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27. Januar 2016

TV-Kritik: „Dicke Luft. Wenn Städte ersticken“ : Tod durch Atmen

 Von Franziska Schuster
In Neu Delhi, der Stadt mit der schlechtesten Luft weltweit, überschreitet der Feinstaubgehalt an manchen Tagen die laut WHO zulässigen Grenzwerte um das 100-fache.  Foto: Arte/© Scientifilms

Dass Luftverschmutzung nicht nur in Asien ein Problem ist, sondern trotz ständiger technologischer Verbesserungen auch in den reichen Industrieländern gesundheitsschädliche Feinstaub- und Schadstoffwerte verursacht, schildert eine Arte-Dokumentation in drastischen Farben.

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Diese Dokumentarfilme verderben einem die Laune. »Unser täglich Gift« heißen sie, »Albtraum Atommüll«, »Blaues Gold« oder »Plastic Planet«, um nur ein paar der bekannteren abendfüllenden Titel der vergangenen Jahre zu nennen. Sie berichten in warnendem Tonfall davon, wie wir uns selbst nach und nach zugrunderichten. Sie haben bestimmt recht.

Doch Plastikflaschen lassen sich immerhin vermeiden, und Gemüse kann man aus ökologischem Anbau kaufen, aber die Luft anhalten können wir nicht. Genau das wird uns jedoch laut dem Film »Dicke Luft« zum Verhängnis: Sieben Millionen Menschen sterben laut Aussage der Weltgesundheitsorganisation jährlich an den Folgen der Luftverschmutzung, im weltweiten Durchschnitt werde die Lebenserwartung aufgrund der Belastung der Atemwege durch Feinstaub und giftige Gase um drei Jahre gemindert. 

In ihrer Reportage spart die Journalistin Delphine Prunault nicht mit apokalyptischen Formulierungen: Wir hätten es hier mit dem »Umweltproblem Nr. 1« zu tun, dessen Auswirkungen mit denen eines »Massenmordes« vergleichbar seien, die Luftverschmutzung habe »dramatische Ausmaße« angenommen, das Auftreten von Atemwegserkrankungen sei »explosionsartig« angestiegen und die WHO »läutet die Alarmglocke«. Und all das sei im öffentlichen Bewusstsein zu wenig präsent, weil man sich vorrangig auf die Verringerung klimaschädlicher Gase konzentriere. 

Jenseits der drastischen Ausdrucksweise bemüht sich die Filmemacherin, einen fundierten Überblick über den weltweiten Status quo in Sachen Luftverschmutzung zu geben – kein anspruchsloses Unterfangen in 90 Filmminuten. Mit entsprechendem Tempo galoppiert sie durch die informativen Themenblöcke, der dichte Bilderfluss hat dabei vor allem illustrierende Funktion. Allein die Menge der Interviews, die Prunault mit Forschern, Politikern, Aktivisten und Geschädigten in China, Indien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, der Schweiz, Mexiko, den USA und anderen Ländern geführt hat, ist beeindruckend. 

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„Dicke Luft. Wenn Städte ersticken“. Arte, Dienstag, 26.01., 20:15 Uhr. Weitere Sendetermine: Freitag, 29. Januar, 8:55 Uhr, Dienstag, 16.02., 8:55 Uhr. Mehr Infos und das Video zum Nachschauen auf den Seiten der Sendung.

Daraus ergibt sich ein anschauliches Bild davon, worin sich die Probleme innerhalb der Staaten unterscheiden und welche Lösungsansätze es gibt. Spannend ist, dass die Fachleute neben den großen Industrieanlagen vor allem Dieselfahrzeuge als Hauptverursacher der Luftbelastung benennen. Es wird deutlich, dass schon lange vor dem VW-Skandal bekannt war, dass selbst die neueste Generation von Dieselmotoren in sehr viel größerem und gravierenderem Ausmaß die Luft verschmutzt, als die Industrie es suggeriert. Die offensichtlichste Lösung – ein Verbot von Dieselmotoren – ist zugleich die undenkbarste. »Wir haben die Verbraucher jahrelang ermuntert, Dieselfahrzeuge zu kaufen«, sagt die französische Umweltministerin Ségolène Royal. »Ein Verbot steht nicht zu Debatte«. 

Nicht nur das Beispiel zeigt, dass hier wie so oft Umwelt- und Gesundheitsschutzinteressen mit Wirtschaftsinteressen kollidieren. Da macht es wenig Hoffnung, dass Prunault eine »konzertierte Aktion« angesichts dieser »Notlage« fordert – wie gut konzertierte Aktionen angesichts von Notlagen funktionieren, können wir täglich in den Nachrichten erleben. 

Es ist natürlich nicht die Schuld dieses Films, dass die Fakten und Aussichten, die er präsentiert, unbequem sind. Der naheliegenden Gefahr, Angstzustände und Ohnmachtsgefühle auszulösen, begegnet die Filmemacherin mit einer Art verbissenem Optimismus, indem sie zum Beispiel aufkeimende Protestpflänzchen in China als »Bewegung« tituliert, die einen »Wendepunkt« herbeigeführt habe.

Absurderweise schwankt ihr Tonfall in Kombination mit den alarmistischen Superlativen dadurch zwischen Hysterie und Überschwänglichkeit, was auf Kosten der Seriosität geht. Damit reiht sie sich unnötigerweise ein in eine Art Katastrophenkonkurrenz, in der jeder Filmbeitrag für sich das gravierendste Menschheitsproblem erkannt zu haben glaubt. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Thematik ist das in jedem Fall nicht hilfreich.

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