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15. Dezember 2013

TV-Kritik: „Das aktuelle Sportstudio“: Generation Lahm im Sportstudio

 Von 
Jochen Breyer moderiert das "aktuelle Sportstudio".  Foto: dpa

Jochen Breyer  feiert einen abgeklärten und fehlerfreien Einstand als Moderator des ZDF-Sportstudios. Genau darin liegt auch sein Problem. 

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Jochen Breyer  feiert einen abgeklärten und fehlerfreien Einstand als Moderator des ZDF-Sportstudios. Genau darin liegt auch sein Problem. 

Dem überlangen Showtanker „Wetten, dass..?“ im Programm des ZDF zu folgen, ist Fluch und Segen zugleich. So hatte Jochen Breyer Samstagnacht zwar 22 Minuten mehr Zeit für Lampenfieber vor seinem Debüt als Moderator des aktuellen Sportstudios. Sein abgeklärter, souveräner Auftritt wirkte nach dem überdrehten Dauerlächeln von Showmaster Markus Lanz dann aber wie eine Wohltat. Dennoch: Muss man mit 31 Jahren derart routiniert rüberkommen wie seine Vorgänger kurz vor der Ablösung? Ein eigener Stil? Nicht feststellbar. Nicht mal optisch wagte Breyer die Rebellion. Wo Günther Jauch einst durch übergroße, knallbunte Blazer und Stachel-Frisur aufzufallen wusste, wählte Breyer schwarzes Hemd und schwarzes Jacket zur hellen Jeans. In den Casting-Shows des Privatfernsehens werden regelmäßig glänzende Sänger wegen fehlenden Wiedererkennungswerts  aussortiert. Beim ZDF macht man sie zu Moderatoren.

„Hier isst man viel Wurst“

Unfallfrei führte Breyer durchs Programm, das allerdings, und das muss man Markus Lanz zugutehalten, auch nur aus kleinen Moderationsblöcken zwischen den Zusammenfassungen aus den Fußballstadien der Republik sowie einer lockeren Plauderrunde mit dem einzigen Studiogast besteht. Der Name des Dortmunder Torjägers Pierre-Emerick Aubameyang ging Breyer, man ahnt es, den Abend über unfallfrei die Lippen. Viel Neues erfuhr man über den Gabuner mit französischem Pass, den das ZDF in seinen Einspielern unentwegt als „verrückten“ Typen verkaufen wollte, jedoch nicht. Seine Mama kocht zu Hause, mit dem Deutschen hapert es noch deutlich und er hat ein Faible für schnelle (und teure) Autos. Breyer hatte im Vorfeld angekündigt, keine „08/15-Fragen“ stellen zu wollen. Das ist bei einem Fußballer als Gesprächspartner aber gar nicht so einfach. Also schickte Breyer einen Twitter-User vor, der wissen wollte, wie schwer Aubameyang die Umstellung vom französischen auf das deutsche Essen fiel. Antwort: „Hier isst man viel Wurst.“

Breyer, der seit 2007 für das ZDF arbeitet und im Wechsel mit Oliver Welke die Champions-League-Abende moderiert, ist kein Zuhörer. Als Aubameyang mit der Legende aufräumte, er renne auf den ersten 30 Metern schneller als 100-Meter-Weltrekordler Usain Bolt - stattdessen nämlich, immer noch beachtlich, gleich schnell -, wollte Breyer dennoch wissen, was denn dann auf den letzten 70 Metern schieflaufe, dass er seinen Vorsprung noch verdaddele.

Der Einstieg des Debütanten war selbstironisch und deswegen klasse. Als sich die Showtür zur altbekannten Titelmelodie öffnete, saß lediglich Aubameyang in seinen goldglitzernden Schuhen auf der Zuschauertribüne. Gleich nochmal, forderte er streng und stöhnte auf untertiteltem Französisch: „Warum hab ausgerechnet ich den Neuen?“ Hätte Breyer es bei dem zuvor aufgezeichneten Gag belassen – es wäre der perfekte Beginn gewesen. Gleich danach allerdings grinste er Aubameyang schelmisch an: „Ihr erster Auftritt im aktuellen Sportstudio. Sie müssen ganz schön aufgeregt sein.“ Eine Anspielung zu viel.

Ohne Ecken und Kanten

Das Zusammenspiel mit dem dankbaren Mainzer Studiopublikum beherrscht Breyer (noch) nicht, allerdings war sein Vorgänger, der stets jungenhafte Michael Steinbrecher, darin auch nicht zu schlagen. Steinbrecher hatte nach 21 Jahren als Sportstudio-Moderator auf eigenen Wunsch hin aufgehört. Dessen Debüt im Alter von 26 Jahren konnte noch nicht einmal Breyer, laut Boulevard schon jetzt der „neue Mr. Sportstudio“, toppen. Mit dem Heidelberger Breyer und seinem Kollegen Sven Voss, die Dritte im Bunde ist Katrin Müller-Hohenstein, hat im Sportstudio wie auf dem Fußballplatz die Generation Lahm das Sagen. Gut ausgebildetes, skandalfreies Personal ohne Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen könnte. Schalten sie dann ins Stadion, wie Breyer gestern abend nach Mainz, dann kommentiert dort Oliver Schmidt, noch so einer ohne Wiedererkennungswert, statt des Fettnäpfchen-gestählten Rolf Töpperwien.

Wer sich nach solchem Personal zurücksehnt, der vermisst allerdings auch unkrautbewachsene Stehränge hinter unnützen Tartanbahnen in betonschüsselartigen halbleeren Stadien, Spieler wie den jüngst gestorbenen eisenharten Verteidiger Walter Frosch, der erst seinen Gegenspieler über die Bande trat und sich dann eine Kippe ansteckte und Kommentatoren wie Heribert Faßbender, die sich selbst krank und heiser krächzend ans Mikrofon setzten. Diese Zeiten sind leider vorbei.

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