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10. März 2016

TV-Kritik: „Der Mann an ihrer Seite“: Die Entartung der Besten

 Von Harald Keller
Staatssekretärin Freya Gardner (Emily Watson), ihr Mann, Wirtschaftsminister Aiden Hoynes (David Tennant) und Arbeitsminister Bruce Babbish (Ed Stoppard) machen sich auf den Weg zur Parlamentssitzung (v.l.n.r.).  Foto: © Daybreak Pictures

Erstaunlich aktuell, kenntnisreich, psychologisch fundiert: Der britische Dreiteiler „Der Mann an ihrer Seite“ ist ein hochspannendes, wendungsreiches Politdrama erster Güte.

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In Sachen Politdrama werden die Maßstäbe in Großbritannien gesetzt. Hier entstand bereits 1990 die Originalfassung von „House of Cards“. Auch „State of Play“ gelangte als Mehrteiler der britischen BBC auf den Bildschirm, ehe in Hollywood das Remake mit Russell Crowe erfolgte. Mit dem Dreiteiler „Der Mann an ihrer Seite“ aus der Feder der renommierten Drehbuchautorin Paula Milne knüpfte die BBC 2013 an diese Tradition an.

Der Kultursender Arte zeigt die Produktion im Rahmen seines Themenschwerpunkts „Frauenpower – Die stille Revolution“. Paula Milne verhandelt das Thema nicht als trockenen Diskurs oder als glorifizierendes Heldinnenlied, sondern als facettenreiches Drama mit dezenten Anleihen beim Polit- und Psychothriller. Vielsagend schon das vorangestellte Motto: „Die Entartung der Besten ist das Schlimmste.“

Ein gescheiterter Coup

Am Morgen eines folgenreichen Tages liegt der britische Wirtschaftsminister Aiden Hoynes (David Tennant) bereits wach, als der Wecker ruft. Wenig später gibt er vor dem Unterhaus eine persönliche Erklärung ab: Er wendet sich leidenschaftlich gegen die restriktive Einwanderungspolitik seines eigenen Regierungschefs und verkündet seinen Rücktritt. Fortan will er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Doch nicht moralische Empörung, sondern politische Ambitionen haben ihn zu diesem Schritt veranlasst. Hoynes will, unterstützt von seiner Ehefrau Freya (Emily Watson), den bereits angeschlagenen Premier aus dem Amt drängen. Die Kabale scheitert, Hoynes hat sich verkalkuliert. Vermeintliche Unterstützer springen ab und scharen sich um den Premierminister, Hoynes‘ vermeintlich bester Freund Bruce Babbish (Ed Stoppard) begeht Verrat, um seine eigene Position zu stärken. Hoynes sieht sich kaltgestellt.

In einer überraschenden Wendung erhält im Zuge der nun nötigen Kabinettsumbildung Freya Hoynes das Angebot, Arbeitsministerin zu werden. Der Preis dafür: Sie soll die ausländerfeindliche Politik des Premierministers öffentlich befürworten. Freya will ablehnen, doch Aiden rät ihr, das Amt anzunehmen und danach den Kabinettschef in der Frage der Grenzschließung medienwirksam zu düpieren. Mit anderen Worten: Er will Freya zum Werkzeug seiner Rache machen. Doch einmal im Amt, entscheidet Freya anders. Sie nimmt ihre Aufgabe an und muss dabei eng mit Aidens Erzrivalen Bruce Babbish zusammenarbeiten.

Aiden verfolgt den Aufstieg seiner Frau mit Groll, Verunsicherung, Eifersucht, wachsendem Misstrauen. Die kleinen Demütigungen, der Status- und Machtverlust nagen an ihm. Jetzt muss er die Kinder in die Schule fahren, das kleinere Arbeitszimmer im Gartenhaus beziehen, sich um den verhaltensgestörten Sohn Noah (Oscar Kennedy) kümmern. Bald zeigt Aidan Anflüge psychotischen Verhaltens. Und startet quasi von der Küche aus insgeheim neue Intrigen … 

Überzeugende Teamleistung

Die Beschreibung des politischen Milieus mit seinen Ränken und Schachzügen, auch die psychologischen Auswirkungen von Ehrgeiz und Machtverlust, dazu die Geschlechterfrage werden von Paula Milne sehr viel präziser, stimmiger und weniger prätentiös thematisiert als in der Anfang des Jahres gezeigten, inhaltlich vergleichbaren deutschen Serie „Die Stadt und die Macht“. Zudem ist die britische Produktion, obwohl im Herkunftsland bereits im April 2013 ausgestrahlt und entsprechend früher konzipiert, mit dem Thema Flüchtlingspolitik frappierend aktuell. Der Premierminister, den Aidan Hoynes aus dem Amt drängen möchte, ist selbst unter Parteigenossen heftig umstritten, weil er die Grenzen für alle Flüchtlinge schließen und die britische Insel zu einer Art Festung machen möchte, während die Wirtschaft händeringend nach Nachwuchs und Fachkräften sucht.

Auch in anderer Hinsicht erweist sich Paula Milne als aufmerksame Autorin und Regisseur Simon Cellar Jones als der passende Interpret. Beispielsweise gelingt dem Team eine überzeugende Darstellung des Asperger Syndroms; beeindruckend die schauspielerische Leistung des seinerzeit vierzehnjährigen Oscar Kennedy, der den autistischen Noah verkörpert. Die erwachsenen Hauptdarsteller zählen ohnehin zu den Besten ihrer Zunft. David Tennant ist in Deutschland unter anderem bekannt aus der Kriminalserie „Broadchurch“, die für ihre Rolle als Freya Hoynes preisgekrönte Emily Watson hatte ihren Durchbruch mit Lars von Triers „Breaking the Waves“.

„Der Mann an ihrer Seite“, Donnerstag, 10.3., Arte, 20:15 Uhr, drei 57-minütige Folgen en suite

 

 

 

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