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TV-Kritik
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03. März 2016

Der Tel-Aviv-Krimi: Tod in Berlin, ARD: Ein vielversprechender Abschied

 Von D.J. Frederiksson
Khalid (Camill Jammal) reagiert mit Verzweiflung auf den Tod seiner Freundin und dem Verdacht, er scheint etwas vor Sara (Katharina Lorenz) zu verbergen.  Foto: ARD Degeto/Frédéric Batier

Der Auftaktfilm der Tel Aviv-Krimireihe spielt aus kuriosen Gründen ausschließlich in Berlin. Doch ebenso wie die Besetzung und die Atmosphäre erweist sich dies als unerwarteter Glücksfall.

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Eine neue Krimi-Serie, eine neue Kommissarin. Natürlich jung, tatkräftig, gutaussehend, sportlich, durchsetzungsfähig, und so weiter. Ihr Name ist Sara Stein, was auch noch erschreckend generisch klingt. Hat sie irgendwelche Besonderheiten? Nun, es gibt da ein Detail, das die durchaus sympathische Ermittlerin selbst nie voranstellen würde, das aber zunehmend ins Rampenlicht gerät: Sara Stein ist jüdisch. Keine große Sache, nicht für sie, nicht für die Kollegen, und für den bunten Kiez am Kottbusser Tor, in dem sie wohnt, sowieso nicht. Und doch wird ihr Umgang mit ihrer Herkunft und ihre Positionierung im ideologisch aufgeladenen Nahost-Konflikt das Zentrum einer ganzen Krimi-Reihe sein.

Schon im Auftaktfilm gerät sie an den Mord an einer jungen jüdischen Frau vor einem Berliner Club. Die letzten Worte des Opfers sind rätselhaft, ihre Familie verdächtigt sofort den palästinensischen Freund, der wiederum seine eigenen Eltern verdächtigt, die auch vor Ort waren. Es gibt Druck von der Presse, die einen politischen Hintergrund vermutet, es gibt einen jüdischen Unbekannten am Tatort, und dann stellen Saras Eltern sie auch noch einem charmanten israelischen Pianisten vor... Die gebürtige Berlinerin erlebt einen veritablen jüdischen Kulturschock in Kreuzberg.

Dabei hätte eigentlich alles ganz anders sein sollen: Sara Stein sollte schon in der ersten Folge nach Israel kommen und dort Fälle lösen und ihrer Identität nachgehen. Die Reihe heißt ja nicht umsonst „Der Tel Aviv-Krimi“. Aber weil der bewaffnete Konflikt am geplanten Drehort mal wieder eskaliert ist, wurden die dortigen Dreharbeiten verschoben und aus der ersten Folge unverhofft ein echter Berlin-Krimi – was man durchaus als Glücksfall werten darf.

Zur Sendung

„Der Tel-Aviv-Krimi: Tod in Berlin“

Sendetermin TV: Donnerstag, 3.3., ARD , 20.15 Uhr. Wiederholung: 4.3., ARD, 0.20 Uhr;

Im Internet: ARD Mediathek

Denn selten hat man die Hauptstadt so alltäglich und doch so sofort erkennbar inszeniert gesehen – und selten hat sich eine eingeborene Ermittlerin so unprätentiös durch diese Stadt bewegt: Sara Stein stapft schnellen Schritts durch die Hinterhöfe und die Altbau-Treppenhäuser mit heruntergeplatztem Putz; bei ungemütlichem Schneeregen fährt sie natürlich mit dem Fahrrad vor dem Revier vor, Hoodie über dem Kopf und die hippe Plastiktasche umgeworfen. Dass  die bis dato nur im Burgtheater aufgefallene Katharina Lorenz eigentlich Rheinländerin ist, unterstreicht nur ihre bemerkenswerte Leistung hier. Wie sie mit ihrem neuen Pianistenschwarm am Kottbusser Tor Döner futtert und dabei mit den kichernden Türken flachst, das ist ein so unangestrengtes und vor allem so lässig-authentisch gespieltes Nachbarschaftsbild, wie man es viel zu selten im Fernsehen sieht.

Auseinandersetzung mit weiblichen Rollenbildern

Wie so oft gerät über solche Stimmungsdetails die eigentliche Krimihandlung nicht wirklich interessant, teilweise ist sie sogar die Schwachstelle des Films. Die absurde, zufällige Zusammenkunft von einem halben Dutzend Verdächtigen (und der gerade joggenden Kommissarin) am Tatort zur Tatzeit ist schon sehr schwer zu verdauen. Das spätere und ebenso zufällige Aufeinandertreffen und Wiedererkennen eines unbekannten Verdächtigen mindestens ebenso sehr. Es ist eine überkomplexe Geschichte mit viel zu vielen übereinander gestapelten Verdachtsmomenten, die Maureen Herzfeld und Martin Kugler da mühsam aufrollen. Aber sie wird von viel angenehmem Lokalkolorit, starken Schauspielern und vor allem durch die kleinen thematischen Nebenstränge gerettet. So ist „Tod in Berlin“ ganz nebenbei auch noch eine Auseinandersetzung mit weiblichen Rollenbildern bei der Polizei, exemplarisch dargestellt von der überharten und fast unkontrollierten Polizeirätin Schubert bis zu beinahe pathologisch verschüchterten Co-Ermittlerin Rodek.

Am Ende steht unsere sympathische Kripo-Beamtin dann doch endlich in Israel, wo sie vom zweiten Film an für die dortige Polizei ermitteln wird. Nachdem sie nun quasi ungewollt eine so organische Einführung in ihrem heimischen Biotop hatte, wartet man mit Vorfreude darauf, wie sie sie sich in der Fremde schlagen wird.

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