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TV-Kritik
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21. Dezember 2012

Polizeiruf RBB TV-Kritik: Aufgeputscht und abgelegt

 Von Torsten Wahl
Brutal: Ditsche (Max v. d. Groeben, l.)  Foto: rbb/Oliver Feist

Der RBB-„Polizeiruf“ über Drogenpartys mit Todesfolge findet weitestgehend den richtigen Ton für ein ernstes Thema. Über weite Strecken gelingt es den Autoren, Krimiunterhaltung mit Aufklärung zu verbinden, ohne jedoch ständig den moralischen Zeigefinger zu heben.

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Berlin –  

Wer kurz vorm Fest einen gemütlich-besinnlichen Brandenburger Landkrimi erwartet hatte, der sitzt hier im falschen Film. Die ersten Szenen entführen in eine donnernde Großraumdisco. Zwei aufgedrehte Mädchen werfen Pillen ein. Tags darauf liegt die eine tot und vergewaltigt auf einem Schrottplatz, ihre Freundin landet mit einem Kater und Filmriss im Bett. Thematisch knüpft der RBB-„Polizeiruf“ an den letzten RBB-„Tatort“ an: Auch der Krimi vor fünf Wochen kreiste um die verheerende Wirkung von Partydrogen.

Doch ob Berlin oder Brandenburg: Natürlich können sich Jugendliche aus dem Speckgürtel genauso leicht aufputschen wie die Kids in Mitte. In einer anderen Welt leben dafür ihre Eltern, die fassungslos in ihren schmucken Einfamilienhäuschen sitzen und nicht geahnt haben, wo ihre Töchter die Nächte verbracht haben. Christina Große und Rainer Strecker führen vor, wie ein Elternpaar regelrecht wachgerüttelt wird.

Auch Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) muss den Filmtitel „Eine andere Welt“ ausreizen: Denn die junge Mutter stürzt sich nach der Babypause wieder in den Dienst und muss erleben, wie dieser Fall in ihr trautes Mutter-Kind-Glück einbricht. Ein seltsamer Zeuge (Joel Basman), ein Mitschüler der Toten, fühlt sich von zwei Verdächtigen verfolgt und versucht, sich bei Olga und dem Baby einzunisten.

Starr vor Scham

Maria Simon findet als Kommissarin den richtigen Ton für diesen Krimi. Denn ihre Olga Lenski ist noch jung genug, um sich an ihr eigenes Partyleben zu erinnern, kann also sowohl Verständnis als auch Konsequenz und Strenge beweisen. Demgegenüber muss der ältere Kollege Krause nur kopfschüttelnder Außenstehender bleiben. Regisseur Nicolai Rohde stellt die Anteilnahme der Zuschauer vor allem über die Figur der Hanna her, der besten Freundin der Getöteten. Newcomerin Lotte Flack spielt berührend dieses junge Mädchen, das zunächst geschockt und starr vor Scham ist und sich lange dagegen wehrt, sich mit jener Nacht auseinanderzusetzen. Eine glaubhafte Identifikationsfigur für jüngere Zuschauer.

Die Krimistory vorantreiben aber muss vor allem Herbert Knaup in der Rolle eines arroganten Jura-Professors, der seinen verdächtigen Sohn samt dessen frechen Kumpel verteidigt. Sein Professor Gottsched ist ein schillernder Typ, der den Polizisten um Olga Lenski ein ums andere Mal nachweisen kann, dass offensichtliche Schlüsse nicht immer die richtigen Schlüsse sein müssen.

Über weite Strecken gelingt es dem passablen „Polizeiruf“, Krimiunterhaltung mit Aufklärung zu verbinden, ohne allzu stark zu moralisieren. Völlig missraten sind nur die letzten Sätze vor dem Abspann, die wie angehängt wirken. Denn hier geben sich Lenski und Krause auf einmal doch belehrend und hinterlassen einen leichten Misston. Wer vor Weihnachten aber eine heitere Krimischnurre erwartet, der muss aufs nächste Jahr warten: Da sollen Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar antreten.

Polizeiruf 110: Eine andere Welt, Sonntag, 23.12, ARD

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