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29. Juli 2014

TV-Kritik: „AKW-Rückbau – Zu welchem Preis?“ (Arte): Strahlende Zukunft

 Von Tilmann P. Gangloff
Bis heute gibt es keine wirklich sichere Lagerung für radioaktive Abfälle, die zum Teil über Hunderttausende von Jahren eine Gefahr darstellen werden.  Foto:  ARTE France / © Eclectic Presse

An der Arroganz der Atommacht hat sich in den letzten 25 Jahren nichts geändert, wie diese Arte-Dokumentation verdeutlicht: Der Abriss der Atomkraftwerke und die Lagerung des radioaktiven Mülls ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

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Die Katastrophe von Fukushima war eine späte Bestätigung für all jene, die schon vor Jahrzehnten gegen Atomkraft protestiert haben. Für grimmige Triumphgefühle aber gibt es keinen Anlass, denn im Grunde hat sich nicht viel geändert. Schon 1988/89 haben Bertram Verhaag und Claus Strigel mit „Restrisiko“, einem Film über den Protest gegen die oberpfälzische Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, die Arroganz der Macht dokumentiert. Die Arte-Produktion „AKW-Rückbau – Zu welchem Preis?“ verdeutlicht, dass die Atomlobby heute noch genau so gut wie damals funktioniert. Der Franzose Bernard Nicolas vergleicht die Zustände in Deutschland, Amerika und Frankreich. Sein Fazit ist desillusionierend, aber auch nicht völlig überraschend: Die Energiekonzerne sind auf die enormen Kosten, die durch den Abriss der Kraftwerke auf sie zukommen, nicht mal annähernd vorbereitet; und es gibt nach wie vor keine schlüssigen Konzepte für die Endlagerung des radioaktiven Mülls, der noch mehrere hunderttausend Jahre lang tödlich vor sich hin strahlen wird.

Natürlich ist es ein nicht wieder gut zu machender Fehler, dass die Konzerne die Kraftwerke überhaupt ohne Entsorgungskonzept errichten durften, aber zumindest in diesem Punkt scheiden sich auch die Geister der Experten: Die einen wollen den Dreck möglichst tief in der Erde verscharren; die anderen hoffen, irgendwann werde ein Weg gefunden, das Zeug unschädlich zu machen, weshalb es bis dahin zugänglich sein müsse. Außerdem könne bei Lagerung an der Oberfläche im Fall einer (durchaus möglichen) Explosion eher eingegriffen werden als tief in einem Bergwerksschacht.

Fast zwangsläufig löst Nicolas mit seinem ruhigen, sachlichen Stil ganz andere Gefühle aus als die Dokumentarfilme Ende der Achtziger. Damals schürten die Bilder prügelnder Polizisten, die hemmungslos auf Demonstranten einschlagen, erst recht die Lust auf Widerstand. Am Zorn hat sich nichts geändert, zumal ja jeder mit im Boot sitzt, denn die Suppe müssen ja keineswegs bloß jene auslöffeln, die sie damals eingebrockt haben. Aber nun kommt eine gewisse Ohnmacht dazu, denn ähnlich wie die Autoren vergleichbarer Filme über die menschenverachtenden Machenschaften global agierender Konzerne (etwa „Bottled Life“ über Nestlé) stellt auch Nicolas fest: Wo sich Protest gegen eine Zwischenlagerung regt, pumpen die Unternehmen einfach so lange Geld in eine Region, bis Ruhe ist.

Davon abgesehen gelingt es dem Franzosen, die komplizierten Vorgänge und vor allem die Risiken des Kraftwerksrückbaus mit Hilfe diverser Experten ausgesprochen anschaulich zu erklären. Die Bebilderung wirkt zwar mitunter beliebig und hat nicht immer einen konkreten Bezug den Aussagen der Gesprächspartner, aber das ist ein grundsätzlicher Missstand dieser Art von Filmen. Umso bemerkenswerter, dass es Nicolas gelingt, das Thema in nur knapp siebzig Minuten umfassend zu behandeln. Davon abgesehen ist die Botschaft dank diverser haarsträubender Beispiele für den Zynismus vor allem der französischen Atomenergiebehörde deutlich: Man durfte diesen Leuten damals nicht trauen; und man darf es heute, wenn es um die Beseitigung der „strahlenden Zukunft“ geht, erst recht nicht.

AKW-Rückbau - Zu welchem Preis? Dienstag, 29. Juli um 20:15 Uhr (68 Min.), Arte

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