Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

08. Februar 2016

Anne Will : Das neue Links ist rechts

 Von 
Linke-Politiker Oskar Lafontaine (links) im Gespräch mit Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“.  Foto: screenshot

Wenn Linke-Politiker Oskar Lafontaine bei Anne Will Obergrenzen für Flüchtlinge fordert, dann wird klar, dass das die politischen Koordinaten sich in Deutschland zum Teil deutlich verschoben haben.

Drucken per Mail

Die etwas schnoddrig gestellte Frage, ob Angela Merkel noch die Kurve kriege, war schnell abgehakt bei Anne Will. Beantwortet wurde sie jedoch nicht. Dabei ist sie ja interessant und ziemlich berechtigt nach dem letzten Deutschlandtrend, in dem 81 Prozent der Befragten erklärt hatten, mit der Politik der Bundesregierung unzufrieden zu sein. Was hätte wohl ein Vorstandsvorsitzender eines deutschen Unternehmens dazu gesagt, da die Wirtschaft doch Merkels Politik nach wie vor stützt und für den Kurs der Kanzlerin wirbt? Was hätte wohl der Bürgermeister eines kleinen Ortes dazu gesagt, in dem ein großes Flüchtlingsheim errichtet wurde? Was hätte ein Kommunikationsexperte dazu gesagt, dass die Kanzlerin ihre Politik den Deutschen offensichtlich nicht erklären kann?

Das hätte man gerne gehört am Ende dieser durchaus unangenehmen Woche für Angela Merkel. Hätte. Stattdessen aber redeten Ursula von der Leyen, Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ und Oskar Lafontaine vom anderen Stern, nein, natürlich von der Linken. So weit, so bekannt. Peter Schneider, der Schriftsteller und Alt-68er, war auch da und sogar ein bisschen überraschend, aber dazu später.

Deutschland für Anfänger

Zunächst verleitete die Sendung dazu, über ein kleines Experiment nachzudenken. Wenn man einem gerade aus Aleppo geflohenen Syrer erklären wollte, wie seit einem Jahr über die Flüchtlingskrise in Deutschland geredet wird, und wer das vor allem tut - dann hätte man ihm sagen können: Merken Sie sich die Namen Jörges, Lafontaine und von der Leyen. Und Sie wissen schon ganz gut Bescheid. Dann sehen Sie sich die ersten zwanzig Minuten, die erste halbe Stunde dieser Talkshow an, und Sie wissen genau, was seit einem Jahr debattiert wird. Das ist praktisch, kein Readers Digest, sondern eine Art Speakers Digest für Neuankömmlinge. In dem Moment, in dem Anne Will sagt: „Jetzt haben wir aber viel Rückschau“, gefühlt bei Minute 20, wäre die erste Unterrichtseinheit über Deutschland dann beendet.    

Deutschland für Fortgeschrittene

Und dann kommt Deutschland für Fortgeschrittene. Denn im Laufe der nächsten halben Stunde würde ein syrischer Flüchtling erfahren, dass sich die politischen Koordinaten in Deutschland ganz schön ins Gegenteil verkehrt haben. Waren die Linken früher bekannt für internationale Solidarität und die Rechten für die Anbetung nationaler Grenzen, hat sich das heute umgekehrt. Da sitzt einer der Anführer der Linken, Oskar Lafontaine, und erklärt mal forsch, dass hier nicht jedem geholfen werden könne - und die wichtige Vertreterin einer konservativen Partei, Ursula von der Leyen, erklärt immer wieder, dass geschlossene Grenzen keine Lösung seien. Wer hätte damit vor vierzig Jahren gerechnet? Vielleicht hat Peter Schneider, der Alt-68er, ja selbst noch nicht vor allzu langer Zeit gedacht, dass er irgendwann gemeinsam mit Oskar Lafontaine im deutschen Fernsehen Obergrenzen fordern würde.

Das war der Zeitpunkt, wo einem klar wurde, dass es doch ein bisschen schwieriger sein würde, einem syrischen Flüchtling die deutsche Debatte mit einer Talkshow nahezubringen. Zumal der Schriftsteller Schneider sich dann noch anerbot, Merkel die nächste Regierungserklärung schreiben zu wollen. Die Kanzlerin sollte es wahrscheinlich als Empfehlung verstehen, dass Schneider dann  noch erwähnte, dass er sich zu den 81 Prozent zähle, die mit ihrer Regierung nicht zufrieden seien. Vielleicht dachte er ja, sie könne mit ihm noch die Kurve kriegen.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien