Wichtiges. Das Vertrauen der Menschen zum Geld und zur Währung muss sinnlich erfahrbar sein.“ Er sorgt sich darum, in seiner Kirche im Allgäu irgendwann kein Geld mehr in der Klingelbeutel werfen zu können. „Dann geht der Küster mit einem Messgerät rum und jeder muss dann eingeben, wieviel er spenden will.“ Der Kollektomat, eine Erfindung aus Schweden, überzeugt ihn nicht.

Auch sein Bier wolle er weiter in bar bezahlen, sagt der Ex-Finanzminister. Und den Enkeln für das Zeugnis einen Schein in die Hand drücken. Da mag Meister als Vertreter der Bundesregierung noch sooft beteuern, dass es nicht um eine Abschaffung des Bargelds gehe – es hindert Waigel nicht daran, all diese Beispiele anzuführen.

Eine unumstößliche Erkenntnis hält die Sendung aber noch bereit: Eine Million Euro in 500-Euro-Scheinen wiegt etwa 2,4 Kilogramm, in 10-Euro-Scheinen etwa 70 Kilogramm. Wenn ich das nächste Mal mit einer Million spazieren gehen möchte, weiß ich also, was zu tun ist und lasse das Kleingeld einfach zu Hause.

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