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08. Dezember 2015

Doku „Gustl Mollath – Und plötzlich bist du verrückt“: Der Widerständige

 Von 
Gustl Mollath auf der Zugspitze.  Foto: BR/Man on Mars Filmproduktion

Zwei Dokumentarfilmerinnen begleiten den von Justiz und Psychiatern seiner Freiheit beraubten Gustl Mollath bei seinen Versuchen, sich wieder ins Leben einzufinden.

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Sieben Jahre: Genau 2717 Tage haben sie diesen Mann weggesperrt. In die Psychiatrie, geschlossene Abteilung. „Isolations-Einzelhaft“, nennt er das einmal. Und das alles aufgrund falscher oder unbewiesener Behauptungen, Anschuldigungen und: Gutachten. Erstellt von Psychiatern, die den Mann nie gesehen hatten.

Sieben Jahre gesund unter Kranken oder für krank Erklärten: Wie kann einer das überleben? Wie hat er sich verändert, wenn er wieder frei ist? Die beiden jungen Regisseurinnen Annika Blendl und Leonie Stade finden zu Anfang ihres Films „Gustl Mollath – Und plötzlich bist du verrückt“ ein schönes, fast poetisches Bild dafür: ein Astronaut ist auf einem fremden Planeten gelandet und soll bei der Rückkehr von seinen Erlebnissen berichten: Wie aber das doch so Fremde darstellen?

Gustl Mollath findet dafür nicht viele Worte. Sein Schweigen ist umso beredter. Die Autorinnen folgen ihm auf seinen Wegen in der wiedergewonnenen Freiheit – die freilich nur eine vorübergehende ist, weil das Wiederaufnahmeverfahren bevorsteht. Das soll klären, ob Mollath schuldig ist der Gewalttätigkeit gegen seine ehemalige Frau und ob er zu Recht in der Psychiatrie war.

Zur Sendung

„Gustl Mollath – Und plötzlich bist du verrückt“; BR, Dienstag, 8. Dezember, 22.45 Uhr. Mehr Infos und Video auf den Seiten der Sendung.

Sein Fall erregte bundesweit Aufsehen – und das hat ihn vermutlich gerettet. Auch die beiden Absolventinnen der Münchener Filmhochschule waren durch eine Zeitungsnotiz auf ihn aufmerksam geworden – erstaunlich spät allerdings, erst 2013. Denn lange zuvor schon hatte es in der Presse, im Fernsehen, Berichte über Mollath gegeben: Da wurde einer seiner Freiheit beraubt und für unzurechnungsfähig erklärt, weil er seine Frau geschlagen und gewürgt haben soll, und weil er ihre Arbeitgeberin, eine Bank, unsauberer Geschäfte mit Schwarzgeld  beschuldigt hatte – letzteres zu Recht, wie sich später herausstellte.

Wer sich auf Wikipedia die Chronologie des Casus durchliest, dürfte in seinem  Glauben an den Rechtsstaat erschüttert werden: So viele Lügen, Ausflüchte, Rechtsbeugungen, Schikanen und  Durchstechereien finden sich bei denen, die daran beteiligt waren, Mollath seine Rechte und seine Freiheit zu verweigern, allen voran bei den Juristen wie dem Richter Otto Brixner und Psychiatern wie Klaus Leipziger, Chefarzt in der Forensischen Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, und der bayerischen Justizministerin Beate Merk.

Die Häufung von Unrecht, Unlogik und Ignoranz interessiert die beiden Regisseurinnen allerdings verständlicherweise nicht zuerst. Sie zeigen Mollath abseits der Gerichte, einen bedächtigen Mann mit großem Horizont, raschen Assoziationen und einem Maß an Eigensinn, das bisweilen erstaunlich, auf Grund seiner Geschichte aber meistens auch verständlich ist. Harmlos etwa die Szene, als er sich von bestimmten Euro-Münzen aus anderen Ländern nicht trennen mag, als sei er Briefmarken-Sammler. Problematisch sein Verhalten gegenüber seinem Anwalt Gerhard Strate, dessen geschickter Verteidigung er letztlich seine Freiheit zu verdanken hat.

Strate, der den Fall ohne Honorar übernommen hatte, widmen die Autorinnen einen großen Teil ihres Films. Er bescheinigt seinem Mandanten eine gewisse „Widerständigkeit“. Wie bei Mollath beschränken sich die Filmemacherinnen dabei auf Szenen im Privatleben, etwa der Blumenpflege, was nicht so befremdlich wirkt, wie es klingen mag, spiegelt es doch die Ruhe, mit der der versierte Strafverteidiger seinem Beruf nachzugehen pflegt.

Überhaupt ist die Dokumentation trotz der skandalösen Sachverhalte von einer wohltuenden Gelassenheit geprägt – wozu auch die Beherrschtheit beiträgt, mit der Mollath von seinen Erfahrungen berichtet. Gleichwohl hat der Zuschauer mitunter das Gefühl, einem Vulkan zuzusehen, der jederzeit ausbrechen könnte. Doch wirklich heftig wird Gustl Mollath nur am nicht mehr vorhandenen Grab seiner Familie: „Man wollte mich ausradieren, als hätte ich nie gelebt.“

Sein Freund, der ihm Wohnung und Gesellschaft gewährte nach der Entlassung, beschreibt ihn als „übergenau“ und attestiert ihm „Kompromisslosigkeit“, und auch wenn der Film nie den Eindruck vermittelt, Gustl Mollath sei wirklich zu der Art von Gewalt fähig, die ihm die Richterin im Wiederaufnahmeverfahren zuschreibt, mag man  bisweilen an  Kleists „Michael Kohlhaas“ denken: So will er eine vollständige Rehabilitierung und erreichen, dass er auch von dieser Beschuldigung freigesprochen wird.

Man sollte meinen, der Fall von Gustl Mollath sei ein Skandal ohnegleichen. Aber dem ist nicht so. Dank Mollaths Initiative musste Ilona Haslbauer, ein weiteres Opfer falscher Bewertungen durch Psychiater, entlassen werden: auch sie zwangspsychiatrisiert. Und zwischen 2000 und 2010 versuchte die Hessische Landesregierung, einige ihrer Steuerfahnder loszuwerden – indem sie sie für psychisch krank, für paranoid erklären ließ. Mit Hilfe eines Gutachters. Der wurde später für seine falschen Expertisen bestraft, mit einer lächerlich geringen Summe. Und durfte weiterarbeiten.

Im  vergangenen Jahr  wurde laut Wikipedia bekannt, dass Gustl Mollath im Juli 2006 auf die Liste der NSU-Tatverdächtigen gesetzt wurde. Das darf man wirklich Wahnsinn nennen.

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