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TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

07. Februar 2016

Tatort „Sternschnuppe“: Die wuide Marie

 Von 
Helga und Vera Sailer (Susi Stach, links, mit Sabrina Rupp).  Foto: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

Im Schlagerbusiness werden keine Gefangenen gemacht. Herrlich lakonisch und bissig erzählt der Wien-Tatort „Sternschnuppe“ die Geschichte eines Musikmanagers, der nur scheinbar bei einem Sex-Unfall stirbt.

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Beim 14. Fall (oh ja, auch schon wieder) darf so ein Ermittlerduo durchaus auftreten wie ein altes Ehepaar. Oder eigentlich: wie trotz allem noch befreundete Geschiedene. Adele Neuhauser als Bibi Fellner, Harald Krassnitzer als Moritz Eisner pampen sich im neuen Österreich-Tatort an, dass es eine Freude ist. Und mag mancher Scherz auch nicht mehr hundertprozentig frisch sein, so wird er von Neuhauser und Krassnitzer doch mit herrlicher Lakonie und wunderbar beiläufiger Bissigkeit aufgetischt. Von Adele Neuhauser kann man außerdem lernen, welche Nuancen das Wort „ambitioniert“ bekommen kann. Ein Hoch auf die Schauspielerin, aber auch auf Drehbuchautor Uli Brée.

Nur vordergründig geht es um ungewöhnliche Sexpraktiken – aber es reicht, um die beiden Kollegen auf die hier tatsächlich einmal lustige Was-ist-eigentlich-mit-deinem-Sexleben?-Spur zu schicken. Ein Musikmanager scheint sich selbst erdrosselt zu haben auf der Suche nach dem ultimativen Orgasmus. Doch war er auch fieser Oberjuror in der Casting-Show „Sing Your Song“. Doch hat er auch junge Talente mit Knebelverträgen an seine Firma gebunden. Doch stellt die Pathologin – Krassnitzer nennt sie Susi-Mausi, Fellner guckt einen Dolch – zügig fest, dass dem berühmten Musikproduzenten ein Liedtext in den Rachen geschoben wurde.

Aber nein, es war nicht der Text seines allergrößten Kassenschlagers mit dem Refrain: „I bin die wuide Marie/ und zwing an jedn in die Knie“. Kriminalassistent Schimpf, Thomas Stipsits, zeigt sich singend kundig. Sein Boss zeigt sich undankbar.  Die Witwe sagt „Alles, was Sie hier sehen – ein Lied“ und meint die „wilde Marie“ und die Villa. Die (verdächtig gefasste!) Witwe sagt auch den großartigen Satz: „Ich glaub’, es wird langsam Zeit für mich zu weinen.“

„Wir sind beim Privatfernsehen, nicht bei Caritas“

Regisseur Michi Riebl hat von dem jungen Sänger und Schauspieler Rafael Haider und dessen Vater einen Song für die fiktive Casting-Show komponieren lassen. Haider spielt auch den ehrgeizigen Aris, der unbedingt den Wettbewerb gewinnen will. Bis er Vera (Sabrina Rupp) kennenlernt, die titelgebende „Sternschnuppe“, die als SYS-Gewinnerin kurz mal oben war und gleich wieder unten. Jetzt singt sie im Kinderparadies – „eine Putzfrau verdient mehr“ – und trägt am Handgelenk die Spuren eines Selbstmordversuchs.

Zur Sendung

Der Krimi: "Tatort: Sternschnuppe".

Sendezeit: ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Der bittere Ernst schleicht sich dann zügig in diesen „Tatort“, der die tragische Seite seiner Geschichte nicht verjuxt. Gerade hat man der jungen Frau noch gesagt, wie toll sie ist. Dann hat sich ihre Musik aber nicht verkauft. Dann verschwand sie in der Bedeutungslosigkeit und der Klinik. Die verantwortliche (verantwortliche?) Redakteurin des Senders fasst zusammen: „Wir sind hier beim Privatfernsehen, nicht bei der Caritas“. Und bastelt weiter am Image des möglichen neuen Siegers. Zum Image gehört der früh verstorbene Rocksänger-Vater. Dazu gehört nicht, dass der vor seinem Tod auf Methadon war. Der Zynismus der Beteiligten klingt allemal lebensnah.

Indessen darf man gespannt sein, was Bibi Fellner und Moritz Eisner aus Anlass ihres 15. Falls daraus machen, dass sie laut einem Sexualtherapeuten „gut zusammenpassen“. „Das ist ja lächerlich!“, sagt Bibi Fellner vorerst. Man wird sehen.

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