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TV-Kritik
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03. Dezember 2012

Menschen 2012: Arschbomben und Sackhüpfen

 Von Klaudia Wick
Gewichtheber Matthias Steiner, seine Frau Inge und Moderator Markus Lanz.  Foto: Getty Images

In „Menschen 2012“ erinnert das ZDF an das zurückliegende Jahr wie an ein lärmiges Jahrmarktsvergnügen. Der fast vierstündigen Show fehlen die Höhepunkte und jeglicher emotionaler Tiefgang.

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In „Menschen 2012“ erinnert das ZDF an das zurückliegende Jahr wie an ein lärmiges Jahrmarktsvergnügen. Der fast vierstündigen Show fehlen die Höhepunkte und jeglicher emotionaler Tiefgang.

Schon die Bibel kennt fette und magere Jahre. Aber ein Jahresrückblick kennt solche Unterschiede nicht. Er nähert sich seinem Gegenstand aus Prinzip affirmativ, findet also die zurückliegenden Monate in jedem Fall interessant und bedenkenswert. Man könnte meinen, ein Jahresrückblick, der sich „Menschen 2012“ nennt, würde dieser öden Jubelfalle entkommen wollen. Denn die Menschen, die sich in einer Sendung mit diesem Titel vorstellen lassen, könnten ja auch mal etwas erlebt haben, das sich nicht immer nur „fett“ anfühlt. Aber dann wäre die fast vierstündige Liveshow von Markus Lanz eben keine Unterhaltungssendung mehr. Sondern eine seriöse Auseinandersetzung mit dem, was war und dem was künftig daraus werden könnte.

Deshalb muss die Vergangenheit, von der Lanz’ Gäste berichten in jedem Fall zum Guten hin abgeschlossen sein: Der Formel-1-Fahrer Alessandro Zanardi, der vor Jahren bei einem Unfall beide Beine verlor, gewinnt bei den Olympischen Spielen in London Gold auf dem Handbike. Der Rentner Manfred Walter, der bei einer Bergwanderung in eine Gletscherspalte fiel, wird nach sechs Tagen doch noch gerettet. Die „Schlecker-Frauen“ wagen nach ihrer der Kündigung beherzt einen beruflichen Neuanfang. Das Ehepaar Hammer, das eine Kreuzfahrt auf der „Costa Concordia“ gebucht hatte, entkommt der Katastrophe. Der Schauspieler Wotan Wilke Möhring, der als junger Mann in Los Angeles von geklauten Essensresten gelebt hat, kehrt mit einer Oscar-Nominierung nach Hollywood zurück. Nicht immer funktioniert diese Showgrammatik bruchlos.

Nicht fett genug

Manchmal hat die Redaktion einfach die Entscheidung getroffen: Die laden wir ein! Zum Beispiel Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Yasmin Sellou, deren ungewöhnliche Freundschaft mit „Ziemlich beste Freunde“ in diesem Jahre verfilmt wurde. Die beiden eröffnen die Show und erzählen in fünfzehn eher unergiebigen Minuten noch einmal ihre Kennenlerngeschichte, die schon zum Filmstart allerorten bekannt gemacht worden ist. Letztlich ist diese Einladung nur Vorwand, drei Mal Ausschnitte aus dem populären Kinofilm zeigen zu können. Denn die Einspieler haben eben „Showwert“.

Das ist auch im Fall von Johanna Quaas so: Die 87-jährige Sportlerin aus Halle wurde vor zwei Monaten ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen als älteste Turnerin der Welt. Die fidele Oma, die (vermeintlich spontan) auch den Moderator Lanz zu einem Schulterstand ans Reck einlud, gehörte zu den wenigen frischen Momenten ein. Die Biathletin Magdalena Neuner hatte er seinerseits an eine Kirmesschießbude beordert, wo er traf, die Leistungssportlerin nur ins Leere schoß. Aus dem besonders lustigen Showeinfall wurde so eine besonders peinliche Nummer.

Wenn es nach dieser ZDF-Show ging, dann war 2012 ein besonders kurioses Jahr mit vielen Arschbomben und einer Präsidentengattin, die im Weißen Haus Sackhüpfen spielt. Ernste Politik ist in dieser televisionären Erinnerungsarbeit ohnehin nur eine Randnotiz, die vom Rücktritt des Bundespräsidenten und den Sandalen von Johannes Ponader gefüllt wurde. Griechenlandkrise? Eurorettung? Afghanistan-Einsatz? Syrien, Ägypten, der Rest der Welt? Alles nicht fett genug für eine Sendung, die nach fast vier Stunden vor allem das Gefühl hinterließ: Was war diese Show mager!

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