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TV-Kritik

07. Dezember 2012

Maybrit Illner: Maue Diskussion mit reißerischem Titel

 Von Ricarda Breyton
Ihn interessierte die ganze Diskussion nicht: Heiner Geißler. Foto: dpa

Maybrit Illner diskutiert in ihrer Sendung zum Thema „Das Jahr der Skandale - müssen Politiker Heilige sein?“ über die Causa Christian Wulff und die Affäre des Peer Steinbrück. Dabei werden Politiker zu Übermenschen stilisiert und Heiner Geißler sorgt für unfreiwillige Komik.

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Es ist bezeichnend, dass Maybrit Illners Gäste warten mussten. Während die seligen Weihnachtsengel von Carmen Nebel fleißigst Spenden sammelten und darüber die Zeit vergaßen, harrten der Politiker Thomas Oppermann und der Alt-Politiker Heiner Geißler der Diskussion der Frage: „Das Jahr der Skandale - müssen Politiker Heilige sein?“ Mit dabei waren Bild-Mann Martin Heidemanns, Sylvia Schenk von Transparency International und die Politikberater Michael Spreng und Moritz Hunzinger. Offensichtlich hatte man sich zum Jahresende kaum einen reißerischen Sendungstitel ausdenken können. Der Versuch, einen weiteren Jahresrückblick in das Talk-Show-Format zu packen? Das war es nicht – was zunächst erfreulich war. Denn von den sogenannten Skandalen stellte Illner nur zwei zur Diskussion: Die Causa Christian Wulff vom Jahresbeginn und die eben aufgerollte Affäre des Peer Steinbrück. Der eine hatte für ein Geschenkchen hier und da ein paar politische Vorzüge gewährt, der andere für seine Vorträgchen eine Millionen-Summe kassiert. Nein, nein, die beiden Fälle seien auf keinen Fall zu vergleichen, wies Illner mehrmals jede Kritik an der Auswahl der Fälle zurück und nahm damit ihrem Thema den Zusammenhang. Es ging ein bisschen um Steinbrück und viel um Wulff – Oft-Gehörtes kam erneut auf den Tisch.

Politiker als Übermenschen

Was Wulff falsch gemacht hat (die Annahme der Gefälligkeiten überhaupt, die schleppende Aufdeckung der Fakten), was jetzt falsch gemacht wird (die weitere Demontage des Ehepaars Wulff), was Steinbrück fälschlich tat (nun eigentlich nichts, aber seine Aufklärung hätte schneller und besser sein können) – all das ist bekannt. Nicht diskutiert wurde die wichtige Frage, ob unsere Erwartungen an einen Politiker denn noch normal sind.

Auch in der Sendung gestern schufen die Anwesenden das Bild eines Übermenschen. Höhere Ansprüche soll der Politiker an sich stellen als der Normalbürger (Geißler), Vorbild soll er sein (Spreng), außerdem integer, glaubhaft, unbestechlich. Erwähnt wurden die kritischeren und sensibleren Bürger (Oppermann: „Wir sind demokratischer geworden.“), die wacheren Medien (Spreng) und die gestiegene Aufmerksamkeit gegenüber Korruptionsfällen (Schenk). Das ist alles sehr löblich, ohne Frage. Aber stimmt das auch?

Geißler sorgt für ungewollte Komik

Für ungewollte Komik sorgte Heiner Geißlers wiederholte Aussage, dass ihn die Diskussion nicht interessiere. Beruhigend war, dass er als einer der ersten erkannte, dass in der Sendung nichts zu hören war, „was nicht schon seit einem halben Jahr durchdekliniert wurde“. Weniger beruhigend war der moralische Zeigefinger, den er mahnend erhob: „Die Weimarer Republik ist zu Grunde gegangen, weil die Nazis finanziert wurden von der Großindustrie.“ Es sei genau deswegen so wichtig, Politik und Wirtschaft streng zu trennen. Nicht mehr das Heilige war Thema, sondern das Unheilige, nicht mehr die charakterlichen Anforderungen an den Einzelnen, sondern das Verfassungssystem. Man hätte sich gewünscht, dass mal einer auf den Tisch gehauen hätte und Illners Eintrittsfrage trotzig verneint hätte. Nein, natürlich müssen Politiker keine Heiligen sein! Natürlich gibt es Fehlverhalten von Politikern heute wie früher. Ja, vielleicht sind die Ansprüche der Menschen in dieser Hinsicht gestiegen. Aber bitte – manchmal vielleicht eben auch zu hoch.

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