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09. März 2016

TV-Kritik: „Aus der Haut“: Mit aller Wucht

 Von David Segler
Milan Schultze (Merlin Rose) im Auto seines Vaters.  Foto: MDR

Dieser ARD-Mittwochsfilm lebt vor allem von seinem starken Buch: Stefan Schallers Coming-of-Age-Geschichte „Aus der Haut“.

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Geschichten vom Coming Out sind im Kino und Fernsehen beileibe nicht neu, aber doch immer wieder reizvoll, weil sie – bei gelungenen Beispielen – erahnen lassen, was für ein Kampf im inneren desjenigen tobt, der gerade seine Sexualität neuentdeckt. Warum es dabei deutlich mehr Geschichten von Jungen als von Mädchen gibt, die ihre Orientierung ergründen, müsste an anderer Stelle einmal unbedingt genauer beleuchtet werden.

Das Erwachen der homosexuellen Neigung ist auch im dieswöchigen ARD Mittwochsfilm „Aus der Haut“ das Thema. Der 17-jährige Milan (Merlin Rose) lebt mit seinen Eltern zusammen, bringt die Schule hinter sich, wie man das eben so tut, und hängt am liebsten mit seinem besten Kumpel ab. Im Grunde ist also alles in Ordnung. Nur mit seiner Freundin läuft es nicht, Milan hat das Gefühl, sie sei dauernd nur auf Sex aus. Ein Problem, mit dem er als 17-Jähriger auf dem Schulhof natürlich nur belächelt oder gar beneidet wird. Doch Milan merkt, dass da irgendetwas nicht stimmt. Im Affekt küsst er eines Abends seinen besten Freund, das ist das Indiz: Milan ist schwul. Für ihn selbst gibt es zunächst nichts Schlimmeres. Alles ändert sich, alles scheint in sich zusammenzufallen. „Schwule Fotze“, beschimpft er sich einmal selbst im Spiegel.

„Aus der Haut“ schafft es auf eindrucksvolle Weise, einer klaren Haltung oder einem „einfachen Weg“ zu entgehen. Das liegt am starken Buch von Jan Braren, der 2010 schon Kilian Riedhoffs TV-Erfolg „Homevideo“ geschrieben hat. Braren nimmt alle seine Figuren zu jeder Zeit ernst und kümmert sich um ihre Bedürfnisse. Die  stehen aber nicht allein und im Vordergrund, sondern sind stets mit dem Interesse Milans verknüpft, eine funktionierende Familie am Leben zu halten. Das Es ergibt ein starkes Figurenkonstrukt.

Milan spricht natürlich erstmal mit niemandem über seine Homosexualität, sondern bringt sich in einem Anfall von Selbsthass betrunken mit dem Auto des Vaters (Joachim von Bülow) beinahe selbst um. Ein einfacher Weg wäre es gewesen, diesen Selbstmordversuch zum Konflikt des Films zu machen und die Auflösung von Milans Homosexualität ans Ende zu stellen. Doch Braren geht weiter. Viel früher als in der Dramaturgie von solchen TV-Filmen üblich erzählt Milan seinen Eltern von seiner Homosexualität. Eine starke Entscheidung, denn so schafft es der Autor, mehr als nur ein Coming Out eines 17-jährigen zu erzählen. Es ist im Grunde ein Familienfilm in dem etliche Themen stecken, manche nur angerissen, manche auserzählt, aber alle nachvollziehbar.

Es geht um Freundschaft, um Erfüllung im Beruf (für die Eltern), um Grenzerfahrungen und Schwulenfeindlichkeit an deutschen Schulhöfen (für Milan). Ein reifer Film, der auf vielen Ebenen gut funktioniert. Merlin Rose spielt den jungen Milan wunderbar energisch. Sobald er Gewissheit über seine Sexualität hat, spürt man die ganze Wucht in ihm, die diesem jungen Kerl eigentlich viel zu viel ist. Er will doch nur normal sein und lernt im Laufe des Films, dass er es erst durch sein Outing geworden ist.

Immer wenn man befürchtet, jetzt werden Braren und Regisseur Stefan Schaller von einem Klischee gefangen (und sei es nur ein ARD-Mittwochsfilm-Klischee) umgehen sie es doch noch. So ist „Aus der Haut“ in all seiner Wucht eine feinfühlige und gelungene Coming-of-Age-Geschichte geworden.

„Aus der Haut“, ARD, Mittwoch, 9. März, 20.15 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

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