Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

11. Juni 2013

Sex - Made in Germany: Der Staat als Zuhälter

 Von Barbara Dierksen
65 Prozent der in Deutschland arbeitenden Prostituierten kommen aus dem Ausland, die meisten aus Osteuropa.  Foto: dpa

Das deutsche Prostitutionsgesetz ist eines der liberalsten weltweit - gemacht, um Huren sozial abzusichern. Hat es Deutschland tatsächlich zum "größten Bordell Europas" gemacht? Dieser Frage gehen Sonia Kennebeck und Tina Soliman in der ARD-Dokumentation "Sex - Made in Germany" nach.

Drucken per Mail

Seit der im Jahre 2002 erfolgten Legalisierung der Prostitution hat Deutschland eines der liberalsten Prostitutionsgesetze der Welt. Ziel des rotgrünen Reformprojekts war ursprünglich, Prostituierte zu stärken, und ihnen eine mit Sozial- und Krankenversicherung abgesicherte selbständige Arbeit zu ermöglichen. Wer aber hauptsächlich von dem Gesetz profitiert, das zeigt die ARD-Dokumentation von Sonia Kennebeck und Tina Soliman.

Zwei Jahre lang haben die Autorinnen recherchiert und Kunden, Prostituierte, Zuhälter und Bordellbetreiber interviewt, zum Teil mit versteckter Kamera. Zufrieden zeigen sich die Männer. „Deutschland ist das größte Bordell in Europa“, so bringt es ein dänischer Freier auf den Punkt. Und es zieht nicht nur Männer aus dem europäischen Ausland in die deutschen Bordelle. Mittlerweile gibt es sogar organisierten Sextourismus mit Kunden aus Asien und den USA, die für einen spottbilligen, Sechs-Tage-Puffurlaub nach Deutschland reisen. Flatrate-Bordelle für 49 Euro - Sex und Drinks, so viel man will und kann, Onlineauktionen, bei denen Sex mit Jungfrauen oder Schwangeren ersteigert werden kann, Prostituierte, die keinen Kunden ablehnen dürfen - all das gehört zum deutschen Alltag beim Geschäft mit der Lust, seit dies nicht mehr illegal ist. 

Prostitution bringt den Kommunen ordentlich Steuereinnahmen

Erstaunlich, wie groß der Hang zum Exhibitionismus und das Mitteilungsbedürfniss derer ist, die für Sex bezahlen und auch derer, die die Geschäfte damit machen. Da spricht der Betreiber einer Internetsexbörse vom „Lifestyle-Marktplatz“, ein Freier hat seit der Einführung der Flatrate-Bordelle endlich „nicht mehr das Gefühl, man wird ausgenutzt und ausgebeutet“, der Stuttgarter Stadtkämmerer antwortet auf die Frage der Autorinnen, wieso denn nur die Frauen Vergnügungssteuer zahlen müssen: „Den kennen wir ja nicht, den Freier“. Tatsächlich sind die Steuereinnahmen der Kommunen durch die Prostitution beachtlich. Selbst Frauen, die auf dem Straßenstrich arbeiten, werden noch von den Beamten zur Kasse gebeten. Der „Pressesprecher“ eines großen deutschen Bordells meint zu alledem: „Der Staat ist der moderne Zuhälter geworden.“

Die Frau wird zur Ressource

Die Reportage bringt es auf den Punkt: "Die gute Absicht, Prostituierte per Gesetz zu legalisieren, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Die Frau wird zur Ressource, die so effizient wie möglich genutzt wird. Außerhalb dieses Tauschgeschäftes aber verliert sie jeden Wert." Was an starken Eindrücken dieses Films bleibt, sind aber weder solche treffsicheren Aussagen noch die Bilder, die manchmal allzu stark die „saubere und wohltemperierte“ Welt der deutschen Großbordelle spiegeln.

Es sind die Aussagen der rumänischen Frauen, die die Autorinnen in ihrer Heimat besucht haben: Junge Frauen, denen ein besseres Leben versprochen wurde und die dann bis zu vierzig Freier an einem Tag hatten. Frauen, die mit jedem Sex haben mussten und die monatelang mit nicht mehr als zwei oder drei Stunden Schlaf pro Nacht auskommen mussten. Frauen, die versprochen hatten, ihrer Familie zu helfen und deswegen weiter arbeiteten, „obwohl sie uns in Deutschland wie Müll behandelt haben.“ Und Frauen, die zur Prostitution in Deutschland gezwungen wurden.

Das deutsche Gesetz fördert den Menschenhandel

65 Prozent der hier arbeitenden Prostituierten kommen aus dem Ausland, die meisten davon aus Osteuropa. Eine von der Europäischen Kommission finanzierte Studie kam jüngst zu dem Ergebnis, dass das deutsche Prostitutionsgesetz massiv den Menschenhandel fördert. Es führe mit einer steigenden Nachfrage zu einer Vergrößerung des Marktes und damit steige auch die Nachfrage nach illegal eingeschleusten Prostituierten.

Es ist also dringlich Zeit, das Gesetz in einen kritischen Fokus zu rücken. „Sex – Made in Germany“ hat hier hoffentlich das richtige Publikum erreicht.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien